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10. Platz:

Ralf Schmidt

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Tod oder Leben

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Dies ist ein berührender und leiser Text, in dem es um vergangene Liebe, vergebliche Loyalität und die Mühsal des Alterns und des Sterbens geht. Die Stärke des Autors zeigt sich in seiner klaren und gleichzeitig bildreichen Sprache, die eine bestechende Beschreibung einer Frau, die endlich anfängt, an sich selbst zu denken, hervorbringt.


Tod oder Leben

Mühselig schnaufend erklomm sie Stufe um Stufe. Die Wohnungstür gleich einer Ziellinie fest im Blick. Mit jedem Tag wurde die Mühsal größer, den schweren Wäschekorb vom Waschraum hinauf in die Wohnung zu schleppen. Wie viele ihrer 68 Jahre machte sie das nun schon? Dabei sollte es im Rentendasein besser werden. Die letzte Etappe im Leben endlich einmal leben. Mit dem Ellbogen drückte die den Türgriff nach unten, schob die Tür mit der Schulter auf und trat ein. Erschrocken drehte sie den Kopf zum Schlafzimmer hin, aus dem sie ein Röcheln vernahm. Sie ließ den Wäschekorb zu Boden fallen, stürzte in das Zimmer und fand ihren Mann mit weißem Schaum vor dem Mund rücklings auf dem Bett liegen, die Augen weit aufgerissen.

Wieder ein Schlaganfall, stellte sie nüchtern fest. Langsam ging sie um das Bett herum zu ihrem Mann, der Mühe hatte zu atmen, und zu ersticken drohte. Flehend blickte er seine Frau an, unfähig sich zu regen. Sie griff ihm an die Schulter, um ihn auf die Seite zu ziehen, damit der Schaum aus dem Mund fließen konnte und nicht mehr hinab in die Lungen.

Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Erinnerte sich zurück, was sie mit diesem Mann alles erleben wollte. Mit welcher Euphorie sie sich im Alter von 20 Jahren in die Hochzeit gestürzt hatte. Die Welt wollte sie mit ihm sehen, nicht nur Kinder groß ziehen und den Haushalt erledigen. Doch keiner der Träume wurde Wirklichkeit. Ihr Mann kam von der Arbeit nach Hause, legte sich auf das Sofa, ließ sich von ihr oder den Kindern bedienen, verbrachte die Zeit vor dem Fernseher oder mit seinen Freunden in der Kneipe, aus der er dann betrunken heimkehrte und Streit anfing.

Sie spürte an seiner Schulter, wie der hilflose Körper zu zittern begann. Sie musste ihn ganz auf die Seite drehen, nicht nur halb, das würde ihm kaum helfen.

Was hatte er ihr nicht alles versprochen und doch nichts gehalten. Weder mit den Kindern noch im Haushalt war er ihr je eine Hilfe gewesen. Er war nur da. Wie konnte sie das nur 50 Jahre aushalten? Sie fühlte sich so einsam, so verlassen, all die Jahre. Das ganze Leben war an ihr vorbeigezogen. Immer in der Hoffnung, es würde sich etwas verändern, machte sie weiter wie ein Marathonläufer. Die drei Kinder waren längst aus dem Haus. Kamen selten zu Besuch. Warum auch dorthin gehen, wo sie früher meist ängstlich in ihrem Zimmer gesessen und leise gespielt hatten. Nur nicht Vater stören. Sie musste ihn unbedingt zur Seite legen und den Notarzt verständigen, wie beim letzten Mal. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie der Arzt ihn gerettet hatte.

Nachdem er aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war, wurde alles noch schlimmer. Sie hatte geglaubt, dass wenn man dem Tod so tief in die Augen geblickt hatte, versuchen würde, das Leben zu genießen. Aber er saß nur da, schaute Fernsehen und sie musste die Krankenschwester sein. Wie all die Jahre zuvor, sich nur um ihn kümmern, ihn versorgen, ihm alles was er wollte bringen. Und wehe, es wurde nicht so erledigt, wie er es erwartete. Zornig konnte er noch immer werden. Daran hatte sich all die Jahre nichts geändert.

Langsam begann er mit den Füßen zu scharren. Das Gesicht bereits leicht blau.

Sie wischte ihre Gedanken beiseite, atmete tief durch, packte fest an der Schulter an. Dann klingelte es an der Haustür.

Ach ja, sie wurde zur Kirchenchorprobe abgeholt. Die einzige Abwechslung in ihrem Leben.

Mit wässrigen Augen blickte sie hinüber zur Tür, ließ die Schulter ihres Mannes los, der wieder auf den Rücken rollte, erhob sich von der Bettkante und ging davon, ohne zurückzublicken.

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