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5. Platz:

Nadine Jaworski

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Schwerelos

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 1

Das Urteil der Jury:

„Schwerelos“ beginnt mit einem Trick. Die Erzählerin ist in Todesangst, gefesselt, starke Männer schleifen sie auf einen Abgrund zu, stoßen sie hinein. Cut.

Wir springen in die Vergangenheit, erleben mit, wie es zu dieser Situation gekommen ist - und begreifen, dass die Erzählerin nicht nur selbst Schuld ist, sondern es tatsächlich so haben wollte. Die ganzen 300 Meter bis zum Grund der Schlucht schreit sie einen markerschütternden Schrei. Und überlebt doch. Interessant an dieser amüsant und lebensnah geschriebenen Schilderung ist der Wechsel der Zeitform: Was jetzt geschieht, ist in der Vergangenheitsform geschrieben, was schon geschehen ist, steht in der Gegenwartsform - und rückt dem Leser dadurch in seiner Erlebnisqualität ziemlich nah auf den Pelz.


Schwerelos

Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Meine Füße: gefesselt. Rechts und links hielten mich zwei kräftige Männer an den Armen gepackt und grinsten. Übelkeit und Angst beherrschten mich. Zitternd sah ich in die Schlucht hinunter und musste plötzlich an Pocahontas denken. Als Kind liebte ich die Stelle, an der sich Pocahontas todesmutig und elegant vom Felsen in den See stürzt. Damals saß ich in eine Decke eingekuschelt vor dem Fernseher, trank Kakao und schwor mir, dass ich eines Tages auch so mutig und elegant einen Felsen hinunterspringen würde. Ich sehnte mich nach dem Abenteuer. Jetzt hätte ich das Abenteuer nur zu gern mit der Kuscheldecke getauscht. Ich starrte auf meine schlotternden Knie. Dann ließen sie mich los.

„Sieh nicht nach unten“, sagt er und zieht so fest am Zopf seiner Frau, dass sie den Blick nicht mehr nach unten senken kann. Ich gehe direkt hinter ihm und versuche ebenfalls, seinen Rat zu befolgen, doch es gelingt mir nicht. Ständig muss ich nach unten sehen: Lediglich ein rautenförmiges, drahtseilähnliches Etwas, das mich an das Gitter eines Kaninchenstalles erinnert, trennt uns von der unbeschreiblich tiefen Schlucht. Mein Herz klopft so laut, dass meine Schläfen nach kurzer Zeit in das rhythmische Pochen mit einfallen und ich Kopfschmerzen bekomme. Das Blut dröhnt in meinen Ohren, mein Kopf ist schwer und heiß. Meine Füße hingegen sind eiskalt. Kein Blut mehr übrig dort. Das hat sich nämlich in meine kribbelnden Arme zurückgezogen und kämpft sich keuchend weiter nach oben durch. Ich weiß nicht, was lauter ist: die Sportveranstaltung meiner Innereien oder die Autos, die über uns die N2 nach Plettenberg Bay entlang rasen. Die enge Brücke unterhalb des Highways scheint endlos. Ich habe Zweifel. Will ich das wirklich? Oder will ich mir und allen anderen nur beweisen, dass ich kein langweiliger Angsthase bin? Ich spüre, wie sich mein Gesicht zu einer trotzigen Fratze verzieht. Beides! Als unsere kleine Gruppe schließlich auf der Plattform ankommt, bin ich so nervös, dass ich kaum noch atmen kann. Der schwarze Gurt schließt sich eng um meinen Körper. Wäre ich doch vorher bloß auf die Toilette gegangen. Das habe ich vor Aufregung ganz vergessen. Ich hoffe nur, dass mir das nicht gleich zum Verhängnis wird.

Ich bin als Dritte an der Reihe und setze mich auf einen Hocker. Ein passendes Seil wird ausgewählt und das Sprunggeschirr um meine Fußknöchel festgezogen.

Es ist soweit.

Ich erhebe mich.

Auf dem Beton-Fußboden sind gelbe Pfeile und Fußabdrücke gemalt worden. Ein rotes Absperrseil, das aussieht wie eine Hundeleine, trennt mich von der Schlucht.

Als die Absperrung gelöst wird, ist mir richtig übel. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Die beiden Männer neben mir grinsen immer noch, als sie mich an den Abgrund bugsieren. Mir ist immer noch übel und ich bin immer noch starr vor Angst. Ich will nicht springen, aber kneifen will ich auch nicht. Ich kann nur einen Schreckenslaut herausbringen, als der Countdown beginnt:

„5 … 4 … 3 … 2 … 1 … BUNGEE!“

Ich schreie, als sie mich loslassen und stürze. 216 Meter tief.

Die Augen halte ich geschlossen und denke dabei krampfhaft an Pocahontas. Eleganz? Fehlanzeige! Ich fühle mich seltsam. Mein Herz setzt kurz aus. Mir ist kurz flau im Magen. Dann fühle ich gar nichts mehr. Als wäre ich nicht da. Schwerelos.

Als ich den Wind nicht mehr in meinem Gesicht spüre, öffne ich vorsichtig die Augen und starre ins Nichts. Wie weit ist es wohl bis nach ganz unten? Das Seil schneidet schmerzvoll in meine Fußknöchel. Ein gutes Zeichen; offensichtlich ist das Seil noch da! Endlich höre ich ein leises Pfeifen und dann sehe ich ein Seil neben mir herabkommen. Ich hoffe inständig, dass es sich dabei nicht um meines handelt! Endlich taucht ein Mann auf, der mich wieder nach oben bringt und ich wünschte, ich wäre längst dort. Die Berge und der Wald um mich herum sind meilenweit entfernt. Ich hänge mitten in der Luft. Mitten im Nichts. Schwerelos. Ich muss die Augen wieder schließen und öffne sie erst, als ich oben auf der Brücke angelangt bin: in Sicherheit.

Meinen Kakao habe ich mir redlich verdient. Ich schaue aus dem Fenster des Restaurants und werfe einen letzten Blick auf die 300 Meter weit entfernte Bloukrans-Bridge. Ein Gast starrt mich an: „Sagen Sie mal, sind Sie die Frau, die diesen markerschütternden Schrei ausgestoßen hat? Ich muss lächeln und nicke. 300 Meter weit zu schreien - das hat nicht einmal Pocahontas geschafft.

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