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5. Platz:

Ralf Baedeker

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Das verlassene Haus

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine ausgesprochen kompakt konstruierte Geschichte, die uns in die Depression einblicken lässt, die auch nach Jahren noch den Missbrauchsopfern zusetzt: Dies kann Baedeker in dieser Arbeit über feine Beschreibungen, die klare Bilder hervorrufen und pointierte Dialoge, die Ablehnung und Menschlichkeit zugleich ausdrücken, transportieren.


Das verlassene Haus

Gegenüber der Feuerwache steht ein verlassenes Haus. Eine schwarz gekleidete Frau mittleren Alters eilt die Allee entlang. Ihre Handtasche poltert gegen den Arm eines Jugendlichen, der aber so sehr mit seinem Handy beschäftigt ist, dass eine Reaktion ausbleibt. Wegen der starken Hitze haben die Anwohner die Fenster ihrer Villen weit aufgerissen. Aus Fernsehern berichten Reporterstimmen live von der Pressekonferenz einer Schauspielerin, auf der diese unter Tränen mitteilt, dass sie als Kind vergewaltigt worden ist. Die Frau horcht auf, kratzt sich kurz am Arm und geht weiter auf das Grundstück am Ende der Allee zu. Sofort hält sie sich mit einem Taschentuch die Nase zu. Die Ursache entdeckt sie zwischen den meterhohen Gräsern im Garten. Jede Menge Hundekot und Urin haben sich da angesammelt. Der braungestrichene Holzzaun, von Unkraut überwuchert und an einigen Stellen durchbrochen, hält keinen mehr zurück. Quer über die weiße Längsseite der Häuserwand und den heruntergelassenen Rolljalousien hat jemand in tiefroter Schrift „The Times They Are A-Changin'“ gesprüht. Wind kommt auf, und die morschen Fichten im Garten knacken. Jeden Sommer hat ihr Vater zwischen den Fichten Lampions aufgehängt und Hängematten gespannt. Auf denen ist sie herumgeturnt, während ihre Mutter drinnen im Wohnzimmer eine Hose ihres Vaters stopfte. Sie sieht sie immer noch dort sitzen, auf dem antiken Sofa aus Kamelhaar. Nein, ihre blauen Flecken hat sie nicht gesehen. Vielleicht hat sie sie nicht sehen wollen, genauso wenig wie ihre eigenen auf dem Oberarm. „Bist du das, Ulrike?“ Eine freudige Frauenstimme dringt in ihr Ohr. Die so Angesprochene dreht sich um und wird etwas zu heftig bestürmt von einer etwa gleichaltrigen Frau mit blondgefärbten Haaren und viel Make-up im Gesicht. Ja, es ist ihre Jugendfreundin Monika, die im Nachbarhaus wohnt. Unsicher lächelnd befreit sich Ulrike aus ihrer Umarmung. „Lange nicht gesehen!“ Fast gleichzeitig beginnen beide den Satz, eine bricht ab, und beide lachen. Wolken ziehen auf. Monika deutet auf die Fichten im Garten. „Wann fällst du endlich die alten Dinger?“ Ulrike atmet schwer. „Niemals!“ Ihre Knie geben nach, sie stützt sich auf einen Pflock. Monika dreht sich zu ihr. „Soll ich dir Wasser holen?“ Auf ihrem iPhone kommt eine Nachricht an. Sie entschuldigt sich und tippt etwas ein. „Ein Tweet! Eine Kollegin hat sich neue Brüste machen lassen!“ Der Himmel verdichtet sich gefährlich. „Ist es wegen deinem Vater?“ hakt Monika nach und legt ihr die Hand auf die Schulter, aber Ulrike schüttelt sie brüsk ab. Sie richtet sich auf. „Das geht dich absolut nichts an!“ Die ersten Regentropfen fallen. Monika ordnet ihr vom Wind zerzaustes Haar. „Vielleicht willst du darüber reden?“ Der Regen wird stärker. Das Make-up in Monikas Gesicht zerläuft. Ulrike holt einen Schirm aus der Handtasche und spannt ihn auf. „Heutzutage sind zu viele Kameras auf einen gerichtet, und zu viele hören mit.“ Monika stellt sich unter Ulrikes Schirm. Da ihr kalt wird, lädt sie die andere zum Tee ein. Blitze durchzucken das Wolkenmeer. Ulrike lehnt das Angebot ab. Über ihnen kracht der Himmel empfindlich. Sirenen ertönen. Die Feuerwehr rückt aus. Ein paar Tage später mailt Ulrike ihrer Ex-Nachbarin, dass sie sich um die Fichten kümmern werde.

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