Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

2. Platz:

Sandy Crier

-

Gewitterstimmung

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine Bergbäuerin auf dem Heimweg von der Mahd findet ihren betrunkenen Schwiegervater hilflos über einer Schlucht hängend. Sie versucht, ihn zu retten, reckt sich ihm entgegen. Etwas lässt sie innehalten. Eine Erinnerung. Und sie trifft eine radikale Entscheidung.

„Gewitterstimmung“ ist eine stilistisch souveräne, dichte, visuell geschriebene und dezent mit Mundart angereicherte Rachegeschichte. Man sieht die Landschaft, spürt das Wetter, die Blasen an den Händen der Bäuerin, den Atem des Schwiegervaters. Und man gönnt ihm, was er verdient. Damit könnte es zu Ende sein. Die Autorin baut jedoch eine Kleinigkeit ein, die über den Schluss hinausweist - etwas, das der Bäuerin zum Verhängnis werden könnte.


Gewitterstimmung

Die Blasen an Katharina’s Händen brannten. Das Verreiben von Spucke vor der Arbeit hatte auch nichts genutzt. Den ganzen Tag hatte sie unterhalb des Hochlegers überfällige Wiesen gemäht. Der Job war knochenhart, aber die Mahd mit der Sense hatte auch etwas Meditatives für sie; zumindest eine Weile. Ein Strohhut, das Geschenk ihrer Schwester, als sie zu ihrem Mann auf den Bergbauernhof gezogen war, schützte ihren Kopf vor der Sommerhitze. Tiefgraue Wolken verdunkelten den Himmel, in der Ferne war bereits Donner zu hören. Sie konnte den Regen schon riechen. Bald würde es anfangen zu gewittern. Zeit, nach Hause zu kommen.

Katharina kam an der Klamm vorbei. Gut zwanzig Meter ging es runter zum eiskalten Bach. Sie mochte das Tosen, und die Kühle, die der Sprühnebel des Wasserfalls und die schattige Schlucht spendeten. Etwas riss sie aus ihren Gedanken. Sie blieb stehen. Laute, die nicht her gehörten. Kopfschüttelnd ging Katharina ein paar Schritte weiter. Wieder. Da schrie jemand! Das waren Hilferufe, jetzt hörte sie es ganz eindeutig. Vorsichtig blickte sie über die Wegkante. Ihr Schwiegervater, der Bauer, klammerte sich mit beiden Händen an ein Latschenpflänzchen, das einmal eine richtige Bergkiefer werden wollte. „Katl, die schickt der Himmel!“ Erleichterung, sie zu sehen, war das letzte Gefühl, das sie vom Bauer erwartet hatte. Er baumelte über dem Abhang, in seinem Jaga-Gwandl. Die Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Füße fanden am brüchigen Gestein kaum noch Halt. „Iatz schau nit so deppat, hilf ma endlich!“

Katharina riss es aus ihrer Schockstarre. Rasch kniete sie nieder, reichte ihm die helfende Hand hinunter. Viel zu kurz. Sie musste sich hinlegen. Mit der anderen Hand versuchte sie, sich an einem Stein festzukrallen. Eine Schnapsfahne wehte ihr entgegen. Ekel stieg in ihr auf. Der Bauer hatte wohl wieder einmal den Flachmann dabei gehabt, um sich die Zeit auf dem Hochstand zu vertreiben. „A poa Zentimeter no! Du muasch di grod no a bisserl weiter vuni schiaben.“

Katharina brach der Schweiß aus, sie hatte Angst, den Halt zu verlieren, wenn auch noch das Gewicht des Bauern an ihr hing. Die Blasen waren vergessen. Die Sense konnte sie auch schlecht zum Einsatz bringen. Sich irgendwo anzuhängen, kam auch nicht in Frage; womit auch. Vorsichtig schob sie sich Zentimeter für Zentimeter nach vorn. Die spitzen Steinchen bohrten sich in Kittel und Körper. Weiterer Schotter prasselte auf den Kopf des Bauern hinab.

„Iatz moch scho, du deppate Funsn!“

Katharina stutzte, starrte ihn an. Der alte Mann hatte echt den Nerv, ihre Hilfe zu brauchen, und sie immer noch wie den letzten Dreck zu behandeln. Wie zu Hause.

Seit Jahren demütigte er sie bei jeder Gelegenheit. Beschwerte sich über’s Essen, über ihre Faulheit, ihre Arbeit im Stall, liess an nichts, was sie tat, ein gutes Wort. Die Namen, die er für sie benutzte, fand sie noch nicht einmal im Wörterbuch. Noch schlimmer war es geworden, nachdem Stefan’s Mutter starb, und der Bauer keine Frau mehr hatte, die er schlagen konnte, wenn ihm eine Laus über die Leber gelaufen war. Oder zu viel Schnaps. Stefan war Katharina’s Mann und ein Feigling. Nahm sie selten in Schutz, glaubte, dass ein Stadtpflänzchen wie sie eben überreagieren würde. Halbherzig begehrte er auf, wenn es wieder mal unerträglich wurde. Die drohende Hand des Vaters ließ ihn jedoch jedes Mal schnell wieder verstummen. Letzten Sommer hatte der Bauer Katharina in der Tenne vergewaltigt, fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Der eigene Schwiegervater. Als er endlich von ihr ließ, lächelte er und legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund. Der Film lief vor ihrem inneren Auge ab; keine Szene hatte sie vergessen. „Sei froh, dass ich dir besorg’, was mein Sohn nicht mehr schafft“, hatte er geflüstert. Stefan wusste nichts davon. Ein Tuch gegen vorgetäuschte Halsschmerzen schützte sie vor Fragen. Er sah sie zu der Zeit ohnehin meist nur bei Dunkelheit und schlechtem Licht.

Katharina stützte sich auf. „Wie hast du mich gerade genannt?“

Sie starrten einander an. Weiter klammerte er sich verzweifelt an die Latsche. Und die Hoffnung.

Sekunden des Schweigens. Er las es in ihren Augen. Und er begriff. Die Kräfte verließen ihn. Katharina sah den Kopf hart aufschlagen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Na hoppla!“, stand auf, klopfte sich Schotter und Staub von ihrem Arbeitskittel, und trabte leichtfüßig hinunter zum Hof. Endlich fing es an zu regnen. Die Natur brauchte es. Wo war nur ihr Hut geblieben?

-