Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

6. Platz:

Dorothee Scheurer

-

Die Straße

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine Frau bemüht sich um die Verarbeitung eines Traumas - auch nach einem Jahr hat sie noch glasklare Erinnerungen an einen Unfall. Nun gilt es, diese mit der Zeit danach zu verschmelzen, um wieder ausgelotet im Leben zu sein. Scheurer gelingt es mit einfühlsamer Sprache und reduziert auf das Wesentliche, die Zerrissenheit und Sehnsucht eines immer noch schockierten Menschen zu zeichnen. 


Die Straße

Jedes Mal befällt mich Beklommenheit, wenn ich die Steige von Eningen nach Würtingen hochfahre. Steil und kurvig, teilweise unübersichtlich, wurde die Straße in den letzten Jahren ausgebaut. Sie ist für viele die Verbindung von ihrem Wohnort auf der Schwäbischen Alb zu ihrer Arbeitsstelle in die großen Industriezentren Reutlingen oder Stuttgart. An manchen Stellen ist die Aussicht traumhaft. An klaren Tagen kann der Autofahrer einen riesigen Häuserteppich mit grünen Flecken und dem Stuttgarter Fernsehturm zwischen den Bäumen erhaschen.

Das Druckgefühl im Magen wird mit jedem zurückgelegten Kilometer stärker. Nur noch wenige hundert Meter trennen mich von der Unfallstelle - als mich genau an derselben Stelle wie vor vier Monaten - ein Auto überholt. Ich drücke auf die Hupe und will gar nicht mehr loslassen. Der Autofahrer des überholenden Fahrzeugs zeigt mir den Vogel.

Es ist der 29. Juli 2013, ein Montag, ein gewöhnlicher Tag, aber auch ein Tag, den ich nie vergessen werde. Es ist ein sonniger Tag, der für meine Familie und mich mit Kofferpacken und Erledigungen für unsere große Reise in die USA am nächsten Tag gefüllt ist. Die letzten Einkäufe sind erledigt. Im Kofferraum stapeln sich Hundefutter, Sonnenmilch, Kekse und Bananen. Im Innenraum gibt es eine kurze Diskussion. Reicht die Zeit für eine persönliche Verabschiedung von Oma und Opa auf der Alb? Spontan setze ich den Blinker nach links.

Meine Mutter ist nach mehreren Operationen gesundheitlich sehr angeschlagen und freut sich sehr, ihre drei Enkeltöchter noch einmal zu sehen. Die Angst, dass uns auf unserer fünfwöchigen Reise etwas passieren könnte, ist ihr deutlich anzusehen. Nach wenigen Minuten verabschieden wir uns. „Passt gut auf euch auf. Kommt gesund wieder“, sind ihre letzten Worte.

Den Hund noch wegbringen, den Koffer fertig packen und die Blumen gießen, in Gedanken mache ich mir eine Liste, was noch alles zu erledigen ist. Wir verlassen den kleinen Ort, als uns eine ganze Fahrzeugkolonne entgegenkommt. Um diese Zeit keine Seltenheit. Es ist der tägliche Feierabendverkehr. Die Menschen möchten nach Hause, noch ein bisschen ihren Garten und die Sonne genießen.

Die ersten Fahrzeuge verschluckt bereits der Ort. Da schert das letzte Fahrzeug aus der Kolonne aus und wechselt die Spur, unsere Spur. Es sieht aus, als fahre er direkt auf uns zu. Ich nehme den Fuß vom Gas. Er hat noch jede Menge Zeit wieder einzuscheren. Er wird immer schneller, nicht parallel zu den anderen Fahrzeugen der Reihe, sondern auf uns zu. Ich beginne zu bremsen. Meine Tochter neben mir schaut hoch. „Da stimmt doch etwas nicht“. Das entgegenkommende Fahrzeug müsste nun, so wie er ursprünglich eingeschlagen hatte, direkt vor uns in den Graben fahren. Aber, es macht eine kleine Lenkbewegung. Direkt auf uns zu. Wird noch einmal schneller. Es knallt.

-

Diese Website verwendet Cookies, um Inhalte und Anzeigen für Sie zu personalisieren.

Sie können sich hier infomieren und der Verwendung widersprechen. Mit der Nutzung der Website, Klick auf einen Link oder auf "OK" stimmen Sie der Verwendung zu.

OK