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3. Platz:

Katrin Laskowski

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Erna ist weg

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Es beginnt mit einem Paukenschlag. Erna ist weg! Doch wer ist Erna? Eine senile Großtante, ein kleines Kind? Ernas Verschwinden jedenfalls versetzt die Erzählerin in Angst und Schrecken. Die Versicherung ihrer Tochter, dass Erna schon wieder nach Hause findet und ihre Bisse nicht wirklich gefährlich sind, ist kaum beruhigend. Erna könnte überall sein - allein die Vorstellung kostet Nerven. Also setzt die Erzählerin ein Kopfgeld aus.

In humorvoll lockerem Ton geschrieben, zeigt diese Geschichte sowohl das Grauen als auch die komische Seite des Lebens mit Kindern, die ihre eigene Vorstellung davon haben, was ein sanftmütiges, freundliches Haustier ausmacht.


Erna ist weg

„Erna ist weg!“

Mit diesen Worten begrüßt mich meine Tochter, kaum dass ich einen Fuß über die Türschwelle gesetzt habe. Ich spüre, wie mir heiß wird.

„Wie meinst du das? Weg!“

„Sie ist abgehauen. Ich hatte sie für einen Moment aus den Augen verloren.“

Ein nervöses Kribbeln breitet sich in meinem Magen aus.

„Wohin?“

„Das weiß ich nicht.“

Sie führt mich in ihr Zimmer, das ich ansonsten versuche zu meiden, an das ich jeden Gedanken verdränge, wie an einen Ort, den es nicht geben darf. Das verbotene Zimmer, eine Räuberhöhle, ein Dschungel, in dem zahllose Fallstricke und Gefahren lauern. Ich versuche, mich unfallfrei durch Wäscheberge, Kissen, Bücher, Zeitschriften, Schulhefte, Plüschtiere, Schminkzeug hindurch zu manövrieren und das Durcheinander auf Tischen, Stühlen und Regalen zu ignorieren. Ebenso das leere Terrarium und den Käfig, aus dem Lemmy und Sammy, die beiden Rattenmännchen, jede meiner Bewegungen verfolgen, neugierig das eine, misstrauisch das andere. Sie könnten niedlich sein, wenn sie nur nicht so streng riechen würden.

Ich reiße das Fenster auf, hole tief Luft und versuche, das Schrillen der Alarmsirenen in meinem Kopf durch gleichmäßige, ruhige Atemzüge zu vertreiben.

„Setz dich doch!“, sagt meine Tochter.

Ich könnte eine Sitzgelegenheit gut gebrauchen, meine Knie sind weich wie Glibbermasse. Doch ich schüttele heftig den Kopf.

Meine Tochter legt mir eine Hand auf die Schulter. „Nur keine Panik, sie kommt bald zurück. Sie hat doch mehr Angst vor dir, als du vor ihr. Und sie gehört zu den gutmütigen Arten, das weißt du doch.“ Das gutmütige, scheue Wesen, das mir gerade den Angstschweiß auf die Stirn treibt und meinen Magen in Aufruhr versetzt, ist eine mexikanische Rotknievogelspinne. Die Atemmeditation bleibt wirkungslos. Mein Sohn kommt nach Hause.

„Erna ist weg!“, begrüßt ihn meine Tochter, und ich habe ein kurzes Déjà-vu.

Mein Sohn bricht in schallendes Gelächter aus. Er schaut mich fröhlich an. „Guck doch mal im Kleiderschrank nach! Vielleicht war sie nur in Umzugslaune, hat sich ein neues Heim gesucht, so wie Sammy damals.“

Der Kleiderschrank. Jetzt bin ich kurz davor zu hyperventilieren. Mit Grausen erinnere ich mich an eine Episode vor zwei Monaten.

Ich stürme aus dem Zimmer in den Flur. Dort, in einer Nische, steht mein Kleiderschrank. Dunkel ist es darin und warm. Der ideale Platz für ein haariges Rotkniemonster. Ich stelle mir vor, wie es auf der Lauer liegt, sich in eine finstere Ecke duckt, bereit zum Sprung, sobald ich die Wäscheschublade öffne. So wie Sammy sich damals geduckt hat. Er hatte schon die Hälfte meiner Slips mit seinen Nagezähnen zerlegt und sich ein Nest daraus gebaut. Die andere Hälfte war mit Nudeln und Ketchup beschmiert, die er vom Teller meiner Tochter stibitzt und in seine neue Behausung geschleppt hatte. Als ich den widerspenstigen Rattenmann aus der Schublade hinausbefördern wollte, biss er mich in den Finger. Ich glaube, dass er mich seitdem hasst.

Und ich bin mir jetzt fast sicher, dass die Vogelspinne ebenfalls ... Ich kann diesen Gedanken nicht zu Ende verfolgen. Ein kalter Schauer überläuft mich. Wenigstens schwitze ich nicht mehr. „Wollt ihr euch nicht auf die Suche begeben?“, frage ich.

„Wo denn?“, antworten meine Kinder gleichzeitig, als hätten sie sich abgesprochen. „Sie kann überall sein.“

„So ein Spinnenbiss ist nicht schmerzhafter als ein Wespenstich“, fügt mein Sohn hinzu. „Er ist ganz ungefährlich.“

„Woher willst du das wissen?“, frage ich.

„Kannst du überall googeln.“

„Ha!“, mache ich und würde am liebsten schreien. Ich will aber nicht von einer Vogelspinne gebissen werden. Es ist eine der vielen Erfahrungen, die ich niemals machen möchte.

Laut sage ich: „Aber für Ratten ist er bestimmt gefährlich.“

Meine Tochter gerät ins Grübeln.

Ich setze ein Kopfgeld aus. „Zehn Euro für jeden von euch. Wenn ihr sie fangt. Tot oder lebendig.“

„Tot oder lebendig“, mault meine Tochter. „Bedeutet sie dir so wenig?“

„Zehn Euro!“, wiederhole ich mit Nachdruck, denn ich spüre, dass ich sie überzeugt habe. Dann verlasse ich die Wohnung und trinke einen Kaffee in der Brasserie am Markt. Danach mache ich einen langen Spaziergang rund um den Knieperteich. Langsam normalisieren sich meine Körperfunktionen.

Als ich zurückkehre, ist das Werk vollbracht.

Es muss eine aufregende Jagd gewesen sein, meine Kinder halten sich die Bäuche vor Lachen. Ich versuche, Details auszublenden, frage nur: „War sie in der Schublade?“

„Im Bücherregal“, antwortet meine Tochter.

Ich möchte nicht wissen, in welchem.

„Du glaubst nicht, wie schnell Erna rennen kann“, fügt mein Sohn hinzu. „Aber wir waren schneller.“ Ich zahle meine Kinder aus und betrete zum zweiten Mal an diesem Tag das verbotene Zimmer, werfe einen misstrauischen Blick in das Terrarium und in den Rattenkäfig. Sammy und Lemmy sind da. Aber Erna? Das Terrarium wirkt genauso leer wie vorhin. Nicht einmal ein Spinnenbein ist zu sehen. „Sie hat sich versteckt“, sagt meine Tochter. „Hoffentlich bekommt sie keinen Herzinfarkt vor lauter Aufregung.“

Hoffentlich bekommt sie einen, denke ich.

Sie würden mich nicht anlügen. Nein, das würden meine Kinder nie tun. Für kein Geld der Welt. Erna ist wieder da, wo sie hingehört. Ich bin mir ziemlich sicher.

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