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1. Platz:

Agnes Domke

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Die Spiegeltuchmadonna

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Wunder können erhaben und grotesk zugleich sein - ein aufgebahrter Körper, der nicht verwest, eine verquere Leidenschaft, die unschuldig bleibt, eine christliche Devotionalie, in die alte Magie geschrieben wird.

Die Vorgänge werden implizit über das Erleben der beiden Ich-Erzähler an den Leser gebracht: Brigittas Ehemann stirbt. Nachbar Kurt, der eine heimliche Leidenschaft für sie hegt, steht ihr bei. Der Körper des Mannes wird auf dem Couchtisch aufgebahrt. Und dort bleibt er liegen, über Wochen. Während Brigitta Totenwache hält, stickt sie in eine lebensgroße Madonna und arbeitet eine „geheime Schrift“ dort hinein, von der der Pfarrer besser nichts erfährt. (In vorchristlicher Zeit war Brigitta eine Frühlingsgöttin und Lichtbringerin.) Die Madonna spendet Trost und das Wunder geschieht: Der Ehemann verwest nicht, fängt auch nicht an zu stinken, er bleibt vollständig erhalten und wird den Platz für den geduldig auf seine Stunde wartenden Kurt wohl niemals freigeben.

Der Autorin gelingt hier ein vielschichtiger Text. Er ist literarisch in dem Sinne, dass er mehrere Deutungen anbietet, und er stellt sich der Herausforderung, im Abseitigen menschliche Wahrhaftigkeit zu finden.


Die Spiegeltuchmadonna

Brigitta May, 55, Rentnerin

Es begann damit, dass Hartmut plötzlich starb. Es war sehr heiß. Schief steht er beim Birnbaum und schaut in die Sonne. Und plötzlich ist er wie ein Ast gebrochen, weggesackt. „Soll'n wir ihn mitnehmen?“ fragt der Arzt. „Mein Mann bleibt hier“, sag ich, „wir halten Totenwache!“ Kurt blickt verwundert in mich rein.

Ich und der Nachbar Kurt hieven Hartmut auf den Couchtisch, Kurt schiebt den Sessel unter seine Füße. Ich decke ihn mit unserm Tischtuch zu. Hartmuts Starre stört mich nicht, sie stört mich jetzt am wenigsten. Vor'n Spiegel häng' ich ein Stück Leinen, auf ihm Konturen der Madonna, der Gottesmutter mit dem Kind.

Der Glastisch zwischen mir und Kurt - ein schwarzer See. Schon schwimmt ein Spitzendeckchen drauf. „Kurt ist mein Sohn“, so denke ich, „ich hab' jetzt nur noch ihn“. Da bringt er Veilchen, Brombeeren, Lakritz ... Ein Sohn, der solche Dinge weiß, ...

Ich springe auf, mein Stickzeug suchen. Ich finde nichts. Zu Hartmuts Zeiten war'n die Dinge stets an ihrem Platz! Vom Spiegel runter nehm' ich die Madonna und streich' sie glatt auf meinem Schoß. Kurt kredenzt mein Stickzeug.

Ich sage nichts, sticke Stich für Stich die weißen Lilien, die wachsam um die Madonna ranken. Sie sind meine geheime Schrift, die Geheimbotschaft der Gottesmutter, der Gottesmutter voller Güte. Wenn unser Pfarrer davon wüsste. Wenn er nur überhaupt erst käme. Seit Tagen warten wir auf ihn. Wir brauchen seine Aussegnung. Wir finden selbst kaum ein Stück Ruh', mein guter Nachbar Kurt und ich, wie soll's da erst dem Hartmut gehen?!

Ich sticke weiter, Stich für Stich, streiche der Madonna sanft die Stirn, und sie füllt Weisheit in mich ein. Als ich ihr Herz mit Goldgarn fülle, da füllt sie meins mit Zärtlichkeit.

Kurt geht im Häuschen aus und ein, gießt Blumen, sorgt und kocht. Wie Flitterwochen, denke ich. Und Hartmuts Starre stört mich nicht, sie stört mich jetzt am wenigsten.

„Kurt?“, frage ich.

Kurt reißt an meinem Wandkalender und will ihn dann vor mir verbergen.

„Wie viele Tage sind's denn schon, die wir hier sitzen? Sind's denn viele?“

„Das find' ich nicht, es sind erst zwanzig, was findest du?“

Ich trete, die Madonna breit vor mir gespannt, zum Spiegel ran. Als ich mit ihr mein Bild bedecke, da kommt mir ein: „Das bin doch ich! Ich bin wie sie, denn sie ist ich!“

Kurt, 45, Klempner

„Soll ich ihn hier begraben, das wäre billig und er bleibt bei dir?!“ hätt' ich sie beinahe gefragt. Ich hätt' ihn gerne weg gehabt, dann wären wir allein, zu zweit!

Als sie dann aber mit der Totenwache kam, da dachte ich: das müssen unsre Nachbarn gar nicht wissen. Ich hab sie alle weggeschickt, gesagt, dass Gitta ihre Ruhe braucht nach 30 Jahren Ehe: Seelenruhe!

Ich hab mich schnell daran gewöhnt: der Hartmut auf dem Couchtisch und wir beide davor. Wie Video gucken, nur der Playknopf ist kaputt!

Nach einer Weile mocht' ich es und dachte: „Pech ist es, dass Hartie sich nicht konservieren kann, wie diese Mönche vom Himalaya, mit Luft und Liebe, dann bräuchten wir ihn gar nicht zu begraben, dann säßen wir für immer hier!“

Ich kenn' sie nun seit 20 Jahren und jeden Frühling ungefähr ein Mal hab' ich mich vor sie hingekniet, bin vor ihr nieder, hab' was aufgelesen, mich gerade noch so abgelenkt davon, dass ich vor Liebe explodiere, dass sie meine Madonna ist. Das war sie gleich vom ersten Tag, trotz ihres Hartmuts, trotz der Eheringe.

Der Hartmut fing nicht an zu stinken! Stattdessen fing Brigitta an, zu glauben, dass die Madonna uns ein Wunder tut. „Brigitta, du bist meine Religion!“, sag' ich fast schon und werd' vom eignen Husten scharf gescholten.

Das Wundertuch, es ist sehr schwer, ich halt' es hoch, so wird es leichter. Hinter uns laufen plötzlich Menschen, mit jedem Schritt werden es mehr! Brigitta scheint das nicht zu wundern, sie lächelt milde in die Weite.

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