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2. Platz:

Tine Sylwa

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Rechtsanwalt Schönian und die Stimmen des Winters

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Autorin dieser Krimi-Szene setzt gekonnt die klassische Erzählerstimme eines „hard boiled“-Protagonisten ein: eingebildet, überheblich. Schönian kennt sich aus, weiß Bescheid. Der Name allein vermittelt bereits eine fragwürdige Überlegenheit. Seiner Meinung nach braucht Herr Winter, sein ungeschickter, Mitleid heischender Klient mit dem brüchigen Stimmchen, keinen Anwalt, sondern einen Babysitter. Allein durch die Erzählerstimme erkennt man schnell die Kluft zwischen Schönians abfälligem Denken und seinem professionell-jovialen Auftreten.

Weder traut Schönian Winter den Mord an dessen Freundin zu, noch dass er überhaupt Freundinnen hat. Doch als eine attraktive Referendarin den Raum betritt, lernt er Winters andere Stimme kennenlernt: verführerisch und männlich.

Die Autorin entlässt ihre Leser mit der Ahnung, dass Schönian sich nicht nur hinsichtlich Winters Attraktivität getäuscht haben wird. Jemand so Wandelbares könnte durchaus in der Lage sein, einen Mord zu begehen - und vielleicht hat er es diesmal auf eine attraktive Kollegin abgesehen. Halboffene Enden wie diese sind für einen Kurztext ideal, weil der Plotmotor weiterläuft, ohne dass es weiterer Worte bedarf.


Rechtsanwalt Schönian und die Stimmen des Winters

Der Tisch und die Stühle aus den Siebzigern, das matschige Grün des Linoleumbodens und der Wände, die testosterongeschwängerte Luft mit feinen Noten aus Angst und Adrenalin langweilten Justus Schönian. Über zehn Jahre war er im Geschäft. Wusste wie der Hase läuft. Wusste er schon immer. Konnte sich stets auf sein Gefühl verlassen.

Schlüsselklimpern. Durch die Tür schritt ein grüner Riese. Hinter dem JVA-Mann im Kleiderschrankformat schlich der Mandant in die Besprechungszelle. Wie ein schüchterner Schüler.

‚‘ne Körperhaltung wie ein Fragezeichen‘, dachte Schönian.

„Wie dat hier jeht, wissense ja“, verabschiedete sich der Hüne, verriegelte die Tür von außen. Schönian ging aufmunternd lächelnd, mit ausgestreckter Hand, auf den Mandanten zu.

„Mensch, Herr Winter, dass wir uns wiedersehen!“ Schulterklopfend bugsierte er ihn auf einen Stuhl.

„Bitte, Alex?“

„Klar, wir waren ja beim Du. Sind ja quasi ein Jahrgang.“

Schweigen. Mit hängenden Schultern, die Hände zwischen die Oberschenkel geklemmt, starrte Alex auf die Tischkante. ‚Immer noch das gleiche Weichei‘, schoss es Justus durch den Kopf. Er wurde ungeduldig, ‚Zeit ist Geld.‘

„Also, Alex. Wo bist du diesmal rein geraten? Die Akte hab ich noch nicht. Einsicht gibt‘s ja erst, wenn die ihre Ermittlungen abgeschlossen haben.“

„Ich ... ich hab sie nur gefunden! Sie lag da. Wirklich! Das Blut ... und dann war schon die Polizei da und ...“

„Moment! Eins nach dem anderen. Wer ist ‚sie‘?“

„Irina.“

„Und wer ist Irina?“

„Meine Freundin“, die dünne Stimme brach. Die Hängeschultern begannen leicht auf und ab zu zucken. Innerlich augenrollend reichte ihm Justus ein Taschentuch.

„Ich werde alles klären. Ich bekomme das hin. Das weißt du. Sonst hättest du mich nicht anrufen lassen.“

Damals, am Beginn seiner steilen Strafverteidigerkarriere, hatte Justus Schönian dafür gesorgt, dass ein Ermittlungsverfahren gegen Alex zügig eingestellt worden war. Dessen damalige Freundin Anna hatte sich im gemeinsamen Urlaub lieber mit dem Tauchlehrer zusammengetan. War kurzerhand in Ägypten geblieben. Nachdem Justus ein Foto von ihr gesehen hatte, wunderte er sich darüber nicht. Die Blondine war heiß gewesen. Hatte definitiv in einer anderen Liga gespielt als sein unscheinbarer Mandant. Ihre Eltern dagegen hatten das Verhalten ihrer Tochter, die sich auch bei ihnen nicht mehr gemeldet hatte, nicht akzeptieren wollen. So etwas würde ihre Anna nie tun! Bis heute stand für sie fest, jemand hatte ihr etwas angetan.

„Wenn ich dich aus der U-Haft holen soll, muss ich wissen, was Sache ist. Also: was ist passiert?“

„Irina, meine Freundin. Es war schon spät, wir waren verabredet“, brachte Alex mühsam hervor. „In ihrer Wohnung. Besuchen wollt ich sie. Bin rein.“

„Und?“

„Und da lag sie schon! Alles war verwüstet ... ihr lief Blut aus der Nase. Ihre Lippe aufgeplatzt. Sie hatte so schöne Lippen ...“, ein seliges Grinsen verzog seine Mundwinkel.

Für sowas hatte Justus im Moment keinen Nerv. Jetzt den Kerl in der Spur halten. Er hatte wieder sein Gefühl. „Moment. Also: ihr hattet ein Date und du bist mit deinem Schlüssel in Irinas Wohnung?“

„Ja. Aber ...?“

„War die Tür nicht verschlossen? Ich meine offen? Wegen der Einbrecher, die ja wohl vorher drin waren und von Irina überrascht wurden“, frag ich.

„Nein. Genau. Offen war die Tür ...“

‚Klar, dass der mal wieder im Fadenkreuz der Ermittler ist. So dusselig wie er sich anstellt. Wieder mehr Babysitting als Verteidigung‘, dachte Justus, als die Tür erneut aufgeschlossen wurde. Hinter einer Bediensteten sah er den blonden Pferdeschwanz seiner Referendarin wippen. Saskia hatte ihn eigentlich zum Mandantengespräch begleiten wollen. Heute früh war allerdings ihr Auto nicht angesprungen. Schönian wollte schnell zu dem Punkt zurück, wo das Gespräch unterbrochen worden war. Kurz stellte er sie vor. Sie schüttelte dem Mandanten die Hand.

In diesem Moment durchzuckte ein heftiges Flackern dessen Augen. Seine gesamte Gestalt richtete sich auf, wie von einer inneren Kraft getrieben. Die Schultern strafften sich. Die feinen Nackenhärchen des Anwalts stellten sich auf, als er hörte, wie ein samtiger Bariton mit rauchigem Akzent sagte: „Schöne Frrau, es ist mirr ein Verrgnügen. Ich bin Andrrej.“

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