Suche
X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

3. Platz:

David Acker

-

Das Mal

Kurzgeschichten-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

„Es war kein Knutschfleck, vielmehr ein bräunliches, ausgefranstes Mal, so etwas wie ein Leberfleck oder eine Alterswarze, nur größer. Es sah hässlich, ja widerwärtig aus, wie eine auf ihn gespuckte, geplatzte Spinne.“ Diese Beschreibung des Mals, das der liebeshungrige Protagonist Lanzer nach der bissigen Kussattacke einer Fremden plötzlich am Hals trägt, ist entscheidend für die beklemmende Stimmung dieser Kurzerzählung.

Da ist jemand, der sich vergeblich nach Sex, nach Gesellschaft sehnt, und ausgerechnet diese Hässlichkeit ist es, die ihn ab sofort geradezu unheimlich attraktiv macht. Doch seine neue Freundin will nicht ihn, sie begehrt nur das Mal auf eine perverse, blutrünstige Art, und als Lanzer es sich darum wegmachen lässt, ist er genauso einsam und unbegehrt wie zuvor.

Das Mal wirkt wie ein geheimes Zeichen, ein Wollust-Fluch, Teufelsmal oder biologischer Marker. Man kann es als Platzhalter für Statussymbole wie Macht, Ruhm und Geld verstehen. Es ist jedoch unheimlicher als verblendender Glitzer und Glamour, weil es seine Hässlichkeit gar nicht zu verbergen versucht. Es ist ganz offen widerwärtig-anziehend. Diese Ambivalenz gibt der Geschichte die Tiefe, die ihr fehlen würde, wenn das Mal etwas anerkannt Schönes wäre.


Das Mal

Lanzer war drei Jahre von seinem 40sten Geburtstag entfernt als ihm auffiel, dass er in die Jahre gekommen war. Beim Rasieren schaute er seinem Spiegelbild in die tief im rot gewaschenen Fleisch versunkenen Augen und entdeckte in ihnen einen gewissen Hunger. Jedes Wochenende trieb dieser ihn in die Clubs und Bars der Stadt, wo er trank und tanzte. Wenn er nach seinen Streifzügen betrunken nach Hause kam und sein Spiegelbild fragte, warum er schon wieder keinen Sex hatte, antwortete es ihm mit dem Bild einer kussverlassenen Ruine.

Eines Tages kaufte er sich deshalb das Buch „Die Kunst des Verführens“. Darin las er jeden Samstagnachmittag im Café Costa ein Kapitel. An einem schwülen Sommertag zeigte sich ein erster Erfolg; es begann damit, dass eine etwa 40-jährige Frau das Café betrat. Lanzer bemerkte nicht, wie sie sich neben ihn setzte, weil er so in sein Buch vertieft war. Sie hatte blondiertes Haar und trug einen künstlichen Leopardenmantel. „Vermutlich eine Russin“, dachte er, als sie sich mit dem Gesicht seinem Hals näherte. Er bemerkte es, als ihr Orchideen-Parfum das Oldspice-Aftershave überlagerte, mit dem er sich seit Jahren konservierte. Dann ein stechender Schmerz, sie saugte an seinem Hals. Mit einem Schrei stieß er sie von sich. Entsetzt blickten andere Gäste sich um und auch die Bedienung verharrte bestürzt, als er aufsprang, seinen hohen Hocker dabei umwarf und nach draußen eilte. Die Frau war bestimmt auf Drogen, so etwas Absonderliches war ihm noch nie passiert.

Zuhause begutachtete er im Spiegel die Stelle, an der das Weib gesaugt hatte. Es war kein Knutschfleck, vielmehr ein bräunliches ausgefranstes Mal, so etwas wie ein Leberfleck oder eine Alterswarze, nur größer. Es sah hässlich, ja widerwärtig aus, wie eine auf ihn gespuckte geplatzte Spinne. Der Fleck war ihm vorher nie aufgefallen und musste ganz plötzlich erschienen sein. Hoffentlich hatte er keinen Krebs.

Er entschloss sich, die Pigmentstörung erst mal ein paar Tage zu beobachten und nur dann einen Arzt aufzusuchen, wenn sie sich veränderte. Zum Glück blieb das Mal wie es war, doch fiel ihm auf, wie ihn Frauen beim Einkaufen von der Seite anschauten, so lange sie sich unbeobachtet fühlten. Wenn er sie dabei ertappte, schauten sie schnell weg und taten so, als seien sie ohnehin gerade mit etwas anderem beschäftigt. Dieses Abchecken verunsicherte ihn, gleichzeitig wuchs aber auch die Neugier. Es war, als hätten diese Frauen etwas in ihm erweckt, einen Teil seiner selbst, den er erst noch erkunden musste - und unbedingt erkunden wollte. Also beschloss er, am Wochenende wieder auszugehen.

Der Duft der Haar-Extensions umgab ihn, als Lanzer am darauf folgenden Samstag ans DJ-Pult gelehnt im Savoy-Theater ein Bier trank. Eine Gruppe Wasserstoffblondinen krakelte gerade in Stöckelschuhen über die Tanzfläche des Nachtclubs wie Küken, die laufen lernten. Eine fiel ihm besonders auf, weil sie einen spitzen, fast wie einen Schnabel geformten Mund hatte. Frisur und Schuhe glichen denen ihrer Begleiterinnen, doch ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Herrisches.

Auf einmal rannte sie rückwärts auf ihn zu, schlug mehrmals ihren Hintern an sein Genital und verschwand wieder zwischen ihren Freundinnen, aus deren sicherem Kreis sie ihn provozierend ansah. „Was ist denn das?“, fragte sie, als sie wenig später zusammen an der Bar standen. „Das sieht ja aus wie ein kleines, Scheiße fressendes Tierchen, das sich durch deine Haut gräbt.“

„Freut mich, dass ihr beide euch gleich mögt“, antwortete Lanzer.

„Aaaah“, machte sie beschwichtigend und küsste den Fleck.

Sie hieß Sabrina, war ein lustiges, lautes Ding, das vom Geld seiner Eltern lebte und irgendwas mit Medien machte.

Als sie seine Geliebte wurde, beneidete ihn jeder. Doch er hatte keine echte Freude an ihr. Manchmal, wenn er sie zu küssen versuchte, drehte sie sich weg und schnappte nach dem Mal. Auch ihr Kater Pino Grigio, ein großes fleischiges Tier mit grauem Fell, fand Gefallen an dem braunen Fleck und leckte ihn, wann immer er konnte. Als Lanzer und Sabrina das erste Mal miteinander schlafen wollten, biss die garstige Kreatur sogar hinein, so dass Lanzer sie mit einem Schmerzensschrei von sich schlug. „Lass ihn in Ruhe, der Pino kann nichts dafür“, schimpfte Sabrina. Doch als sie sah, dass er blutete, setzte sie sich neben ihn und küsste sanft die Wunde. Mit zärtlich verklärten Augen blickte sie zu ihm auf, ihr Mund blutverschmiert. Gleich darauf versenkte sie ihr Gesicht wieder in der Beuge seines Halses, das Mal unter der fiebrigen Hitze ihrer gierigen Lippen begrabend.

All das führte dazu, dass Lanzer das Mal wegmachen ließ. Nachdem es geschehen war, verließ er unter den kalten Augen der Arzthelferin die Praxis und das lästige Hautstück landete in einem blauen Müllsack, in dem es am Tag darauf aus der Klinik gefahren wurde. Der Sack war nicht richtig zugebunden, so dass es herausfiel und auf die Straße klatschte. Es fiel direkt vor einen streunenden Labrador, der es gierig verschlang.

Ein halbes Jahr später stand Lanzer wieder einsam vor seinem Spiegel. „Es sagt die Uhr, du kotzt zu früh, um noch gefickt zu werden“, lallte er in die Leere seines Gesichtes. Die Zeitungen an diesem Tag berichteten über die Population herrenloser Hunde in der Stadt. In nur wenigen Monaten hatte sie sich mehr als verdreifacht.

-