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7. Platz:

Marlene Pfeifer

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Rauschgoldengel

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Autorin liefert hier eine Neu-Interpretation des Themas Schuld. Mit sparsamen Andeutungen und klaren Dialogen beschreibt sie nicht nur das Trauma der Angehörigen von Alkoholikern, sondern streift gleichzeitig den Konflikt zwischen den Generationen. Ein berührender Text, der ganz ohne Pathos auskommt.


Rauschgoldengel

Die Silberschleife knisterte, als die Huber-Bäuerin mit einem Messer zwischen den Klebstreifen glitt, um das Geschenkpapier aufzuschlitzen. Ihre Tochter Alexia wartete. Nach einem sechsstündigen Flug und fünf Stunden Zugfahrt kam es auf ein paar Sekunden mehr oder weniger auch nicht mehr an. Ein handgroßer, filigraner Metallstern kam zum Vorschein und das Gesicht der Mutter hellte sich auf. „Schön ist er. Vergelt`s Gott.“

SIE IST ALT GEWORDEN, SEIT PAPA NICHT MEHR IST, DACHTE SICH DIE TOCHTER. ICH SOLLTE ÖFTER HEIMKOMMEN. LAUT SAGTE SIE: „FÜR DIE SPITZE.“ SIE DEUTETE AUF DIE TANNE IM HERRGOTTSWINKEL. DIE HUBER-BÄUERIN SCHÜTTELTE DEN KOPF UND SCHLURFTE ZUM TISCH, WO SIE DEN DECKEL VON EINEM ROT LACKIERTEN HOLZKISTCHEN HOB. ZWISCHEN DEM SEIDENPAPIER FUNKELTE EIN ALTMODISCHER GOLDENGEL, EINE SPANNE GROß, MIT PAUSBACKEN UND VOLLMONDGESICHT, EINEM AKKURAT GEFÄLTELTEN ROCK AUS GOLD UND ÜBERGROßEN FLÜGELN. BAUERN-KITSCH, FUHR ES ALEXIA DURCH DEN KOPF. SO WAS WIRD IN CHINA PRODUZIERT UND DANN TEUER VERSCHERBELT. SIE SCHLUCKTE ES HINUNTER. ES WAR HEILIGABEND; UND SIE WAR VOR EINER HALBEN STUNDE HEIMGEKOMMEN.

DIE MUTTER HIELT DEN ENGEL ZUM LAMPENSCHIRM HIN UND PUSTETE EIN PAAR STAUBFLUSEN BEISEITE. „DAS IST EIN ECHTER NÜRNBERGER RAUSCHGOLDENGEL. HUNDERT JAHRE ODER ÄLTER“, ERKLÄRTE SIE STOLZ.

„HÖCHSTE ZEIT FÜR WAS NEUES.“ ALEXIA BISS SICH AUF DIE LIPPEN. JETZT WAR ES IHR DOCH HERAUSGERUTSCHT. WORTLOS STIEG DIE MUTTER AUF DIE ECKBANK UND NESTELTE AM TANNENWIPFEL, UM DEN ENGEL FESTZUBINDEN. MIT ABGEWANDTEM GESICHT BEMERKTE SIE: „DEIN VATER WÄRE FAST ZUM TRINKER GEWORDEN.“

Die Tochter starrte auf das gerahmte Foto auf der Fensterbank: ein stattlicher Jäger, in der rechten Hand die Büchse, die linke Hand hinter dem Lederhosenträger. Draußen hatte es zu schneien begonnen. Endlich traute sie sich zu fragen: „Und was hast du gemacht?“ „Entweder du hörst sofort damit auf, oder ich gehe, habe ich gesagt.“ Die Flocken draußen wirbelten immer stärker durcheinander, während Alexia versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Was ist dann passiert?“ hörte sie sich schließlich krächzen. „Aufgehört hat er.“ Die Stimme der Huber-Bäuerin troff vor Triumph und ihr krummer Rücken straffte sich. „Du meinst, er hat eine Therapie gemacht?"

„VATER UND THERAPIE? NIEMALS! ER HAT EINFACH AUFGEHÖRT, VON EINEM TAG AUF DEN ANDEREN.“ SIE ZUPFTE EIN PAAR STROHSTERNE ZURECHT. „ICH HAB`S IHM NATÜRLICH NICHT ABGEKAUFT UND MONATELANG IM KELLER UND AUF DEM DACHBODEN NACH LEEREN FLASCHEN GESUCHT. GEFUNDEN HABE ICH KEINE; TROTZDEM KONNTE ICH IHM NICHT MEHR VERTRAUEN. JEDEN TAG DACHTE ICH, JETZT TORKELT ER WIEDER LALLEND ZUR TÜR HEREIN UND ALLES IST AUS.“ „WARUM WEIß ICH NICHTS DAVON?"

„Du warst auf dem Gymnasium, hattest genug um die Ohren.“ Die Huber-Bäuerin drehte sich um und schaute ihrer Tochter voll ins Gesicht. „Dann hat er mir am Heiligen Abend diesen Engel geschenkt. Für meinen Schutzengel, hat er gesagt. Da konnte ich ihm auf einmal wieder vertrauen. Das war mein Weihnachtswunder.“ Sie wischte sich über die Augen und stieg von der Bank herunter. Die Holzdielen knarrten. Alexia tat so, als würde sie in der Kiste nach Weihnachtsschmuck kramen.

„Deinen Stern hängen wir an die Haustür, einverstanden?“ Die Augen der Mutter hoben sich bittend zu ihrer Tochter. „Weil ich mich da jeden Tag freue und an dich denke.“ Alexia nickte und machte einen Schritt nach vorne. Die Frauen fielen einander in die Arme.

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