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8. Platz:

Karen Weissheimer

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Tom ist frei

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Ein durch fließenden Stil bestimmter Text, der die klare Zeichnung eines erschöpften Ehemannes zeigt und dem Leser keine Chance lässt, sich zu entziehen. Unvermittelt muss er sich mit den Nöten, die nach jahrelangen Konflikten entstehen, und auch mit der Kontrollsucht der Partnerin identifizieren.


Tom ist frei

Tom begann sein neues Leben am 2. Januar. Er stand vorne auf dem Fährschiff, guckte erwartungsvoll in das Dunkel hinein. Der Wind blies die eisige Luft unter seine Kleidung, aber er spürte die Kälte nicht. Mit jedem Atemzug strömte die salzige Meeresluft in seinen Körper, Tom fühlte sich lebendig wie lange nicht. Er war frei!

Schuld war die dunkelbraune Küche. Britta folgte ihm jedes Mal dorthin, hier konnte er ihr nicht entfliehen. Sie blockierte den schmalen Durchgang in den Flur und erklärte Tom zunächst ganz gelassen, was er an diesem Tag alles falsch gemacht hatte, zumindest in der kurzen Zeit, in der sie sich sehen konnten. Er hatte die Kinder nicht genügend beachtet, seine Antwort hier war falsch, sein Tonfall dort, seine Manieren beim Essen, wie er wieder aussah. Britta blieb zunächst bei diesem einen Tag, bei diesem einen Abend. Nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatte, sie, nicht er, denn auch dies tat er ihr nicht gut genug, lief Britta erst zu großer Form auf. Tom hatte immer öfter das Gefühl, dass die braunen Küchenschränke sich bewegten, sie kamen immer dichter und drückten alles zusammen und ihm die Luft ab.

Nach sechzig Minuten hatte sich Britta ausgemeckert. Ihr Tonfall ging von Ironie, über Sarkasmus in blanke Vorwürfe über. Am Ende war es meckerndes Gekeife. Er war nicht gut genug für sie und die Kinder, seine Familie war undankbar, unhöflich, ihrer nicht wert. Tom war nicht gut genug für sie, er hatte sie getäuscht und verraten.

Seine Familie kam schon lange nicht mehr zu Besuch. Sein gutmütiger Bruder, die laute, fröhliche Schwägerin hatten keine Lust mehr hunderte von Kilometern von Langeoog nach München zu fahren, nur um sich von Britta die Laune verderben zu lassen mit ihren gesäuerten Vorträgen. Tom fühlte sich schlecht, sein Verhältnis zu den Kindern litt, manchmal ertappte er seine Tochter, wie sie den Tonfall ihrer Mutter imitierte, wenn sie mit ihm sprach. Tom hatte das Gefühl, dass es in seinem Kopf immer dumpf brummte.

Dabei war Tom ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Gehalt reichte für das Haus in der Stadt und die Ferienwohnung am See. Aber es war Britta nicht genug. Nie war irgendetwas genug. Es würde nie genug sein. Brittas Unzufriedenheit war wie ein Seelenkrebs, der sich langsam durch seinen Körper fraß. Diese Erkenntnis traf Tom ausgerechnet am Heiligabend in der Christmette. Eine Stunde Ruhe zum Nachdenken ohne Gezeter während des fast meditativen Ablaufes des Gottesdienstes. Danach funktionierte Tom wie ferngesteuert und mit einer Effizienz und Gründlichkeit, die Britta überrascht hätte. Am 27. Dezember beauftragte er einen bekannten Scheidungsanwalt, die Scheidungspapiere zu entwerfen. Britta sollte das Haus und die Wohnung bekommen, die Kinder selbstverständlich eine angemessene Unterstützung. Jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferien sollten die Kinder mit ihm verbringen. Der Anwalt hielt ihn für zu großzügig, der Vorschlag war unausgewogen, Tom solle zumindest die Wohnung behalten. Tom blieb stur, er wollte das alles nicht mehr. Für den Anfang würde ein Zimmer genügen. Irgendwo. Nur hell sollte es sein. Er wollte keinen dunklen Ballast mehr.

Als Britta im neuen Jahr zum obligatorischen Verwandtschaftsbesuch aufbrach, packte Tom seine Koffer. Peinlichst genau achtete er darauf, nur seine persönlichen Sachen mitzunehmen. Britta würde die Papiere am nächsten Tag zugestellt bekommen. Dies war zwar feige und stillos, aber es kümmerte ihn nicht mehr.

Acht Stunden brauchte er von der Stadt bis zur Fährhafen. Rechtzeitig zur letzten Fähre nach Langeoog um 17.30 Uhr erreichte er den kleinen Ort. Sein Bruder war überrascht gewesen bei seinem Anruf. Selbstverständlich könnte er kommen, die Gäste wären gerade weg, die Insel würde nach den Feierlichkeiten wieder ruhig und leer sein.

Tom sah die Lichter der Insel aus der Dunkelheit hervorbrechen. Er holte tief Luft und lachte. Er würde alles verlieren und war doch endlich frei.

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