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1. Platz:

Michael Götze-Ohlrich

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Teneriffa

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Hier finden wir alle Kriterien der klassischen Kurzgeschichte vereint: direkter Einstieg, nicht mehr als drei Figuren, ein klarer Konflikt, Dialoge, die die Protagonisten charakterisieren und nicht allzu lange Beschreibungen, die das Thema „kuriose Verwicklungen“ malen, ohne es zu überfrachten. Zudem überzeugt uns diese Arbeit, weil es dem Autor mühelos gelingt, Komik und Alltagsproblematik zu vereinen; und pointierte Schilderungen lassen eine skurrile Hauptfigur entstehen.


Teneriffa

Es sei gegen elf gewesen, als die zwei Herren an jenem Tag das Geschäft betraten. Nein, wird John später sagen, er habe nur kurz genickt, und nein, zunächst hätte er kein komisches Gefühl gehabt. Doch, gewundert habe er sich schon. In die Hatfield Road im Nordosten der Stadt verirrten sich schließlich selten Männer in dunklen Anzügen. Aber er habe sich dann wieder seinem Kunden zugewandt, nur mal kurz im Spiegel gesehen, wie die beiden so dasitzen.

John gehörte mit seinem Friseurgeschäft seit siebenunddreißig Jahren in das Viertel wie die Schlaglöcher auf der Straße und die überquellenden Mülltonnen. Seine Frau nannte ihn „Unter“. Sie fand, er sei in allem unterdurchschnittlich, nicht nur in Größe, Gewicht oder Intelligenz. Nein, sie konnte eine schier unendliche Liste unerfüllter Erwartungen aufzählen, die alle Leistungsbereiche betrafen. So ergab es sich mit der Zeit, dass John nach Geschäftsschluss regelmäßig noch bei Bill’s, einem Pub gleich um die Ecke, vorbeischaute, um Kraft zu tanken, wie er es nannte.

Er hätte nicht gedacht, dass es nur um ein Foto ginge, sagte John, nachdem er sich den Schaum von der Oberlippe gewischt hatte und Bill auffordernd das leere Glas hinhielt. Sodann griff er in seine Jackentasche, zog eine Postkarte raus und legte sie auf den Tresen. Dann klopfte er stolz auf die Karte. Ob es um dieses Foto gegangen sei, wurde er ungläubig gefragt. Nein, natürlich nicht. Das sei Teneriffa, das könne man doch sehen. Du und Teneriffa?

Es war allgemein bekannt, dass John nicht verreiste. Auch das sei „Unter“, sagte seine Frau. Aus London heraus kam er nie, wenn man von den Geburtstagsbesuchen bei Tante Vicky in Great Wishfort absah. Sogar die Stadtteile im Süden hatte er seit Jahren nicht gesehen. Das lag zum einen daran, dass er Änderungen verabscheute, zum anderen aber auch, der Wahrheit muss man Genüge tun, an den geringen Einkünften, die das Geschäft abwarf. Er hatte es einst, ziemlich günstig, wie er meinte, von seinem damaligen Lehrmeister gepachtet und seitdem bis auf einen Spiegel, den er einmal von einem Flohmarkt anschleppte, nicht verändert. Mit der Zeit sah sein Laden nicht mehr nur abgenutzt aus, sondern ärmlich. John meinte, bald könnte man es altmodisch nennen und in ein paar Jahren nostalgisch. Allein deswegen würden dann mehr Kunden kommen, er müsse nur warten. Ob Bill denn nicht aufgefallen sei, dass er eine Woche nicht gekommen sei, wollte John wissen. Auch sein Geschäft sei geschlossen gewesen. Teneriffa, sagte er noch einmal und klopfte mit seinem rechten Zeigefinger auf die Karte.

Bill könne sich doch sicher noch erinnern, als er vor ein paar Wochen mit diesem Plakat von einem Trödelstand ankam. Sie hätten sich köstlich amüsiert. Wir wollten doch das Bild Mustafa andrehen, dem türkischen Schlächter, weil der Mann auf dem Bild wie ein Schwein mit Perücke aussah. Aber Mustafa sagte nur, er verkaufe keine unreinen Tiere. Der Fotograf, der diese langweiligen Hochzeitsbilder und die nackten Babys ausstellt, sagte, so ein Bild im Schaufenster, und er müsse in vier Wochen Bankrott anmelden. Ja, sagte Bill, so wie an dem Abend hatten wir lange nicht gelacht.

Genau, dann habe er, John, sich gedacht, dieses Plakat bei sich auf-zuhängen. Mit akkurater Schleifenschrift habe er darunter gesetzt: „Wäre es nicht auch für Sie besser, heute zum Friseur zu gehen?“ Die beiden Herren, die an jenem Tag kurz nach elf gekommen seien, hätten genau dieses Plakat haben wollen. Er habe bloß gesagt, ist nicht, es würde ihm gehören. Der Größere von beiden habe nur gefragt, wieviel. Das, habe der Zweite quasi erklärend gesagt, das sei der Präsident ihrer Demokratischen Volksrepublik Korea, der Oberste Führer Kim Jong Un, der Beschützer ihres Vaterlandes und Mehrer seines Wohlstandes. Dann hätten sich beide vor dem Plakat verneigt. Das Bild ihres Obersten Führers gehöre nicht in eine Frisierstube. Ich wollte noch einen Witz machen, über Friseure in Korea und wie schwierig es anscheinend sei, gute Leute zu finden, sagte John, aber der Größere habe ihn unterbrochen mit einem, diesmal lauteren „Wieviel?“. Nein, Angst habe er nicht bekommen. Tausend Pfund, habe er gesagt, die erste Zahl, die ihm eingefallen sei. Es sollte auch nur ein Witz sein. Aber wieder der Größere, er war wohl der Chef der Beiden, habe wortlos aus einem Umschlag zwanzig 50-Pfund-Scheine genommen, während der andere, unterbrochen von Verbeugungen, das Plakat mit seinem Text vorsichtig von der Scheibe entfernt habe. Dann seien sie grußlos gegangen.

Tausend Pfund, stell dir vor, was soll ich mit dem vielen Geld? Aber, dann ist mir eingefallen, dass meine Frau vor kurzem von ihrer Freundin erzählte, wie schön deren Urlaub gewesen sei. Na, du kennst sie ja, die ganze Litanei. Gut, habe ich mir gedacht, dann überraschst du sie mal. Bin zu Lloyd und habe gebucht. Neunhundertachtundneunzig, zwei Personen, last minute. Hat gepasst. Gestern sind wir zurück. Und hier sind noch zwei Pfund. Da könnte ich noch ein Bier vertragen, was. Auf Teneriffa und den Obersten Führer. Prost.

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