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7. Platz:

Irene Schumm

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Umgedreht

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Der Titel „Umgedreht“ entwickelt eine schöne Doppelbedeutung: Jenny dreht sich um und bietet ihrem verblüfften Verfolger die Stirn. Und: Als Leser wird man mit Jennys (und seinen eigenen?) Vorurteilen und Erwartungen konfrontiert. Natürlich ist der dunkle Riese böse und der blonde Beau geheimnisvoll-interessant! Und natürlich ist es am Ende genau umgedreht. Die Spannung der nächtlichen Verfolgung löst sich, als der Irrtum erkannt wird. Jenny ist vorerst in Sicherheit. Doch man wird mit dem Wissen zurückgelassen, dass sie „beim nächsten Mal“ für ihre falsche Einschätzung wird büßen müssen.


Umgedreht

Die dumpfen Diskorhythmen dröhnten in Jennys Kopf. Ihre Wangen glühten. Sie hätte noch länger tanzen können, wäre nicht das grelle Sperrstundenlicht eingeschaltet worden. Jenny blinzelte irritiert. Zu später Stunde entlarvte die gleißende Helligkeit die ernüchternde Wirklichkeit: Trunkene, schweißfleckige Gestalten, bleiche Gesichter, zerzaustes Haar. Schützend hielt Jenny die Hand über die Augen und schielte vorsichtig, fast beschämt zur Bar: Der blonde Beau, der sie die ganze Nacht über beobachtet hatte, war verschwunden. Drei Wochen schon hofierte er sie mit verführerischen Blicken ohne dass er sie auch nur ein einziges Mal angesprochen hätte. Komischer Typ. Und doch geheimnisvoll, anziehend!

Jenny warf sich den dicken Wintermantel über die nackten Schultern, schnappte ihre Handtasche und lief hinaus. Sie musste nur die Meidlinger Hauptstraße hinaufgehen, in fünf Minuten wäre sie daheim. Der fahle Schein der Straßenlaternen spiegelte sich auf dem regennassen Asphalt, die Schaufenster waren umsonst beleuchtet. Da wandte sie erschreckt den Kopf. Hatte sie Schritte vernommen? Nein, sie musste sich geirrt haben: Hinter wie vor ihr lag die nächtliche Einkaufsstraße menschenleer da. Sie ging weiter. Aber unverkennbar war da wieder das Klappern von Absätzen. Jenny drehte sich erneut um. Diesmal sah sie ihn: eine riesenhafte, dunkle Gestalt ging ihr schnellen Schrittes hinterher. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen. Jenny hastete weiter. Vielleicht war er auch nur auf dem Heimweg, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch auch der Fremde beschleunigte nun seinen Schritt. Sie könnte versuchen, davonzulaufen. Es waren nur noch zwei Querstraßen bis zu ihrer Wohnung. Aber der Verfolger war größer, er wäre sicher auch schneller, auf jeden Fall doppelt so stark wie sie. Sie hätte keine Chance. Und keine Menschenseele sonst auf der Straße.

„Warten sie!“, hörte sie eine raue Stimme hinter sich.

Jenny fasste all ihren Mut zusammen. Sie wirbelte herum, bäumte sich in ihrer Angst auf wie ein aufgeschrecktes Pferd: „Was willst du?“, schrie sie mit schriller Stimme. „Wieso folgst du mir? Hast du nichts Besseres zu tun, als mitten in der Nacht Mädchen nachzustellen?“

Der Mann blieb knapp vor ihr stehen. Unter buschigen Brauen funkelte ein böser Blick. Erstaunt öffnete er den Mund, nur um ihn gleich darauf wieder zu schließen wie ein Fischmaul. Jenny wurde selbstsicherer: „Kannst du mir nicht antworten? Bist du etwa stumm?“

Der Riese stand weiterhin reglos da, seine Arme baumelten kraftlos an den Seiten herunter. In der rechten Faust hing etwas Blutrotes, er streckte sie Jenny entgegen. Jenny starrte auf die mächtige Hand, in der ihr durchnässter Kaschmirpullover baumelte. Erhitzt wie sie war, hatte sie ihn in der Disko ausgezogen und ganz oben in die Tasche gestopft. Er musste ihr herausgefallen sein.

„Gehört der dir?“, fragte die raue Stimme mit gebrochenem Akzent. Die Augen lächelten nun gütig. Jenny war schwindelig vor verschwendeter Furcht. „Danke“, murmelte sie verlegen. „Verzeihung.“ Mehr brachte sie nicht heraus. Die bedrohlichen Bilder ließen sich nicht aus ihrem Kopf verdrängen, daher schnappte sie mit spitzen Fingern den auf links gedrehten Pullover und lief so schnell sie konnte nach Hause.

Der Mann machte kehrt und ging seiner Wege. Gerade noch rechtzeitig konnte der blonde Beau hinter der Litfaßsäule verschwinden. Ungeduldig drehte er den Kopf nach dem Riesen, bis dieser in einer Seitengasse verschwand. Er würde sie nicht mehr kriegen, sie war schon zu nah bei ihrer Wohnung. Aber nächstes Mal. Nächstes Mal würde er sie erwischen ...

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