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1. Platz:

Konstanze Treber

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Der Keller

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Nächtliche Wahrnehmungen können einem ebenso leicht Streiche spielen, wie Erinnerungen aus Kindertagen. Man weiß, was man gehört und gesehen hat. Und man weiß, dass man es nicht gehört und gesehen haben kann.

Die Erzählerin dieser Geschichte erinnert sich an einen Keller, den es niemals gegeben hat. Und falls doch, ist etwas Böses dort geschehen. Und wäre dieses Böse nicht geschehen, dann wäre die Erzählerin vermutlich jetzt nicht mehr am Leben. Kann eine Kellertür samt Treppe einfach verschwinden? Kann ein zudringlicher Mann in Parteiuniform mit seinen Blumen, Pralinen und Drohungen einfach verschwinden? Es wird bewusst offen gelassen, wer hier lügt: Die Familie des kleinen Mädchens - oder dessen überstrapazierte Fantasie.

Das Besondere an dieser Geschichte: Was das Kind noch nicht begreifen kann, liegt für den erwachsenen Leser im Subtext offen zutage. Nichts muss ausgesprochen werden. Alles erschließt sich. Nur eine Antwort auf die Frage nach der Kellertür muss wohl für immer offen bleiben.


Der Keller

Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen.

Damals wohnten wir dort zu dritt: Großmutter, Mutter und ich. Großvater war im Krieg gefallen. Er muss wohlhabend gewesen sein, denn er hat uns dieses große, wenn auch alte Haus hinterlassen. Meinen Vater kenne ich nicht - Mutter sagte nie mehr über ihn, als dass er nicht der Mann gewesen sei, für den sie ihn gehalten habe. Das müssen Sie wissen, um das Folgende zu verstehen.

In jenem Sommer bekamen wir des Öfteren Besuch von einem Mann. Er trug eine braune Uniform, und immer, wenn er kam, wurde ich nach oben in mein Zimmer geschickt. Er brachte Blumen oder Pralinen mit, die ich manchmal am nächsten Tag im Müll entdeckte.

Eines Tages lief ich hinunter, nachdem ich den Mann hatte weggehen sehen. Mutter und Großmutter waren in der Küche. Meine Hand lag schon auf der Türklinke, da hörte ich Mutter weinen. „Warum sagst du ihm nicht endlich, dass er nicht wiederkommen soll?“ Großmutters Stimme. „Das kann ich nicht!“ Ein Schluchzen. „Er hat gesagt, jetzt, wo er mich endlich gefunden hat, geht er nicht wieder weg. Und wenn ich mich noch länger so anstelle, sagt er seinem Vorgesetzten Bescheid. Sie werden kommen und uns abholen!“

Damals wusste ich nicht, was das bedeuten sollte. Aber der schrille Ton in Mutters Stimme machte mir Angst.

Eine Weile war Schweigen in der Küche. Dann sagte Großmutter: „Ruf ihn an. Sag ihm, er soll heute Abend noch mal kommen. Wir werden uns schon mit ihm einigen, so oder so.“ An diesem Abend wurde ich früh zu Bett geschickt. Ein Gewitter war aufgezogen, es schien einen Sturm anzukündigen. Als ich aufwachte, war es finstere Nacht. Der Wind heulte ums Haus. Aber ich hörte noch mehr: Lautes Rufen; eine wütende Männerstimme; einen halberstickten Schrei; ein Poltern und Krachen; einen dumpfen Aufschlag. Danach nichts mehr.

Als ich Mutter am nächsten Morgen nach den Geräuschen fragte, lachte sie. „Da hast du wohl geträumt, mein Liebes.“

„Ich glaube, ich war wach“, sagte ich.

„Sicher hat dich der Sturm geweckt und dein Traum war noch ganz nah“, sagte sie. „Deshalb hast du dich daran erinnert, als wäre es wirklich passiert. Das kommt vor.“

Sie nahm mich mit nach draußen und zeigte mir die Trümmer von zwei Dachziegeln: „Siehst du, der Sturm war sehr stark. Das hast du bestimmt im Schlaf gehört, und dann hat es deine Fantasie angeregt.“

Ich glaubte ihr, und wir sprachen nicht mehr darüber. Sie war schließlich meine Mutter - wie hätte ich an ihrem Wort zweifeln können?

Der Mann kam nicht wieder. Es kam auch niemand, um uns abzuholen. Sie hatten sich wohl mit ihm geeinigt.

Nur eines ist seltsam: Der Keller. Ich hatte ihn einfach vergessen, viele Jahre lang. Er ist mir erst letzte Woche wieder eingefallen, bei einer alten Freundin, die mich bat, etwas aus ihrem Keller zu holen. Ich stieg also hinunter, und da war sie, ganz plötzlich, die Erinnerung: Als Kind bin ich nie in den Keller gegangen. Die modrige, raschelnde, spinnwebverwobene Dunkelheit hat mir Angst gemacht. Aber ich erinnere mich an diese Angst. Und an die Tür, durch die ich nie getreten bin.

Es war ein altes Haus, ich glaube, das sagte ich schon. Der Keller war nur von außen zu betreten. Man musste halb um das Haus herumgehen, dann führten drei Stufen nach unten, zu einer schmalen Tür aus dunklem Holz. Ich erinnere mich noch genau an den goldenen Knauf, in dem sich immer die Sonne spiegelte. Ich war nicht oft bei dieser Tür, aber ein paar Wochen nach jener stürmischen Nacht bin ich im Spiel ums Haus herumgelaufen.

Da war keine Tür.

Nicht einmal die drei Stufen. Zwei Mal bin ich ums ganze Haus gegangen, um mich zu vergewissern: überall nur glatte weiße Mauer. Ich lief, nein, ich rannte zurück ins Haus, zu meiner Mutter. „Mutter, Mutter“, rief ich, „der Keller ist fort!“

Mutter lachte. „Was denn für ein Keller, Liebes?“

„Na unser Keller! Der, der so gruselig ist!“

„Du hast wirklich eine blühende Fantasie.“ Mutter lachte noch immer. Sie strich mir übers Haar und ordnete meine Zöpfe, die sich beim Rennen gelöst hatten. „Wozu sollten wir denn einen Keller brauchen? Wir haben doch die Vorratskammer.“

Ich war verunsichert. Trotzdem fragte ich auch Großmutter nach dem Keller. Sie schüttelte den Kopf und musterte mich über den Rand ihrer Brille hinweg. Diesen Blick mochte ich nicht, er fühlte sich an, als würde er mich schrumpfen lassen.

„Hier hat es nie einen Keller gegeben“, sagte Großmutter.

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