Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

4. Platz:

Angela Köster

-

Der Schutzengel

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Autorin verbindet den Spannungsplot mit einer Grundfrage des menschlichen Daseins, die auch über das Ende der Geschichte hinaus nachklingt: Muss man selbst eingreifen, wenn jemand in Not ist? Zivilcourage zu zeigen kann auch bedeuten, selbst etwas abzubekommen. Helden handeln fast immer idealistisch - und manchmal geraten sie dabei in ein Dilemma: Meike kann einer Frau, die überfallen wird, helfen. Doch dann muss sie selbst gerettet werden, und ihr Retter wird schwer verletzt. Wäre es also besser gewesen, Meike hätte nicht eingegriffen?

Spannend wird die Geschichte, weil man den Überfall auf Meike per Telefon zwar live miterlebt, Bob aber nicht eingreifen kann. Man bleibt als Leser - genau wie Bob - hilfloser Zeuge.


Der Schutzengel

Bob saß in seinem Taxi. Den Sitz leicht nach hinten gekippt, beobachtete er die vorbeieilenden Menschen. Eingewickelt in dicke Winterjacken schleppten sie schwer an ihren Einkäufen. Die Leute gaben ihr Geld in diesen Tagen lieber für Weihnachtsgeschenke aus, als für Taxifahrten.

„Und bitte keine Geschenke. Du wirst meine Eltern auch so beeindrucken.“, sagte Bob. Er war froh, dass Meike ihn immer wieder anrief, um ihn über alles, was sich in seiner Abwesenheit zutrug, minutiös und zeitnah auf dem Laufenden zu halten. So zermürbte ihn zwar die Kälte, nicht aber die Langeweile.

„Weihnachten ohne Geschenke? Niemals. Aber keine Sorge, es gibt nur winzige Gaben und nur solche, bei denen ein Teil des Kaufpreises gespendet wird.“, antwortete Meike.

„Ah, da ist es ja, das kleine Helfersyndrom.“, neckte er sie.

„Ich dachte an eine CD mit Weihnachtsliedern.“, meinte sie.

„Oh, das könnte meinen zehn Geschwistern auch gefallen.“, er grinste verschmitzt. „Wo bist du gerade? Schon im Warmen?“

„Gerade ausgestiegen. Ich texte dich gleich nicht mehr zu. Die Fahrgäste kommen nicht, wenn der Fahrer telefo ...“, sie brach mitten im Satz ab. „Hallo, was macht ihr mit dem Mädchen?“

„Meike? Alles in Ordnung?“ „Nimm die Finger von ihr!“ rief Meike energisch. Bob riss das Handy aus der Halterung der Freisprechanlage und presste es an sein Ohr. „Meike, was ist los?“

„Jääh, noch ´ne Schnecke.“ Bob hörte eine kratzige männliche Stimme. „Halleluja, wir müssen nicht teilen!“

„Nimm die Pfoten weg!“, krächzte Meike. Dann brach die Verbindung ab.

„Zum Strandhotel Blankenese.“ Bob starrte den Mann, der sich gerade auf die Rücksitzbank fallen ließ, einen Augenblick an. Dann griff er mechanisch zum Funkgerät. „Überfall auf zwei Frauen, U-Bahn Billstedt. Ruft die Polizei.“ Bob startete den Motor, drehte sich um und befahl: „Raus aus dem Wagen!“ Kaum hatte der Mann das Taxi fluchtartig verlassen, trat Bob das Gaspedal durch. Die Reifen rutschten über den vereisten Asphalt. Rote Ampeln hatten ihre Bedeutung verloren. Die krächzende männliche Stimmte, die er am Telefon gehört hatte, rauschte durch Bobs Kopf.

Er hatte die Bahnstation fast erreicht. Der Parkplatz war überfüllt mit Schaulustigen. Bob bog in eine Seitenstraße, riss die Fahrertür auf und rannte los. Ein Mann wurde gerade in einen Rettungswagen geschoben. Bob schauderte. Was war das in seinem Gesicht? Es sah aus wie schwarze Fußabdrücke. Die blutunterlaufenen, geschwollenen Augen waren geschlossen. Bob starrte ihn für einen Augenblick an, dann drängte er weiter. Ein Polizist hielt ihn am Arm fest. „Sie können hier nicht durch.“

„Aber meine Freundin ist da drin.“, stammelte Bob. Ohne eine Antwort abzuwarten, riss er sich los und stürmte durch die Absperrung. Meike lehnte, umringt von Sanitätern an einer Wand. Als sie ihn sah lächelte sie matt und sagte: „Sie haben die Finger von ihr gelassen.“ Zwei junge Männer, fast noch Halbwüchsige, wurden abgeführt. „Leider brauchte ich dann auch einen Schutzengel. Hast du ihn gesehen?“ Tränen rannen über ihr Gesicht, verteilten das Blut auf ihren Wangen. Bob hörte die Sirene des abfahrenden Rettungswagens.

„Ja, das habe ich.“, sagte er tonlos. „Über mein Helfersyndrom müssen wir wohl doch noch mal reden.“ Meike versuchte zu lächeln.

„Aber erst nach Weihnachten. Vorher muss ich noch zehn Weihnachts-CD´s kaufen.“

-