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1. Preis

Agnes Domke

für "Die Spiegeltuchmadonna"

Urteil der Jury:

Wunder können erhaben und grotesk zugleich sein - ein aufgebahrter Körper, der nicht verwest, eine verquere Leidenschaft, die unschuldig bleibt, eine christliche Devotionalie, in die alte Magie geschrieben wird.

Die Vorgänge werden implizit über das Erleben der beiden Ich-Erzähler an den Leser gebracht: Brigittas Ehemann stirbt. Nachbar Kurt, der eine heimliche Leidenschaft für sie hegt, steht ihr bei. Der Körper des Mannes wird auf dem Couchtisch aufgebahrt. Und dort bleibt er liegen, über Wochen. Während Brigitta Totenwache hält, stickt sie in eine lebensgroße Madonna und arbeitet eine „geheime Schrift“ dort hinein, von der der Pfarrer besser nichts erfährt. (In vorchristlicher Zeit war Brigitta eine Frühlingsgöttin und Lichtbringerin.) Die Madonna spendet Trost und das Wunder geschieht: Der Ehemann verwest nicht, fängt auch nicht an zu stinken, er bleibt vollständig erhalten und wird den Platz für den geduldig auf seine Stunde wartenden Kurt wohl niemals freigeben.

Der Autorin gelingt hier ein vielschichtiger Text. Er ist literarisch in dem Sinne, dass er mehrere Deutungen anbietet, und er stellt sich der Herausforderung, im Abseitigen menschliche Wahrhaftigkeit zu finden.

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2. Preis

Tine Sylwa

für "Rechtsanwalt Schönian und die Stimmen des Winters"

Urteil der Jury:

Die Autorin dieser Krimi-Szene setzt gekonnt die klassische Erzählerstimme eines „hard boiled“-Protagonisten ein: eingebildet, überheblich. Schönian kennt sich aus, weiß Bescheid. Der Name allein vermittelt bereits eine fragwürdige Überlegenheit. Seiner Meinung nach braucht Herr Winter, sein ungeschickter, Mitleid heischender Klient mit dem brüchigen Stimmchen, keinen Anwalt, sondern einen Babysitter. Allein durch die Erzählerstimme erkennt man schnell die Kluft zwischen Schönians abfälligem Denken und seinem professionell-jovialen Auftreten.

Weder traut Schönian Winter den Mord an dessen Freundin zu, noch dass er überhaupt Freundinnen hat. Doch als eine attraktive Referendarin den Raum betritt, lernt er Winters andere Stimme kennenlernt: verführerisch und männlich.

Die Autorin entlässt ihre Leser mit der Ahnung, dass Schönian sich nicht nur hinsichtlich Winters Attraktivität getäuscht haben wird. Jemand so Wandelbares könnte durchaus in der Lage sein, einen Mord zu begehen - und vielleicht hat er es diesmal auf eine attraktive Kollegin abgesehen. Halboffene Enden wie diese sind für einen Kurztext ideal, weil der Plotmotor weiterläuft, ohne dass es weiterer Worte bedarf.

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3. Preis

David Acker

für "Das Mal"

Urteil der Jury:

„Es war kein Knutschfleck, vielmehr ein bräunliches, ausgefranstes Mal, so etwas wie ein Leberfleck oder eine Alterswarze, nur größer. Es sah hässlich, ja widerwärtig aus, wie eine auf ihn gespuckte, geplatzte Spinne.“ Diese Beschreibung des Mals, das der liebeshungrige Protagonist Lanzer nach der bissigen Kussattacke einer Fremden plötzlich am Hals trägt, ist entscheidend für die beklemmende Stimmung dieser Kurzerzählung.

Da ist jemand, der sich vergeblich nach Sex, nach Gesellschaft sehnt, und ausgerechnet diese Hässlichkeit ist es, die ihn ab sofort geradezu unheimlich attraktiv macht. Doch seine neue Freundin will nicht ihn, sie begehrt nur das Mal auf eine perverse, blutrünstige Art, und als Lanzer es sich darum wegmachen lässt, ist er genauso einsam und unbegehrt wie zuvor.

Das Mal wirkt wie ein geheimes Zeichen, ein Wollust-Fluch, Teufelsmal oder biologischer Marker. Man kann es als Platzhalter für Statussymbole wie Macht, Ruhm und Geld verstehen. Es ist jedoch unheimlicher als verblendender Glitzer und Glamour, weil es seine Hässlichkeit gar nicht zu verbergen versucht. Es ist ganz offen widerwärtig-anziehend. Diese Ambivalenz gibt der Geschichte die Tiefe, die ihr fehlen würde, wenn das Mal etwas anerkannt Schönes wäre.

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4. Preis

Susanne Böckenhauer

für "Gegenströmung"

Urteil der Jury:

„Gegenströmung“ ist eine traurige, dennoch gelassen wirkende Erzählung. Das Bild des Lebensflusses und seiner Strömungen trägt den Text. Er lässt sich gut in drei Akte unterteilen.

Akt I beschreibt ein Traumgeschehen und spiegelt die Angst, einen Menschen zu verlieren: Hinter der Hauptfigur Hannah sitzt Miriam im Boot. Jeder paddelt auf einer Seite. Plötzlich treibt das Boot ab, Miriam ist fort, nur ihre Kamera bleibt zurück.

Akt II: Das wache Leben fließt in entgegengesetzte Richtung. Miriam verschwindet nicht plötzlich, im Gegenteil, sie kehrt nach einer Krebserkrankung gerade ins Leben zurück, ihr wachsen neue Haare, sie fotografiert und malt wieder, die Freundinnen unternehmen einen Bootsausflug. Der beängstigende Traum verblasst.

Akt III verbindet sich auf poetische Weise mit Akt I. Der initiale Traum war nicht bloß Echo alter Ängste, er hatte vielmehr prophetische Qualität: Auf dem Wasser offenbart Miriam, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Das letzte Bild der Erzählung ist eine Fotografie: Hannah von hinten, fotografiert von dem Platz aus, den Miriam verlassen wird. Das letzte Bild gerät damit beinahe zu einer Botschaft aus dem Jenseits.

Geschichten mit einem Traum beginnen oder enden zu lassen, ist heikel, weil die Gefahr besteht, Leser zu enttäuschen, wenn dramatische Vorgänge sich als "nur ein Traum" entpuppen. Hier jedoch ist dieses erzählerische Mittel gut eingesetzt, weil der Traum mit den Vorgängen seine Bedeutung verändert.

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5. Preis

Birgit Seeber

für "Schwesternglück"

Urteil der Jury:

Die Ich-Erzählerin dieser Kurzgeschichte wird von den Eltern dazu verdonnert, ihre nervige kleine Schwester Catrin mit zu einer Silvester-Party zu nehmen. Alles in ihr sträubt sich dagegen, und entsprechend giftig verhält sie sich Eltern und Schwester gegenüber. An der Oberfläche ist dieses Sträuben zunächst nur Alters- und Situationsgerecht. Doch dahinter schwelt noch etwas anderes, das am Anfang angedeutet und auf dem Höhepunkt der Erzählung offenbart wird: Die Erzählerin erlebt immer wieder prophetische Träume, von denen sie jedoch noch nie jemandem zu erzählen gewagt hat, aus Angst, für verrückt gehalten zu werden. Der Traum, der diesmal ihre Ängste weckt, ist grausam: Catrin, die sich über ein Balkongeländer beugt und abstürzt.

Als sich dann auf der Silvester-Party genau diese Situation zu entfalten beginnt, brechen bei der Erzählerin alle Dämme, der Wende- und Höhepunkt der Erzählung ist erreicht. In diesem Moment laufen alle Fäden zusammen und verweben sich zu etwas Neuem: Die Erzählerin greift ein, rettet ihre Schwester und ändert somit den Verlauf des vorhergesehenen Geschehens. Sie spürt erstmals, wie sehr sie ihre nervige kleine Schwester liebt. Sie erzählt erstmals von ihrer Gabe, und entgegen ihrer Befürchtung ausgelacht zu werden, erntet sie Bewunderung.

Die Erzählung ist dicht gepackt mit Spannung, inneren und äußeren Konflikten und emotionalen Momenten, so wie es in einer Jugenderzählung in einem Unterhaltungsgenre unbedingt sein sollte.

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