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8. Platz:

Alexandra Sprenger

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Reise zur Erkenntnis

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Ein trübsinniger Zeitgenosse, der aus seinem Alltagstrott durch eine verwirrte Frau herausgerissen wird - Sprenger entwirft zwei überzeichnete Figuren, die in ihrer Gegensätzlichkeit glänzen können. Diese Arbeit überzeugt vor allem durch die Technik der kompakten, schnörkellosen Darstellung, die das Absurde des Inhalts wunderbar herausarbeitet.


Reise zur Erkenntnis

Stefan hatte sich vorgenommen Städte zu meiden. Aber die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen und so hoffte er, dass das städtische Treiben ihn von seinen Gedanken ablenken würde. Nun stand er also an der Ecke eines großen Buchladens, während sein ausrangierter Rucksack an einer Reklametafel lehnte. Er beobachtete die Menschenmenge, die sich wie eine riesige Ameisenkolonne hin und her schob. Die Passanten waren allesamt in dicke Mäntel gehüllt und versteckten ihre grimmigen Gesichter zwischen hochgezogenen Schultern. Stefan hatte taube Zehen und er war hundemüde. Fast schon wollte er weiterziehen, da entdeckte er in dem Getümmel eine Frau. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters war sie bildhübsch. Eilig zog sie an Stefan vorbei, ohne seine Bewunderung zu merken. Kurzerhand beschloss er, ihr zu folgen. Der junge Mann hatte große Mühe, sich in der Menschenmenge vorwärts zu bewegen. Es war, als würde er gegen den Strom eines reißenden Baches schwimmen. An einer roten Ampel machte die Kolonne Halt. Die Frau lief vor dem Zebrastreifen hin und her, umkreiste dabei wartende Menschen und umrundete nervös eine Straßenlaterne. Gerade als Stefan nahe genug an der Frau dran war, rammte ihn ein Kinderwagen. „Passen Sie doch auf“, zischte eine empörte Mutter. Er war lange genug abgelenkt, um die schöne Frau aus den Augen zu verlieren. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Wieso war sie an der Ampel nicht stehen geblieben? „Mach dir keine Hoffnungen, Junge. Diese Frau wird niemals stehen bleiben. Für nichts und niemanden.“ Stefan drehte sich verwundert um. An einer Hausecke saß ein alter Zeitungsverkäufer. Trotz seines schäbigen Aussehens fasste Stefan Vertrauen zu ihm. „Warum nicht?“, wollte er wissen. Der Alte setzte ein fast zahnloses Lächeln auf. „Damals war ich in deinem Alter, da hat mich dieses Mädchen genauso fasziniert wie dich heute. Jeden Tag nach der Schule ist sie in die Fabrik gekommen, um ihren Vater zu besuchen. Dabei musste sie immer am Empfang vorbei, in dem ich gearbeitet habe.“ Bei dem Gedanken daran lächelte der Alte verträumt. „Eines Tages ist sie nicht mehr gekommen. Wochenlang blieb sie verschwunden. Ich habe herausgefunden, dass sie in eine Klinik eingewiesen wurde.“ Der Blick des alten Mannes wurde traurig. „32 Jahre verkaufe ich nun schon hier Zeitungen, nur damit ich ihr einmal am Tag begegne. So wie damals.“ „Was ist mit ihr passiert?“, wollte Stefan wissen. Der Alte seufzte. „Sie hat Angst vor dem Älterwerden, mein Junge. Sie läuft vor der Zeit davon.“ Das Gespräch mit dem alten Zeitungsverkäufer hallte noch lange in Stefans Ohren nach. ‚Sie läuft vor der Zeit davon‘, dachte er. War es das, was auch er schon Jahre machte? Hatte er Angst, einem Trott zu verfallen, in dem die Zeit ihn irgendwann einholen würde? Noch am selben Tag kaufte er sich von seinem Ersparten eine Wanduhr. Die halbe Nacht bastelte er daran herum. Am nächsten Nachmittag stand er wieder vor dem Buchladen und wartete auf die Frau. Als er sie kommen sah, stellte er sich ihr mitten in den Weg. Vor seiner Brust hielt er die große Wanduhr, deren Zeiger laut tickten. Schlagartig blieb die Frau stehen und starrte auf die Uhr. Ihr Mund war weit geöffnet und sie atmete schwer. Der große Sekundenzeiger drehte unbekümmert seine Runden. Das Ziffernblatt der Uhr war verkehrt herum angeordnet und obwohl die Uhr im gewohnten Takt schlug, sah es so aus, als würde sie rückwärts laufen. Stefans Herz schlug wie wild. Fast glaubte er das Ticken der Uhr damit zu übertönen. Gerade in dem Moment, als er seine Mission erfüllt sah, geriet die Frau in Bewegung. Langsam setzte sie einen Fuß hinter den anderen und verschwand rückwärts laufend in dem Gewirr aus Menschen. Zurück blieb Stefan, dessen Uhr weiterhin unbekümmert tickte.

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