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6. Platz:

Leonie Sarah Heidsieck

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Die Auflaufform

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

„Die Auflaufform“ ist aus Sicht des sechsjährigen Finn erzählt, der vor einem Jahr seine Mutter verloren hat und sich bemüht, größer zu sein als er ist. Die zersprungene Auflaufform wird zum Symbol für das Leben von Vater und Sohn, das in Scherben liegt, und das Blut, das Finn zwischen den Fingern hervorquillt, macht - endlich - seinen Schmerz sichtbar. Mit wenigen Worten gelingt es der Autorin, die tiefe Traurigkeit der zerrissenen Familie zu zeigen und zugleich Hoffnung zu vermitteln, dass die Wunde heilen kann.


Die Auflaufform

Tick, Tack. Tick, Tack. Erwartungsvoll blickte Finn auf den Sekundenzeiger der großen Wanduhr im Wohnzimmer. Er saß mit seinem Vater am großen Esszimmertisch, der bis auf das Mittagessen bereits vollständig gedeckt war. Auch wenn sein Vater ihn hin und wieder anlächelte, schwiegen sie. Wie immer lag diese unangenehme Stille zwischen Ihnen, die er so oft schon versucht hatte, zu durchbrechen. Doch was sagt ein sechsjähriger Sohn seinem Vater, der den ganzen Tag arbeitet, abends kaum ein Wort verliert. „DRIIIIIING!!!“, ertönte der Küchenwecker und erlöste sie endlich aus ihrer Starre. „Ich gehe!“ Finn sprang auf und lief eilig in die Küche. Als er die Ofenklappe öffnete, stieg ihm bereits heißer Dampf entgegen. Der Auflauf roch so gut, dass er es kaum erwarten konnte, endlich davon zu kosten. Vielleicht würde das Essen seinen Vater ja etwas aufheitern. Vorsichtig bugsierte er die schwere Form auf zwei Topflappen, die er sich zum Schutz auf die Handflächen gelegt hatte, und lief zurück ins Wohnzimmer.

„Schau mal Papa, der Käse ist schon ganz knuspr ...“ Weiter kam Finn nicht, denn im selben Moment rutschte er auf einer Socke am Fußboden aus. Was nun kam, geschah für Finn wie in einem Film, den man versehentlich auf Zeitlupe eingestellt hatte. Die schöne, weiße Auflaufform glitt ihm aus den Händen und schien für den Bruchteil einer Sekunde durch den Raum zu fliegen. Dann setzte die Schwerkraft wieder ein und das Porzellan schlug gleichzeitig mit Finns Knien auf dem harten Fußboden auf. Die Fliesen waren übersät mit Scherben und Finn mitten drin.

Sein Vater sprang auf und fuhr ihn an: „Sag mal, bist du denn völlig bescheuert? Wie kann man nur zu dämlich sein, eine Auflaufform zu tragen??“

Finn sah seinen Vater aus großen Augen an und blickte dann geknickt zu Boden. Er hatte es doch nicht mit Absicht getan, diese blöde Form war ihm ... einfach aus den Händen gerutscht. Er blickte auf seine Hand und sah dunkles Blut zwischen seinen Fingern hervor sickern, dann blendete die Szene aus. Der Tod von Finns Mutter lag noch nicht einmal ein Jahr lang zurück, doch er hatte sie getroffen wie eine noch immer scharfe Mine, auf die man versehentlich am Boden getreten war. Nicht wie bei einer riesigen Explosion, bei der alles in 1000 Stücke fliegt und dann vorbei ist. Nein, gerade so, dass der Schmerz einen mit voller Wucht trifft und einem einen geliebten Körperteil abreißt, der nicht wieder zu ersetzen ist. Und je länger man nicht darüber spricht, desto tiefer reißt die Wunde und lässt einen sich immer mehr verlieren. So war es für Finn gewesen. Er vermisste seine Mutter manchmal mehr als sein kleines Herz aushalten konnte. Ein Falschfahrer auf der Landstraße, hatte es geheißen. Sie hatte keine Schuld getragen, und doch hatte sie sterben müssen. Finn erinnerte sich noch oft an ihre gemeinsamen Sonntage zu dritt, an denen sie stundenlang Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt und selbstgemachten Auflauf aus der schönen, weißen Form gegessen hatten.

Finn öffnete erneut die Augen und fand sich in diesem Haufen aus Scherben wieder. Sein Vater saß neben ihm und hatte ihm zaghaft den Arm um die Schulter gelegt. Ihre Blicke begegneten sich. Aus dem Gesicht des Vaters war jeder Anflug von Zorn gewichen, stattdessen stand ihm bloß die Sorge um seinen kleinen Sohn ins Gesicht geschrieben. „Es ... es tut mir so leid Finn. Es tut mir so leid!“ Er schluchzte, und nun kamen auch Finn die Tränen. Sekunden später lagen sie sich in den Armen. Finns Blick glitt über den Trümmerhaufen und er spürte, dass es Zeit war, die Scherben aufzusammeln.

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