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9. Platz:

Vera Podlich

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Luxuria

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Autorin legt eine kleine, böse Satire in langer Form vor: mit einem Protagonisten, der seine Frau zugunsten eigenen Wohlergehens manipuliert und ausbeutet. Gewitzt, klug und schadenfroh und mit präziser Herausarbeitung der Pointe gelingt es ihr über die klare Beschreibung, den klassischen Typ des Machos dem Leser vor Augen zu führen.


Luxuria

Ich muss mich anziehen, meine Frau kommt gleich nach Hause. Sie arbeitet halbtags als Archivarin und mag es nicht, wenn ich mittags mit übergeschlagenen Beinen im Schlafanzug dasitze. Einer von uns beiden muss einer offiziellen Beschäftigung nachgehen, sonst würde man Fragen stellen, wo das Geld herkäme. Dann kocht sie und wir essen gegen 15 Uhr, in der letzten Zeit vor dem Fernseher. Sie ist süchtig nach „Shopping Queen“. Witzig, wie der Chefdesigner die Damen zu seinen Hofnärinnen macht. Auch meine Frau hat sich beworben und ist angenommen worden. Sie liebt exklusive Garderobe. In ihrem Kleiderzimmer hängen die Sachen in zwei Reihen übereinander, in Regalen stehen Herden von Schuhen. Über dem Tisch in der Mitte hängt ein Kronleuchter - es sieht aus wie in einem Second-Hand-Laden. Doch irgendwann wird sie aufräumen müssen, wir planen den Umzug in eine Eigentumswohnung.

Vorher findet noch diese leidige Geschichte mit der Fernsehsendung statt. Während eine Kandidatin shoppt, warten die anderen Teilnehmerinnen in deren Wohnung, wandern durch sämtliche Zimmer, stöbern in Schubladen, ziehen fremde Kleider an, legen sich sogar in die Ehebetten. Mich wundert, dass noch nie etwas gestohlen wurde. Am Abend wird die Tagesleistung auf einem Laufsteg bewertet. Ich frage mich: Wenn die Damen kommen, wohin mit dem zweiten Telefon und den Büchern über die Psyche des Mannes, die ich meiner Frau angeschleppt habe, um ihr beim Nebenjob zu helfen. In den Keller? Man könnte das Arbeitszimmer auch einfach abschließen, doch das würde Aufsehen erregen.

Es gab eine Zeit, da habe ich studiert, wollte sogar eine Doktorarbeit schreiben. Doch ich gab auf, als ich meine Frau kennenlernte. Ich habe keinerlei Ambitionen. Kinder wollen wir beide nicht. Freundschaften pflegen wir kaum, niemand darf erfahren, dass wir an der Nordsee ein eigenes Boot besitzen. Ich bin leidenschaftlicher Segler. Auch unsere wunderbaren Reisen müssen wir verschweigen und behaupten, es ginge günstig nach Freudenstadt. Die Bräune erklären wir mit dem schönen Wetter im Schwarzwald.

Noch nicht einmal meine Mutter, die für die Schwächen der anderen einen teuflischen Instinkt hat, ist bisher dahinter gekommen. Neulich sprach sie mit meiner Schwester. Sie machte ihr Vorhaltungen, dass sie es zu nichts bringen würde, weil sie noch keine Eigentumswohnung hätte. Meine Schwester sagte, sie glaube, bei mir und meiner Frau ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Unsere Mutter hörte gar nicht hin, sondern drosch unverdrossen mit Worten weiter auf sie ein. Sie ist eben eine Schneewittchenmutter, da bin ich fein raus.

Oft sitze ich den Vormittag über im Schaukelstuhl und sinniere. Das Nachdenken hat mir zu einer wichtigen Einsicht verholfen: Jeder Mann hat eine Leidenschaft, für die er Haus und Hof, Frau und Kind aufgeben würde. Doch niemals gäbe er seine Leidenschaft auf. Bei mir ist es das Segeln.

Meine Frau behauptet, ich sei faul, doch was ich tue ist reine Kontemplation. In letzter Zeit ist sie sehr nervös, sie trinkt während der Telefonate zu viel Alkohol. Kürzlich hat sie morgens beim Frühstück ganz unvermittelt angefangen zu zittern. Ich werde ihr den Kaffee mit Valium kochen müssen. Die Anrufe kommen abends ab sechs. Alle rufen an: Pfarrer, Lehrer, Akademiker, Arbeitslose. Gegen Mitternacht macht sie Feierabend, nur an Wochenenden telefoniert sie oft bis zum Morgengrauen. Montags und dienstags macht sie frei, wir gehen schick essen, ins Kino oder in die Sauna. Ich finde, es ist leicht verdientes Geld. Sie muss beim Reden mit den Männern nur den richtigen Zeitpunkt, diesen einen intimen Moment, abpassen. Das klappt schon.

Wenn sie sich dann zu mir ins Bett legt, verlangt sie immer dasselbe Ritual: Ich muss sie in den Arm nehmen und ihr das Märchen von Rapunzel erzählen. Immer ein und dasselbe Märchen, jede Nacht. Oft weint sie an der Stelle, wo es heißt „Rapunzel, Rapunzel, lass dein goldenes Haar herab“. Dann streichle ich sie. Manchmal fragt sie, ob wir uns wirklich richtig lieben. Doch eine Symbiose will ich nicht. Mein Kopf muss frei bleiben. Ich finde, ich passe mich schon genug an und schaue jetzt gleich „Shopping Queen“, weil es sie glücklich macht.

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