Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Maria Hellmann

-

Eiszeit

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Hellmann greift ein aktuelles Thema auf, das in Zeiten vermeintlichen Wohlstandes immer noch an der Tagesordnung ist: Wie die Hauptfigur sich angesichts eines knappen Einkommens nicht einmal einen Eisbecher gönnt, sich dabei selbst demütigt und schließlich aufgibt - das führt die Autorin dem Leser mit kompaktem Erzählstil, bestechend plastischen Beschreibungen und sensibel gestaltetem inneren Monolog vor Augen.


Eiszeit

Die Glasplatte des winzigen Tisches klebte ein wenig. Deutlich konnte sie die beiden kreisrunden Spuren der letzten Eisbecher sehen.

Man würde sie wegwischen. Es war jetzt ihr Tisch.

Sie schaute sich um. Sie war nicht die Einzige, und sie hoffte, man würde wahrnehmen, dass auch sie in diesem Eiscafe saß.

Als Kind bemühte sie sich gar nicht, an solch eine Möglichkeit zu denken. Sie sehnte sich ja auch nicht danach, auf dem Mond Murmeln zu spielen.

Es kam selten vor, dass die Eltern den Kindern ein Eis versprechen konnten. Dann aber stürmte sie mit den Geschwistern den gläsernen Tresen. Sie standen auf Zehenspitzen oder zogen sich hoch und starrten auf die zahlreichen Sorten, die eine Entscheidung abverlangten. Eine wohlüberlegte. Niemand wollte leichtfertig handeln. Eine Kugel Glück gab es nicht alle Tage.

„Wenn ich groß bin und Geld verdiene, dann bestelle ich mir einen Schwarzwaldbecher!“

270 DM monatlich gab es im ersten Lehrjahr. Zahltag war gestern. Gefeiert wurde heute. „Haben Sie schon gewählt?“ Die Serviererin hob kurz ihre kleine weiße Schürze, stopfte ihre Geldbörse in das darunterliegende schwarze Schürzchen und strich mit beiden Händen alles wieder glatt. „Nein,…ich habe noch gar nicht reingeschaut.“ Sie nahm die bunte Eiskarte aus dem Ständer. Die Ecken waren lappig und ausgefranst, aber die Fotos weiterhin vielversprechend.

In schnörkeligen Glaskelchen türmten sich Eiskugeln, dazwischen verkeilten sich Fruchtstückchen, oder bahnte sich dickflüssige Schokoladen- oder Himbeersoße ihren Weg.

Sahnehauben thronten mächtig weit über den Glasrand hinaus. Krokantstreusel oder Schokospäne sprenkelten das cremige Weiß, dicke klebrige Maraschinokirschen drohten darin zu versinken. Zur Krönung gab es bunte Papierschirmchen oder gestreifte Waffelröllchen.

Automatisch fing sie an die Zunge gegen den Gaumen zu drücken und hin und her zu bewegen. Dann schluckte sie.

Der Schwarzwaldbecher!

Drei Kugeln Schokoladeneis, Sauerkirschen, Kirschlikör, Sahne. 5,20 DM

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung drehte den Kopf in ihre Richtung während sie den Nachbartisch abräumte.

„Hm,…“

Unentschlossenheit schien der jungen Frau nicht neu, ohne eine Antwort abzuwarten balancierte sie mit einem Schwung die leer gekratzten Eispokale in Richtung Theke.

Fünfmarkzwanzig.

Das eigene Geld fühlte sich an wie ein gutes Stück Freiheit. Wahlfreiheit.

Nicht nur der Schwarzwaldbecher, alles von der Eiskarte war möglich. Sie musste nur entscheiden. Rauf und runter schickte sie ihren Blick, und als würde die Lösung in der Ferne liegen, schaute sie zum Fenster hin.

Am Fenster saß ein Ehepaar mittleren Alters. Die Tüten vom Einkauf standen zu ihren Füßen. Es waren viele Tüten. Die Stärkung im Eiscafe hatten sie sich offensichtlich verdient. Mit akrobatisch anmutenden Bewegungen platzierte die Serviererin die Traumkreationen vor die zufrieden lächelnden Gäste.

Unverkennbar. Früchte Spezial und Krokantbecher. Zusammen Zehnmarkachtzig.

Zehnmarkachtzig…

Schnell versenkte sie ihren Blick wieder in der Eiskarte, als könne sie darin verschwinden, unsichtbar werden und nicht mehr ansprechbar sein.

„Sie sind mittlerweile fündig geworden?“

Fündig!

Sie zuckte zusammen, blieb tonlos weiterhin im aufgeklappten Hochglanzangebot versteckt und wünschte sich mit fest geschlossenen Augen nichts sehnlicher als ein Dahinschwinden von Bedienung und Nachfrage.

Sie zählte bis zehn und spürte tatsächlich die Abwesenheit im Rücken.

Dann zählte sie die Kugeln, die sie zum Preis des Schwarzwaldbechers am Straßenverkauf bekommen würde.

Sie klappte die Eiskarte zu, steckte sie in den Ständer zurück, erhob sich vom Tischchen, was immer noch klebte, und verließ mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt das kleine Lokal, um sich draußen in der Schlange einzureihen.

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK