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5. Platz:

Stephanie Hohn

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Der Luftballon

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Eine Geschichte, in der die harte Realität einer Angststörung auf das Ideal der Mitmenschlichkeit trifft. Sprache und Motivführung spiegeln hier sehr gut die emotionalen Vorgänge. Ohne dass die Autorin es so benennt, stellt man sich die immer enger gewordene Welt der Hauptfigur grau in grau vor. Erst die unverhoffte Begegnung mit einem Kind bringt Farbe zurück in ihr Leben - ein vielleicht unrealistisches, dafür aber umso wärmenderes Rosarot.


Der Luftballon

Es war wieder soweit. Der Kühlschrank war leer. Die letzte Dose Ravioli hatte er gestern Mittag geleert. Jetzt war es vier Uhr nachmittags und er hatte an diesem Tag noch nichts gegessen. Er verspürte auch keinen Hunger, der Magen war wie zugeschnürt. Aber er wusste, wenn er nicht verhungern wollte, würde er einkaufen müssen. Rausgehen. Die Straße überqueren. Alleine. Er fror, und doch hinterließ der Schweiß in seinen Handinnenflächen feuchte Spuren auf dem Küchentisch. Seit wann saß er nun hier schon? Wenige Minuten, Stunden, ein halbes Leben ... Sein Herz raste. Möglicherweise würde es auf dem Weg seinen Dienst versagen. Das Treppensteigen würde den Puls in schwindelerregende Höhen steigen lassen. Das wusste er. Beim letzten Mal war es auch so gewesen. An Aufzug fahren war nicht zu denken. Das konnte er schon lange nicht mehr. Aber Aufzüge konnte man vermeiden. Überhaupt geschlossene Räume mit vielen Menschen. Flugzeuge. Kinos. Überfüllte Geschäfte. Man konnte leben, ohne ein Flugzeug zu besteigen. Auch in ein Kino musste man nicht gehen. Er wusste nicht mehr, wie er das früher gemacht hatte, früher, als er noch Arbeit hatte, früher, als er noch Freunde hatte, früher, als er noch ein Leben hatte ohne Angst vor dem Leben.

Zitternd zog er seinen Mantel an, nahm den Schlüssel, das Portemonnaie, die beiden Einkaufsbeutel. Langsam stieg er die Treppe hinunter. Das Stück Flur vom unteren Treppenabsatz bis zur Haustür wurde mit jedem Schritt enger. Auch die Luft wurde dünner. Am Türgriff konnte er sich eine Weile festhalten, durchatmen, Kraft schöpfen für den nächsten Schritt. Hinaus, in den endlosen Strom hastender Menschen. Wenige Meter bis zur Ampel. Auch dort konnte er sich wieder festhalten. Die Autos rasten an ihm vorbei, Laster donnerten über den Asphalt, die Straßenbahn ließ den Boden vibrieren. Er sah zum Himmel, doch der hatte sich zurückgezogen, hinter den schmalen Spalt zwischen den eng beieinander stehenden Häusern. Ihm wurde schwindelig. Er würde es nicht schaffen. Es ging nicht. Er musste zurück, zurück in die Wohnung. Ruhe, Stille, hinlegen. Er würde es morgen wieder versuchen. Morgen würde es klappen. Bestimmt.

Gerade wollte er sich von der Ampel lösen, die wenigen Schritte zur rettenden Haustür zurückgehen, da eilte eine Mutter mit einem kleinen Mädchen vorbei. Am Handgelenk des Mädchens hing ein Luftballon, ein rosaroter Panther, gefüllt mit Helium.

„Mama, was hat der Mann?“

„Ich weiß nicht. Komm, wir müssen uns beeilen!“

Die Mutter zog das Kind energisch weiter. Plötzlich riss sich das Mädchen los, drehte sich um und lief auf ihn zu.

„Da“, sagte sie und hielt ihm den dünnen Faden entgegen, an dem der Panther-Ballon befestigt war. Er zögerte, denn er war ein Mann, er war 47 Jahre alt, er war viel größer als dieses Kind. Aber dann griff er zu. Der Faden war warm von der Hand des Mädchens. Das warme Gefühl breitete sich in seinem Arm aus, in der Brust. Er atmete. Die Ampel wurde grün. Vorsichtig setzte er den Fuß auf die Straße. Dann den nächsten. Über seinem Kopf tanzte der Ballon. Er sah nach oben und konnte nun ein wenig den blauen Himmel sehen, hoch über den Häusern.

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