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4. Platz:

Lisa Hollenbach

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Von Schulprojekten, Gummibärchen und Tolkien

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Was als Zwangsgemeinschaft beginnt, kann sich zu einer aufrichtigen Freundschaft entwickeln. Am Anfang haben Peter und die Erzählerin nur muffiges Grunzen, Patzigkeiten und böse Blicke füreinander übrig. Später teilen sie ihre Gummibärchen miteinander und lesen sich aus dem „Herrn der Ringe“ vor. Bis Peter stirbt.

Es ist keine Kinderfreundschaft, die hier durch die gemeinsame Liebe zu einem Buch wächst, sondern eine zwischen einer Jugendlichen und einem alten Mann. Dabei moralisiert der Text nicht, sondern zeigt mit treffenden Beschreibungen und starken Dialogen, wie sich gegen alle Wahrscheinlichkeit doch etwas entwickeln kann. Die Geschichte schließt mit einem Tolkien-Zitat, das programmatisch für die Freundschaft zwischen Peter und der Erzählerin ist: Geschichten geraten einem aus der Hand, und diese hat eine ungeahnte Wendung genommen.


Von Schulprojekten, Gummibärchen und Tolkien

Am Anfang war da dieses Schulprojekt. „Treffen der Generationen“, hieß es, oder wie ich zu sagen pflegte „Beschäftigungstherapie für alte Knacker“. Kommunikation zwischen Alt und Jung verbessern, war das Ziel. Deswegen gab es kurzerhand die Zwangsverordnung von Besuchen im Altenheim.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich Peter das erste Mal traf. Eine Schwester hatte uns die Gänge entlang geführt und einen Schüler nach dem anderen in irgendwelche Räume geschoben, mich in den mit der Nummer 404. Der Mann der dort im Rollstuhl am Fenster saß, blickte missmutig auf, als ich die Tür hinter mir schloss. Anscheinend war er von dem Projekt genauso begeistert wie ich.

„Hi, ich bin Tanja.“ Betont freundlich lächelnd, ging ich mit ausgestreckter Hand ein paar Schritte auf ihn zu. Keine Reaktion. Er ignorierte meine Hand und musterte mich von Kopf bis Fuß, bis ich sie wieder sinken ließ.

„Deine Haare sind blau“, sagte er nach einigen Sekunden des Starrens.

„Ja.“ Leugnen konnte ich das wohl kaum.

„Und du hast Piercings.“

„Ja.“ Aus Gewohnheit fuhr ich mit der Zunge über den kleinen Ring an meiner Lippe.

„Ist das das Einzige?“

„Nein“, antwortete ich und zeigte ihm den Tunnel in meinem Ohr. Jetzt würde garantiert gleich die übliche Litanei losgehen. Warum tust du so was? Du verunstaltest dein hübsches Gesicht! Als ich in deinem Alter war, hätte man mich dafür auf die Straße gesetzt- bla bla bla. Das hatte ich alles schon tausendfach gehört und ebenso oft einfach ignoriert. Doch der Mann vor mir grunzte einfach nur und wandte sich wieder dem Fenster zu. Na toll - warum hatte ausgerechnet ich den schlecht gelaunten Miesepeter erwischt?

Am liebsten wäre ich einfach wieder nach Hause gegangen, aber so schnell würde ich mich von seiner abweisenden Art nicht einschüchtern lassen. Außerdem saß meine Lehrerin unten in der Mensa und passte auf wie ein Schießhund, dass niemand verschwand, bevor die Stunde um war. „Wollen wir irgendwas machen? Schach spielen oder so?“ Wieder grunzte er.

„Hör zu Mädchen, ich brauch niemanden der mich betüddelt, klar?“ Er wies auf einen Stuhl. „Setz dich einfach da hin und mach das, was ihr jungen Leute sonst so macht. Mit dem Handy spielen oder so…“ Das war doch echt die Höhe! Da beschweren sie sich, dass die Jugend immer unverschämter werden würde, aber wenn man mal nett war, war das auch wieder verkehrt. Wütend ließ ich mich auf den Stuhl fallen und zog ein Buch aus meiner Tasche. Sollte er doch weiter aus seinem blöden Fenster starren.

Die nächsten Treffen verliefen ähnlich. Von einer der Schwestern hatte ich erfahren, dass der Mann Peter hieß und an Parkinson litt. Ich betrat den Raum, wurde mit einem Grunzen begrüßt, setzte mich auf den Stuhl und las, während er in die Gegend starrte. Nach einer Stunde packte ich meine Sachen zusammen und ging wieder.

Eines Tages jedoch begann seine Mauer zu bröckeln.

„Isst du die Weißen?“ Verwundert blickte ich auf. Es war das erste Mal, dass er das Wort direkt an mich wandte. Anstatt zu antworten schob ich ihm die Tüte zu und beobachtete, wie er mit zittrigen Fingern versuchte einzelne Gummibärchen herauszupicken.

„Die gibt’s hier sonst nicht. Schlecht für die Herzkranzgefäße oder sowas.“, schnaubte er, während er sich eines in den Mund schob. Stirnrunzelnd klappte ich mein Buch zu und rückte näher an ihn heran. Still begann ich die Gummibärchen zu sortieren. Einen roten Haufen für mich und einen weißen für ihn. „Was liest du da eigentlich die ganze Zeit?“, fragte er nachdem wir eine Weile schweigend die Süßigkeiten vertilgt hatten.

„Tolkien.“

„Aha. Und worum geht’s da?“ Ich begann ihm von Mittelerde, Frodo und dem Ring zu erzählen. Er saß einfach nur da und lauschte. Es dauerte noch ein paar weitere Treffen, bis er mich bat ihm vorzulesen. Von da an war alles anders.

Mal las ich und er hörte zu, mal las er und ich hörte zu, begleitet vom Knistern der Gummibärchentüte. Wenn das Wetter gut war, ließ er sich sogar dazu überreden, die Leserunde in den Park zu verlegen. Immer öfter verließ ich das Seniorenheim als eine der letzten und als wir das erste Buch beendet hatten, begannen wir mit dem zweiten Teil.

Ich war die Einzige, die weiterhin regelmäßig zu Besuch kam, als das Projekt zu Ende war. Ich sah das Leuchten in Peters Augen, wenn er zusammen mit mir in diese fremde Welt abtauchte, die ihn vergessen ließ, dass ihm seine Krankheit nach und nach die Kontrolle über seinen Körper raubte. Als ihm das Buch aus den Händen rutschte, hielt ich es für ihn, und als auch seine Zunge ihren Dienst versagte, las ich allein weiter.

„Weißt du was? Du bist gar nicht so übel, Kleine“, brachte er eines Abends angestrengt hervor. Am nächsten Morgen wachte er nicht mehr auf.

Nun stand ich hier an seinem Grab.

„Du warst auch nicht übel, Peter.“, flüsterte ich. Aus meiner Tasche zog ich einen kleinen Zettel und legte ihn vor seinen Grabstein. Geschichten geraten einem aus der Hand, und diese hat eine ungeahnte Wendung genommen.- J. R. R. Tolkien stand darauf.

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