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10. Platz:

Doris-Martina Greiner

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Der Aufzug

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Um sich besser zu fühlen, holt Elke eine Traumsituation in die Realität herüber: Stundenlang fährt sie in ihrem Wohnblock Fahrstuhl, denkt nach, trifft Leute, die nach oben oder unten wollen. Unverhofft kann sie so ihre Isolation durchbrechen und findet eine Aufgabe. Auch ihre Dickleibigkeit geht sie nun nicht mehr Diäten, sondern mit mehr Freude am Leben an. Es sind nicht die ausgetretenen Wege, die im Leben eine Wende bringen können, sondern die Überraschungen, die ungewöhnlichen und seltsam erscheinenden Ideen – daran erinnert diese Geschichte. Erzähltechnisch gäbe es hier noch Potential für Verdichtung und dadurch eine intensivere Stimmung.


Der Aufzug

Die Tiefgarage war fast leer, nur einige Dauergäste parkten auf reservierten Plätzen. Elke, von ihrem Ex-Freund abfällig "Walze" genannt, stapfte unruhig durch die gespenstische Traumkulisse. Warum sie hier war, wusste sie nicht, aber dass sie weg musste von diesem schattenhaften Ort, das fühlte sie. Sie ächzte schwer unter der Last ihres dickleibigen Körpers. Eine Weile hörte sie nur ihren Schritt und das ängstliche Pochen ihres Herzens.

Dann aber, als sie stehen blieb, um zu überlegen, welche Richtung sie einschlagen sollte, vernahm sie in der Stille das leise Knacken eines abkühlenden Motors. Elke bekam plötzlich Angst und rannte in Richtung Treppenhaus. Sie keuchte die Stufen nach oben und bald bohrte sich ein stechender Schmerz in ihre Seite. Die Tür hinter ihr quietschte und Elke wusste, dass ihr jemand dicht auf den Fersen war. Mit letzter Kraft quälte sie sich weiter und weiter nach oben, viele Traumminuten lang, bis sie auf einmal vor einem Aufzug mit geöffneten Türen stand. Sie ließ sich von ihnen und einem zarten Gefühl von Sicherheit umschließen.

Als der Morgen dämmerte, erwachte Elke ohne Erinnerung daran, ob sie den Traumaufzug wieder verlassen hatte oder nicht. Allerdings stellte sie fest, dass sie in dieser Nacht zum ersten Mal seit langem nicht am Kühlschrank gewesen war; ein Grund zur Freude, zumal sie, arbeitslos und einsam, seit Monaten nicht viel Freude hatte. Ihre 120 Kilogramm Lebendgewicht schreckten nun mal viele potentielle Arbeitgeber und Männer ab, daran konnte leider auch ihr Pfunds-Charakter nichts ändern. Über Diäten konnte sie mittlerweile nur noch lachen. Was sie wirklich brauchte, war ein Konzept und vor allem eine Aufgabe, die sie daran hinderte, die Zeit mit Essen totzuschlagen. Auch in ihrer Wohnung hielt sie es kaum noch aus.

Zwar lebten in dem sechsstöckigen Wohnhaus an die hundert Menschen, doch Kontakt zu ihnen zu finden, war schwieriger, als sie dachte.

Elke aß etwas Obst und zählte die Stunden, die sie schlafend und träumend gehungert hatte. Dann zählte sie die Stunden, die noch vor ihr lagen, bevor sie sich wieder in den Schlaf flüchten konnte. Es waren sehr viele. Was sollte sie nur mit ihnen anfangen?

Bestimmt würde ihr ein Spaziergang an der frischen Luft gut tun. Der Frühling lockte mit wohliger Wärme und wunderbaren Düften (und das Café an der Ecke lockte verstohlen mit seiner Haustorte). Am Nachmittag verließ Elke ihre Wohnung im fünften Stock und fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten. Als sich die Tür zum Erdgeschoss öffnete, betrat ein Junge von sechs oder sieben Jahren den Lift. Er trug einen Schulranzen auf dem Rücken.

"Kannst du bitte für mich auf den obersten Knopf drücken?", bat er sie und erklärte, dass er alleine nur bis zum vierten reichen konnte und den Rest zu Fuß gehen musste. Was für ein lustiges Kerlchen, dachte Elke und fuhr mit ihm nach oben.

Im sechsten Stock stieg eine alte Frau ein, und als sich im Gespräch mit ihr herausstellte, dass sie im Park die Enten füttern wollte, entschloss Elke sich spontan, sie zu begleiten.

Sie verbrachten den ganzen Nachmittag zusammen im Park und unterhielten sich. Das Café hatte Elke mittlerweile vergessen, und als sie wieder zuhause war, fühlte sie sich zufrieden und angenehm müde. Doch der nächste Tag mit seinen vielen einsamen Stunden kam. Jetzt regnete es auch noch! Als ihr nach dem Mittagessen wieder die Decke auf den Kopf fiel, stieg sie einfach in den Aufzug. Hier hatte sie die Chance, auf unverfängliche Art und Weise mit ihren Nachbarn zusammenzutreffen. Lange Zeit passierte gar nichts. Sie fuhr hoch und runter, hing ihren Gedanken nach und dachte über die Frage nach, wie sicher wohl so ein Aufzug sein mochte. Was für ein seltsames Spiel!

Plötzlich hielt der Aufzug und Elke war gespannt darauf, auf wen sie gleich treffen würde. Ein Mann mittleren Alters mit Anzug und Aktentasche betrat im vierten Stock ihr Spielfeld, grüßte nur kurz und verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoss wieder. Dort stieg der Junge aus dem sechsten zu und freute sich, sie zu sehen.

"Musst du nicht arbeiten?", fragte er, und nachdem sie ihm ihre Lage erklärt hatte, hatte er auf einmal eine Idee: "Meine Mama sucht jemanden, der nachmittags auf mich aufpasst, wenn ich von der Schule komme", erklärte er. Ein zaghaftes "Willst du nicht?" folgte und wärmte Elkes Herz.

Ohne zu wissen, wie ihr geschah, zog der Junge sie mit sich aus dem Aufzug und präsentierte sie seiner Mutter als Babysitterin. Plötzlich hatte Elke eine Aufgabe.

An diesem Abend saß sie glücklich vor einem Korb mit Früchten und genoss ihren Anblick, ihren Geruch und ihren Geschmack. Sie liebte sie auf einmal, sie und die Früchte des Tages.

Es machte ihr Freude, am Nachmittag zwei Stunden auf den Jungen aufzupassen, mit ihm in den Park zu gehen oder zu spielen. Oft trafen sie auf den Mann mit der Aktentasche, der nach seiner Mittagspause wieder mit dem Aufzug nach unten fuhr, um zur Arbeit zu gehen.

Einmal fragte er Elke, ob der Junge denn ihr Sohn sei und es entwickelte sich ein längeres Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass er in einem großen Hotel beschäftigt war, für das man einen Fahrstuhlführer suchte.

"Wäre das vielleicht etwas für Sie?", fragte er.

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