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9. Platz:

Sophia Sader

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Eine andere Art der Herausforderung

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2014 Runde 2

Das Urteil der Jury:

War die Geste des Erzählers, seinem Konkurrenten die Medaille zu überlassen, übermenschlich großzügig? Hat er dem Mann, der ihn niedergeschlagen hat, damit einen Dienst erwiesen? Im Grunde hat er ihn gedemütigt, weit tiefer, als körperliche Schläge es könnten. Was der Erzähler gewinnt, ist geistige Stärke und Integrität.

Trotz kleiner stilistischer Schwächen ist dies eine Geschichte, die im Leser nachhallen kann, weil sie die Frage stellt, was Menschen über sich hinauswachsen lässt. Medaillen jedenfalls sind es nicht.


Eine andere Art der Herausforderung

Plötzlich schoss mir Adrenalin durch den Körper. Alles in mir spannte sich an, jeder einzelne Muskel - mein Herz pochte - mein Blut strömte. Ich sagte nichts und schüttelte nur motorisch den Kopf: ,,Tu es nicht.’’ Er ballte seine Fäuste zitternd vor der Brust: ,,Verstehe mich! Ich will die Goldmedaille nicht, ich brauche sie!’’ Widerwillig stieß er einen Angriffsschrei aus und zielte pfeilgerade mit dem Fuß auf mein Gesicht. Rechtzeitig konnte ich noch blocken. ,,Ahh!’’ entfloh es mir entrüstet. Ich fiel zu Boden.

Keuchend guckte er auf mich herab: ,,Ich werde sie mir holen. Egal um welchen Preis!’’ Ich drehte mich verständnislos auf den Rücken. Unvorbereitet schlug er mir in den Bauch, ins Gesicht. Ich krümmte mich schmerzverzerrt. Weitere zwei peitschende Tritte auf meine Beine. ,,Ich kann dich nicht einfach gegen mich antreten lassen. Ich hab dich bei der Finalvorbereitung trainieren sehen. Du bist zu gut!’’ Aufgewühlt trat er rückwärts Richtung des Ausgangs.

 

Röchelnd lag ich auf den kalten Fliesen.

Jetzt rannte er umschauend aus dem Waschraum.

Meine Beine pochten schmerzhaft, mein Gesicht war angeschwollen, mein Magen krampfte. Verdammt! Ich zog mich die Treppe runter und rieb mir das Blut meiner Lippe ab. Humpelnd schob ich mich durch die Menge. Die Menschen liefen mit angespannten, nervösen Gesichtern durch die Halle. Ein Gemisch von Schweiß, benutzten Schuhen, überanstrengten Körpern und verbrauchter Luft schlug mir erdrückend entgegen.

Endlich fand ich meinen Trainer. Hinter ihm schwankte die goldene Schrift der Werbeflagge: >>Kung-Fu World Championship 2014 – GO FOR GOLD!<< ,,Was ist passiert!’’ fragte er geschockt. Ich gab keine Antwort. ,,Es geht jetzt los! Willst du so antreten?’’ Ich überlegte und erinnerte mich an ein Gespräch mit meinem Trainer: ,,Die Medaille ist nicht so wichtig, sondern das Erreichen der richtigen Einstellung! Du hast jede Sekunde die Chance, eine neue Wahl zu treffen. Entscheide dich für das, was sich in diesem Moment am besten anfühlt.’’

Mir wurde gerade eine andere Art von Herausforderung geboten!

Es ging nicht mehr um die Medaille, sondern darum meine Grenzen aufzubrechen, egal wie stark der Schmerz war. Ich wollte nur eins, also antwortete ich: ,,Ich will antreten!’’ Eilig stellten wir uns an die Matten.

Man rief meinen Konkurrenten zur Vorbereitung auf, der, der mich gerade zu Boden geschlagen hatte. Sein Trainer redete eindringlich in bedrohlicher Miene auf ihn ein: ,,Ich bin jetzt bei den anderen in Halle drei. Wenn die Medaillen vergeben wurden, kommst du zu mir und zeigst mir deine Goldene! Enttäusche mich und deine Familie nicht schon wieder!’’

Jetzt kam der Moment, alles auszuschalten, was mich ablenken konnte. Ich atmete ein und aus – gedanklich trennte ich meine Wunden von meinem Körper – wieder tief ein und aus. Ich legte meinen Schmerz in eine Kiste und schob sie ganz weit weg. Innerlich suchte ich nach meiner Kraft und wiederholte den Ablauf meiner Kür. Meine Energie fing an, durch mich durch zu fließen und meine Muskeln meldeten sich startklar: ,,Next competitor! Nils Richter from Germany!’’ Es geht nur darum, was du willst, nicht was eigentlich möglich ist.

Ich kapselte mich von der Realität ab. Alles verlief wie in einem Traum. Die letzten Kraftreserven öffneten sich und ließen mich alle meine Bewegungen bis zur Perfektion ausführen. – Es war vorbei! Ich erwachte. Der Präsident der Organisation hängt mir die Goldmedaille um den Hals. Doch nach der Ehrung nahm ich sie ab und hielt sie meinem Konkurrenten hin, der mich argwöhnisch ansah: ,,Hier! Ich habe etwas viel wertvolleres gewonnen!’’

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