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9. Platz:

Tino Dietrich

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Im letzten Winter

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2013 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eine alltägliche traurige Situation beschreibt Dietrich: die Hauptfigur leidet unter dem Tod des Partners und überträgt ihr Unvermögen, dies zu akzeptieren, in Verdrängung. Mit den Techniken der geschickt eingesetzten Wiederholung, dem plastischen inneren Monolog und dem lebendigen Stil macht der Autor das Unglück und die geistige Verwirrung der Hauptfigur ganz und gar plastisch.


Im letzten Winter

Wieder einmal verbrachte Stephan Holm den ganzen Tag mit seiner Arbeit als Rechtsanwalt. Dieser winterliche Freitagabend jedoch sollte anders werden. Stephan musste sich mit seinen zweiunddreißig Jahren keine Gedanken um Geld machen, davon hatte er mehr als genug. Seine Eltern waren ebenfalls Rechtsanwälte und er übernahm die Kanzlei samt Kundenstamm. Eine prunkvolle weiße Villa an der Alster war seitdem sein Zuhause. Schon immer zog es ihn an diesen Ort, mit all den Weiden, Eschen und Erlen, die die Bellevue, eine Straße direkt an der Außenalster im Hamburger Stadtteil Winterhude, einrahmten. Stephan hatte vor dem Amtsgericht Hamburg, am Sievekingplatz mit seinem schwarzen Mercedes CL 600 Coupé, geparkt und war froh, dass er die Gerichtsverhandlung gewonnen hat. Er stieg in sein Auto, rückte seinen grauen Anzug zurecht, startete den Motor und fuhr los in Richtung Alster. Am Dammtor-Bahnhof vorbei wechselte er auf die linke Fahrbahn um nicht die Abfahrt auf die Herbert-Weichmann-Straße, die ab zwölf Uhr mittags eine Einbahnstraße Richtung Winterhude wurde, zu verpassen. Müdigkeit überschattete seine Aufmerksamkeit und er war viel zu schnell unterwegs. Trotz Berufsverkehrs war wenig los auf den Straßen. In Richtung Bellevue fahrend, schlug die Ampel an der Kreuzung Karlstraße plötzlich auf Gelb, dann auf Rot um. Stephan träumte vor sich hin und bemerkte nicht, dass von links ein VW-Transit auf die Sierichstraße einbog. Ungebremst gab es einen lauten Knall und Stephan erschrak noch kurz beim Aufprall. Es wurde still.

Ingrid war außer sich vor Sorge, als am späten Abend ein Anruf aus dem Universitäts-Krankenhaus Eppendorf kam. Die Schwester teilte ihr mit, dass ihr Mann einen Unfall hatte, und nannte ihr die Station, auf der er lag. Eine Autofahrt kam für Ingrid nicht infrage, also nahm sie den Bus der Linie fünfundzwanzig, der genau vor dem Universitäts-Krankenhaus hielt. Bis auf ein paar Nachtschwärmer war der Bus leer gewesen. Außer zu erfahren, wie es ihrem Stephan geht, konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie konnte sich nicht mal erinnern, ob sie das Licht ausgeschaltet hatte, bevor sie die Eingangstür aus Eichenholz hinter sich zu zog. Als sie nach knapp dreißig Minuten endlich im Krankenhaus ankam, wurde sie an der Tür der Intensivstation abgeholt und zu ihrem Mann gebracht. Plötzlich wurde alles Schwarz um sie herum. Es wurde still.

Ingrid schreckte hoch, als das Telefon klingelte. “Hallo Schatz!”, sprach die Stimme am anderen Ende der Leitung.

“Stephan?”

“Holst du mich ab? Ich darf endlich nach Hause!”

“Ich bin unterwegs!”, sagte Ingrid sofort und legte auf. Im Eiltempo machte sie sich fertig. Zähne putzen, Gesicht und Hände waschen und saubere Kleidung aus dem Kleiderschrank. Das alles dauerte keine fünf Minuten. Andere bezeichnen diese Form der morgendlichen Hygiene als “Katzenwäsche”. Aber da es eilte, war es Ingrid egal. Geduscht hatte sie bereits am Vorabend, deshalb empfand sie es nicht als sonderlich schlimm. Ihren Mann endlich wieder bei sich zu haben, war ihr viel wichtiger als sich darüber Gedanken zu machen, was andere über ihr Aussehen sagen könnten. Mit einem Taxi kam sie kurze Zeit später im Krankenhaus an und eilte zu der Intensivstation. Dort wartete bereits Doktor Wohlers vor dem Zimmer von Stephan.

“Frau Holm, was machen sie denn schon wieder hier?”

“Ich möchte meinen Mann abholen. Er rief mich eben an, um mir zu sagen, dass er nach Hause kann!”

“Frau Holm. Sie kommen nun schon seit Jahren zu uns, um ihren Mann abzuholen. Irgendwann müssen sie sich damit abfinden, dass ihr Mann nun schon lange tot ist!”, erklärte ihr Doktor Wohlers. Ingrid erinnerte sich wieder. Stephan war bereits vor zwölf Jahren verstorben.

Traurig ging sie fort. Es wurde still. Es war ihr letzter Winter.

 

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