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3. Platz:

Barbara Schuler

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Kettenreaktion

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Dies ist ein auf das Wesentliche reduzierter Text, der sich ganz auf die Emotionen konzentriert, die unerfüllte Sehnsucht produzieren kann. Die Autorin verzichtet scheinbar bewusst auf alles Beiwerk: keine unnötigen Beschreibungen von Figuren und Umgebung, minimale Szenenaufbauten und verknappte Dialog. Gerade deswegen aber überzeugt diese Arbeit, denn wir bekommen ein klares Bild von einer verzweifelten Diebin, deren Gewissen sie hadern lässt.


Kettenreaktion

„Der Junge frisst einem noch die Haare vom Kopf”, hatte Tante Ella erst gestern Abend missbilligend bemerkt. “Er wächst bestimmt”, hatte Anna entschuldigend gemurmelt und die Hand, die sie gerade zum Brotkorb ausgestreckt hatte, hastig zurückgezogen. „Pedre, komm, das Essen ist zu Ende.”

„Aber ich habe Hunger, Mama!”, hatte ihr Sohn protestiert, und als der Dreijährige keine Anstalten machte aufzustehen, hatte sie ihn kurzerhand unter den Armen gepackt, hochgehoben und das strampelnde Kind aus dem Zimmer getragen. Er hatte beim Einschlafen geweint und sie auch.

Jetzt saß sie vor der altmodischen Frisierkommode und kämmte sich das lange braune Haar zu einem Pferdeschwanz straff nach hinten. Sie sah prüfend in den Spiegel. Wo war das junge Mädchen geblieben, das vor einem halben Jahr so hoffnungsfroh aufgebrochen war? „In Deutschland werden Pedre und ich ein sorgenfreies Leben führen“, hatte sie geschwärmt. „Da gibt es jede Menge Jobs!“ Ihr schön geschnittener Mund verzog sich. Von wegen! Keinen einzigen hatte sie bisher ergattert. Mit ihren schlechten Sprachkenntnissen hatte sie kaum eine Chance.

Vielleicht heute. Wenn sie sich geschickt anstellte, müssten sie ihren Verwandten nicht mehr auf der Tasche liegen. Sie und Pedre waren nicht länger erwünscht. „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen.“

Sie seufzte und strich sich mit der Hand über die Augen. Aus dem Spiegel starrte sie eine müde alte Frau an.

„Nicht zu viel Rouge und auf keinen Fall Lippenstift“, hatte Tante Ella ihr gestern Abend noch eingeschärft.

„Anna, wo bleibst du? Wir wollen los!“

„Ich komme schon!“ Ihre Knie waren seltsam weich, als sie sich erhob und mit zittrigen Fingern den grauen Rock glatt strich. Sie holte tief Luft und ging zur Tür.

„Also, da drüben ist das Altenheim. Ich schaue mich um. Du wartest auf mein Signal. Dann fragst du nach dem Weg zum Penny und bedankst dich überschwänglich.“ Tante Ella zwinkerte verschwörerisch. „Geschickte Finger hast du ja. Und ja nicht rennen, hörst du?“

Sie nickte. Ihr Mund war ausgetrocknet. Tante Ella schlenderte davon. In zwanzig Meter Entfernung ging eine ältere Dame spazieren. Sie bewegte sich von Anna weg. Tante Ella wechselte die Straßenseite, überholte die Dame auf der anderen Seite, blieb kurz stehen, kehrte wieder um und musterte die Frau unauffällig. Plötzlich wünschte Anna, sie wäre wieder zu Hause. Das hatte sie nicht gewollt. Doch dann dachte sie an Pedre und straffte die Schultern.

Tante Ella schob ihre Sonnenbrille hoch. Es ging los.

Anna beschleunigte ihre Schritte. Jetzt war sie fast auf gleicher Höhe mit der alten Dame. „Entschuldigen Sie bitte“, wie oft hatte sie diesen Satz geübt. „Ich suchen Weg zum Penny.“

Die Dame drehte sich lächelnd um. „Zum Penny möchten Sie? Da nehmen Sie am besten den Fußweg hier bis zur Grundschule, an der Gabelung links, am Sportplatz vorbei, dann dem Weg durchs Wohngebiet ...“ Sie brach ab. Die junge Frau starrte sie unverwandt an und schien gar nicht zuzuhören. „Oh, Verzeihung, war das zu schnell?“

Anna zwinkerte heftig. „Danke, Dankeschön!“, rief sie, drehte sich um und lief los.

„Warten Sie, zum Penny geht es doch da lang!“, rief die Dame ihr hinterher. Aber Anna blieb nicht stehen.

„Wo ist die Kette?“, zischte Tante Ella, die hinter der Turnhalle gewartet hatte. „Du solltest doch nicht rennen!“

Anna seufzte: „Sie sah aus wie meine Oma!“

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