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1. Platz:

Katharina Spengler

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Der Geschmack der Reben

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eine stilistisch souveräne Erzählung, die mit einer sehr eigenen melancholischen Leichtigkeit daherkommt. Die Enkelin findet im Keller ihres verstorbenen Großvaters eine Erinnerung an wohlgehütete Geheimnisse und glückliche Stunden. Dennoch haftet ihr etwas Ungehöriges, Unanständiges an. Die Vehemenz, mit der die Enkelin entscheidet, dass das Haus verkauft werden muss, kann sowohl ein entschlossenes Losreißen als auch ein angewidertes Abstoßen sein. Es ist diese Ambivalenz, die dem Text erzählerische Kraft verleiht.


Der Geschmack der Reben

Die Tür quietscht und sie dreht sich erschrocken um, doch es ist nur die Katze, die sich durch den Spalt hereinwindet, vorwurfsvoll die Augen zusammenkneift, sich dann anmutig auf der Fensterbank niederlässt und beginnt, ihr Fell zu lecken. „Eine Katze müsste man sein“, denkt sie, und das nicht zum ersten Mal, denn sie hält Katzen für glückliche Tiere. Sie kommen und gehen, wann sie wollen, setzen ihren Willen durch wie kleine Könige. Sie weiß nicht, wie die Katze heißt, ihr Großvater hatte viele Katzen. Jeden Tag kommt eine andere nach Hause und fordert Futter ein. Keine kommt ein zweites Mal. Sie scheinen verstanden zu haben, dass er nicht mehr da ist. Sie tritt ans Fenster und blickt in den Hof hinunter. Alte Weinfässer, eine faulige Leiter, sie kann die aufgetürmten Gegenstände kaum unterscheiden. Alles muss aufgeräumt werden. „Das Gerümpel müssen Sie selbst entsorgen, wenn Sie gewinnbringend verkaufen wollen“, hat der Makler geäußert, dessen offene Art ihr auf die Nerven ging.

„Wie kann es sein, dass vom Leben eines Menschen nur noch Gerümpel übrig bleibt?“, sagt sie zu der Katze, doch die weiß es auch nicht. Gemeinsam starren sie eine Weile durch die Scheibe als sähen sie etwas, das ihnen die Ratlosigkeit nehmen könnte. Dann springt die Katze von der Fensterbank und verlässt das Zimmer. „Vielleicht hast du Recht“, sagt sie hinter ihr her, „irgendwann muss ich anfangen.“

Sie bindet die braune Strickjacke, die sie seit drei Tagen trägt, über dem Bauch zusammen und geht in den Hof hinunter. Der Wind hat zugenommen, doch nach dem stickigen Zimmer oben, das immer noch irgendwie nach Tod riecht, ist es eher angenehm, draußen zu sein. Sie holt tief Luft, blickt in den Himmel hinauf, der Herbst hat den Tag fest im Griff, dann rafft sie sich auf und öffnet die alte Tür, die in den Keller führt.

Es riecht modrig, nach Kartoffeln und Mäusekot. Sie war schon lange nicht mehr hier, doch die Hand findet den Lichtschalter mit einem sicheren Griff. Die Birne knirscht, spendet dann mattes Licht. Sie sieht sich um. Die Werkbank, eine Schubkarre ohne Rad und in der Ecke das staubige Weinregal. Sie geht darauf zu. Dabei fällt ihr auf, dass es nicht so staubig ist, wie der Rest des Raumes. „Er muss hier geputzt haben“, sagt sie in die Stille und merkt, wie verwundert sie ist. Sie nimmt eine Flasche in die Hand und betrachtet das Etikett.

Plötzlich fällt es ihr wieder ein. Sie ist zehn, ihre störrischen Haare werden von den Teddybärspangen zusammengehalten und der Großvater nimmt sie das erste Mal mit in den Keller. „Ich will dir etwas zeigen“, sagt er. Überall ist es Herbst. Es riecht nach Erde und das Laub wird schon bunt. Sie hat einen Regenwurm auf der Hand, doch er sagt, sie solle ihn wieder unter die Erde lassen. „Ich habe etwas Besseres für dich, Kind.“ Dann holt er hinter seinem Rücken ein paar Trauben hervor. Sie sind sauer und schmecken ihr nicht, doch sie genießt es, dass er sie für sie gepflückt hat. Sie sind Komplizen auf dem Weinberg, denn ihr Vater will nicht, dass sie dort sind. Er findet, sie sei zu jung und sein Vater sei zu alt, um am Hang zu arbeiten. „Geht doch auf den Spielplatz“, hat er gesagt und beide damit tief getroffen.

„Dein Vater unterschätzt dich“, grummelt der Großvater und sie ist stolz, dass er ihr offensichtlich mehr zutraut. Sie muss an der Werkbank Platz nehmen, ganz aufgeregt ist er. Er reicht ihr ein Glas. „Riech daran, mein Kind, nur riechen, du darfst noch nicht trinken, was ich dir heute zeigen möchte, ist so viel mehr als nur ein Geschmack.“ Sie versteht nicht gleich, was er meint, doch sie atmet ein und es sticht unangenehm in ihrer Nase. „Schließ die Augen“, sagt er, „was riechst du?“ „Es brennt“, sagt sie und merkt, wie enttäuscht er ist. „Konzentrier dich“, beschwört er sie, „du musst es doch spüren.“ Sie schüttelt den Kopf. „Lass die Augen geschlossen“, befiehlt er, „dann trink.“ Sie schluckt, seine Strenge verwirrt sie, doch dann redet er plötzlich ganz sanft. Er erklärt es ihr. Der Wein trägt sie fort, sie lässt die Augen geschlossen. Er spricht von Trauben, von hellen und dunklen, von sonnenüberfluteten Hängen, Reben und Blättern, von lieblich und süß bis vollmundig und herb und es brennt, doch sie nickt und versteht. Sie ist schon groß. Es ist ihr kleines Geheimnis. „Meine Weinkennerin“, sagt er, „sag das nicht deinem Vater.“ Und er spricht weiter von Licht und Sonne. Sie sitzen im Keller, draußen ist es Herbst und manchmal Winter und er streicht ihr über das Haar.

Die Glühbirne versagt mit einem kleinen Knarzen ihren Dienst. Sie steht im Dunkeln, klammert sich an der Weinflasche fest und weiß, dass dieses Haus verkauft werden muss. Ganz egal, was dann mit den Katzen passiert.

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