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3. Platz:

René Baiker

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Der Taxifahrer

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Dieser Story merkt man die Lust am Erzählen und ein wenig auch die Lust am Bösen an. Das Tempo ist hoch, die Dialoge sind dynamisch, die Figuren lebendig und sympathisch, und der Plot-Twist am Ende erscheint zwingend: Selbstverständlich muss der Ermittler dran glauben, natürlich ist der Taxifahrer, der vor der Mafia in die Schweiz geflüchtet ist, selbst ein Mafiaboss. Der Autor zeigt hier auch ein gutes Händchen für Subtext: Erst im Rückblick erschließt sich Raffaeles sympathisches Plaudern als geschickte Aushorchstrategie.


Der Taxifahrer

„Mamma mia, was für ein Wetter.“

Der Taxifahrer warf die tropfnasse Schirmmütze auf den Nebensitz.

„Wäre ich doch in Bella Italia geblieben!“ Ein Zwinkern in den Rückspiegel. „Dort scheint immer die Sonne. Tag und Nacht!“ Sein fröhliches Lachen füllte den Innenraum. „Ich bin Raffaele. Wo soll’s hingehen?“

Sein Fahrgast nannte ihm die Adresse.

„Bene.“

Rafael Züllig lehnte sich im Fonds entspannt zurück, während das blaue Taxi in den Verkehr einfädelte.

„Sagten Sie Raffaele?“

„Si.“

„Dann sind wir Namensvettern.“

„Davvero? Wie klein die Welt doch ist.“ Wieder dieses ansteckende Lachen.

Eigentlich fühlte Züllig sich nach dem langen Rückflug aus New York viel zu müde für eine Unterhaltung. Aber diesen sympathischen Kerl konnte er einfach nicht mit Schweigen bestrafen.

„Aus welcher Region stammen Sie?“

„Aus Sizilien.“

Züllig nickte und dachte an das dreitätige Seminar über organisiertes Verbrechen.

„Die Heimat der Mafia.“

Raffaele rollte empört mit den Augen.

„Ah, immer das gleiche! Wir werden alle in einen Topf geworfen. Nicht jeder aus Sizilien ist automatisch ein Mafiosi!“

„Nein, nein, so habe ich das nicht gemeint. Entschuldigen Sie, ist mir rausgerutscht. Ich hab beruflich damit zu tun.“

„Beruflich? Sind Sie eine Art Fahnder oder so was?“

„Sonderermittler für organisiertes Verbrechen.“ Züllig unterdrückte ein Gähnen. Seine Gedanken flossen zäh wie Sirup.

„Dio mio, ein echter Mafiajäger in meinem Taxi!“ Bewunderung schwang mit. „Aber ziemlich arbeitslos in dieser Provinzstadt, eh?“ Schallendes Gelächter.

„Sie würden sich wundern.“

„Unsinn, in Frauenfeld gibt’s keine Mafia. Deshalb bin ich in die Schweiz gezogen. Keine Cosa Nostra, keine korrupte Polizei, keine Schießereien oder Morde auf offener Straße. Hier ist meine Familie sicher.“

Der Fahnder schwieg. Er wusste es besser.

„Die hiesige Polizei wäre ohnehin überfordert“, sinnierte Raffaele weiter. „Die Mafiamitglieder halten dicht, an die kommt keiner ran.“

Züllig reagierte pikiert.

„Für jeden gibt’s ein Druckmittel.“

„Was sollte das sein? Da plaudert niemand, ist viel zu gefährlich.“

Das Taxi erreichte Zülligs Wohnadresse. Er verspürte den Drang, sich zu rechtfertigen.

„Wenn er verhindern kann, dass sein drogenabhängiger Sohn wegen Mord, Drogenhandel und Prostitution für Jahre in den Knast wandern muss, knickt sogar ein Familienoberhaupt ein. Glauben Sie mir!“

Der Italiener lachte. „Schon gut, ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Züllig drückte ihm ein grosszügiges Trinkgeld in die Hand.

„Grazie mille!“ Raffaele fingerte auf der Mittelkonsole nach seiner Visitenkarte. „Wenn Sie wieder einmal ein Taxi brauchen, rufen Sie mich an. Namensvettern müssen zusammenhalten!“

„Das mach ich.“

Im Hinterzimmer eines Boccia-Clubs hatte sich der innere Kreis der Cosa Nostra versammelt und wartete auf ihren Capo. Außer ihm fehlte nur noch einer.

„Wo ist Luigi?“ Bedauerndes Schulterzucken. Der Boss hasste Unpünktlichkeit. Im Vorraum murmelten Stimmen, dann drang ein polterndes Lachen durch die Türe.

Raffaele betrat den Raum.

Und kam gleich zur Sache.

„Luigi hat geredet. Die Polizei hat ihn wegen seines drogenversauten Bastards in der Hand. Die beiden müssen verschwinden. Spurlos. Wer kümmert sich darum?“

„Ich übernehme das.“

„Bene. Dann hab ich noch die Adresse von einem Bullen, den ich nie mehr in mein Taxi einsteigen sehen will! Pedro?“ Der Angesprochene nickte.

„Ist so gut wie erledigt, Capo.“

Ein prüfender Blick in die Runde. Keiner stellte die Entscheidung ihres Chefs infrage. „Allora, genug von den Geschäften. Mangiare. Spaghetti Vongole? Wer macht mit?“ Sein dröhnendes Lachen füllte den Saal mit Angst.

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