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4. Platz:

Annika Friedel

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Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine verunsicherte Frau verpasst eine Verabredung mit einem Mann, weil sie sich nicht aus der Klemme zwischen anhaltenden Selbstzweifeln und selbsterniedrigender Eigenwahrnehmung befreien kann. Während sie in letzter Minute versucht, diesen inneren Konflikt mit einer Veränderung ihrer Frisur zu überwinden, gerät sie in eine Melange aus Menschen, die ihr mit ihren Hemmungen und ihrer Unfähigkeit, Probleme wirklich zu lösen, wie ein Spiegel die eigene Unzulänglichkeit vorhalten. Friedel zeigt uns mit nadelspitzer Beobachtungsgabe, dichten Dialogen und akkuraten Schilderungen einen Charakter, der unbewusst einer lebensverändernden und vermutlich positiv bereichernden Begegnung aus dem Weg geht. Die Prämisse „Verpasste Chancen sind nicht rückgängig zu machen“ hat die Autorin tragikomisch und berührend ausgeformt.


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Meine Haare sind nicht selten ein Spiegel meines Hirnzustandes. Und mein Hirnzustand ist an diesem Morgen ziemlich zerzaust. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich im Schaufenster zu erkennen. Zudem ist der Wind so stark, dass es mit zwei Händen unmöglich ist, mir meine Haare so aus dem Gesicht zu halten, dass ich von meinem Croissant essen kann, ohne den Blätterteig wie überdimensionierte Schuppen überall in meiner Mähne zu verteilen. Bis zu meinem Date mit Tobias habe ich noch fünf Minuten, doch mit dieser Frisur kann ich ihn nicht treffen. Unmöglich. Meine Handtasche wiegt drei Kilo und trotzdem finde ich kein Haargummi. Also stopfe ich mein Croissant zurück in die Tüte, sprinte in das nächste Bekleidungsgeschäft und stelle mich mit einem Bündel Haargummis an die Kasse. Vor mir stehen drei Frauen und ein Mann. Die Frau, die an der Reihe ist, scheint durch ihren Bräunungsgrad schon ganz ausgetrocknet und ist viel zu stark geschminkt. „Kann ich die Bluse günstiger haben? Da ist ein brauner Make-up-Fleck drauf.“ Sie präsentiert der Verkäuferin eine weiße Seidenbluse und deutet unmissverständlich auf die Stelle. Die Verkäuferin nimmt das Telefon und ruft eine Kollegin. „Einen Moment bitte“, sagt sie schnippisch. „Es kommt jemand, stellen Sie sich bitte kurz dort hin.“

Ich blicke unruhig auf die Uhr. Die Frau tritt zur Seite und die nächste Kundin rückt vor. Die Dame ist älter und etwas molliger. Sie hat voluminöse rote Haare und mit ihrer grünen Jacke ähnelt sie einem Gartenzwerg. Sie legt einen schönen Rüschenbikini auf den Tresen. Die Verkäuferin begutachtet ihn und sagt patzig: „Sie haben Größe 40 Oberteil und Größe 44 Hose. Das geht nicht.“

Die Gartenzwergfrau tritt peinlich berührt von einem aufs andere Bein und beugt sich weiter über den Tresen. „Nun ja, ich passe nicht oben und unten in die gleiche Größe.“

„Dann müssen Sie einen Bikini in 40 und einen in 44 kaufen.“

Die Kundin bleibt einen Moment geschockt stehen, dreht sich um und stapft mit dem Bikini los, scheinbar auf der Suche nach den fehlenden Gegenstücken. Ich überlege, wie viele Frauen in Deutschland wohl das Glück haben dieselbe Größe für Hintern und Brust zu tragen. Ich jedenfalls nicht. Ich sehe mich um, während die Kollegin der Verkäuferin kommt, um den Make-up-Fleck der Bluse zu begutachten. Neben mir ist ein Korb mit Fusselbürsten, Haarreifen, Socken und Schlüsselanhängern. Gott im Himmel, denke ich. Wer nimmt so einen Schund mit?<Up>

Die Frau mit der Bluse verschwindet. Ein Herr tritt an die Kasse und fängt lautstark an zu erzählen. Er sei hier vor zwei Stunden in diesem Geschäft gewesen, allerdings nicht hier, sondern auf einer anderen Etage. Und da sei gewischt gewesen und er sei ausgerutscht und da hätte er erst gedacht: „Na zum Glück ist nichts gebrochen!“, aber die Hose ist ja ganz dreckig. Das war ihm aber erst gerade eben aufgefallen und jetzt wolle er die Kosten für die Reinigung, weil da oben kein Schild gestanden habe und er möchte bitte den Filialleiter sprechen.

Irritiert von dieser Geschichte, schaue ich mich weiter hibbelig um. Über der Kasse hängen Bilder von Models, die seit der Jahrtausendwende nichts mehr gegessen haben und ich denke an mein Croissant. Eintönige Musik wummert zwischen den Textilgerüchen und Staubpartikeln. Der Mann steht mittlerweile da, wo eben noch die Frau mit der Bluse gestanden hat. Die Dame vor mir fragt, ob sie 30 Gutscheinkarten mit je einem Euro darauf haben kann. Ihre Schwester habe Geburtstag. Danach bin ich endlich dran. Ich bezahle die Haargummis und nehme außerdem eine Fusselbürste und einen Haarreif mit. Die Kassiererin fragt mich nach meiner Membercard, meiner Postleitzahl, meinem Geburtsdatum, ob ich die Sticker sammele oder lieber Murmeln möchte. Ich schüttle den Kopf. Dann könne sie mir nur noch eine Rose mitgeben - weil Muttertag war. Der Bon ist 40 cm lang und sie erklärt mir, dass ich einen Gutschein über 3,25 Euro habe, den ich aber nur online bis morgen ab einem Einkaufswert von 40 Euro einlösen kann. Der Haarreif ist vom Umtausch ausgeschlossen. Ich drehe mich langsam um und gehe raus. Die Sonne scheint, der Wind ist weg und Tobias auc

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