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4. Platz:

Susanne Böckenhauer

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Gegenströmung

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

„Gegenströmung“ ist eine traurige, dennoch gelassen wirkende Erzählung. Das Bild des Lebensflusses und seiner Strömungen trägt den Text. Er lässt sich gut in drei Akte unterteilen.

Akt I beschreibt ein Traumgeschehen und spiegelt die Angst, einen Menschen zu verlieren: Hinter der Hauptfigur Hannah sitzt Miriam im Boot. Jeder paddelt auf einer Seite. Plötzlich treibt das Boot ab, Miriam ist fort, nur ihre Kamera bleibt zurück.

Akt II: Das wache Leben fließt in entgegengesetzte Richtung. Miriam verschwindet nicht plötzlich, im Gegenteil, sie kehrt nach einer Krebserkrankung gerade ins Leben zurück, ihr wachsen neue Haare, sie fotografiert und malt wieder, die Freundinnen unternehmen einen Bootsausflug. Der beängstigende Traum verblasst.

Akt III verbindet sich auf poetische Weise mit Akt I. Der initiale Traum war nicht bloß Echo alter Ängste, er hatte vielmehr prophetische Qualität: Auf dem Wasser offenbart Miriam, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Das letzte Bild der Erzählung ist eine Fotografie: Hannah von hinten, fotografiert von dem Platz aus, den Miriam verlassen wird. Das letzte Bild gerät damit beinahe zu einer Botschaft aus dem Jenseits.

Geschichten mit einem Traum beginnen oder enden zu lassen, ist heikel, weil die Gefahr besteht, Leser zu enttäuschen, wenn dramatische Vorgänge sich als "nur ein Traum" entpuppen. Hier jedoch ist dieses erzählerische Mittel gut eingesetzt, weil der Traum mit den Vorgängen seine Bedeutung verändert.


Gegenströmung

Das Kanu gleitet beinahe lautlos durch die kühle Herbstluft. Auf dem kleinen Fluss, von Bäumen dicht gesäumt und überwölbt, ist es dämmrig. Hannah sitzt vorn, sie paddelt rechts, und nach wenigen Schlägen werden sie hinaus auf den See gleiten und im Sonnenschein weiterfahren. Sie hebt das Paddel aus dem Wasser, holt aus und sticht wieder ein, zieht es mit einer kraftvollen Bewegung nach hinten. Doch der Schwung schiebt das Kanu nicht nach vorne, sondern lässt es nach links abdriften. Miriam paddelt nicht mehr mit. Hannah dreht sich um. Miriam ist nicht mehr da. Ihr Sitz ist leer, auf dem Kissen liegt die kleine Kamera, mit der sie Fotos für ihre Skizzen macht.

Hannah erwacht im Bett ihres Hotelzimmers. Licht flutet gedämpft durch cremefarbene Vorhänge vor tief in dicke Mauern eingelassenen Fenstern. Sie steht auf, sie möchte diesen beklemmenden Traum abschütteln. Die Erinnerung aber steht da, in grellen Farben und mit harten Konturen. Hannah zieht sich an und klopft an der Tür des Nebenzimmers. Sie bekommt keine Antwort und macht sich auf den Weg nach unten. Auf der langen Wendeltreppe wird sie immer schneller, im Erdgeschoss fängt sie an zu laufen, eilt durch den kurzen Flur, durch eine Verbindungstür zur Kellertreppe, dann hastig die Stufen hinab und in das Gewölbe, das den weißgetünchten Frühstücksraum in dem hergerichteten Gutshof beherbergt. Unter dem Torbogen bleibt Hannah stehen, schaut sich um und ist dann ganz beschämt von der grenzenlosen Erleichterung, die sie überflutet, als sie Miriam an ihrem Tisch sitzen sieht. Sie kaut und fährt sich mit der Hand über die stoppelkurzen Haare, sie hat einen mürrischen Ausdruck im Gesicht. Völlig gewöhnlich und normal sieht das aus. Hannah lächelt, als sie an dem kleinen Tisch ankommt und der Traum ist zu einem transparenten Schatten verblichen. Sie legt ihren Schlüssel neben den Teller. Er klappert und sie fängt sich einen genervten Blick von Miriam ein, deren Teetasse erst halbleer ist. Hannah winkt ab und geht beschwingt zum Buffet. Als sie mit ihrem Frühstück zurückkommt, glitzert ein schmaler Streifen Sonnenlicht auf dem Besteck. Er fällt durch das winzige Fenster weit oben im Tonnengewölbe. Miriams Tasse ist leer und sie lächelt.

Hannah setzt sich hin und isst. Der Lichtstreifen wandert allmählich über die Tischdecke, während die beiden Frauen über den bevorstehenden Tag plaudern, wie schön es hier doch ist, und wie sie nachher auf dem Wasser wohl mit dem Muskelkater von gestern klarkommen werden. Als beide mit dem Frühstück fertig sind, ist die Sonne so hoch gestiegen, dass der Tisch wieder im Schatten liegt. Sie gehen auf ihre Zimmer und machen sich fertig, dann spazieren sie zur Anlegestelle am Fluss, wo das Kanu auf sie wartet.

Es ist etwas Neues für beide, Paddeln im Herbst, auf einem See, von dem keine von ihnen vorher jemals gehört hat. Aber als sie nach dem guten Ende dieser schrecklichen beiden Jahre etwas gemeinsame freie Zeit hatten organisieren können, hatten sie das zufällig dahergekommene Angebot kurzerhand gebucht.

Sie erreichen das Ufer des kleinen Flüsschens und besteigen nach den üblichen Vorbereitungen das Kanu. Nach den ersten wackligen Stunden gestern auf dem Wasser fühlen sie sich heute schon wie Profis, und so soll es jetzt auf den See hinausgehen. Sie gleiten los, durch den Blättertunnel, den das Gebüsch am Ufer und die sich beinahe berührenden Kronen der Bäume links und rechts bilden. Schweigend konzentriert Hannah sich auf die Bewegungsabläufe, sie sitzt vorn, sie paddelt rechts, ruhig und stetig, der See ist nicht mehr weit weg, der Traum ist vollständig verblasst. Sie taucht ihr Paddel ins Wasser und zieht es mit einer kraftvollen Bewegung nach hinten, aber das Kanu gleitet nicht geradeaus auf den Sonnenschein zu, sondern driftet nach links. Sie gleiten auf das im tiefen Schatten liegende Ufer zu.

Miriam paddelt nicht mehr mit. Hannah fährt herum. Miriam sitzt da, aber sie hat das Paddel eingezogen und schaut nach oben in die Blätter, die Kamera hält sie vor ihr Gesicht. Hannah lächelt und dreht sich wieder um, ein Schlag links, einer rechts, sie sind wieder auf Kurs, der Bug zeigt auf den glänzenden See. Sie lässt ihr Paddel im Wasser und korrigiert immer wieder leicht die Lage, während sie darauf wartet, dass Miriam genügend Fotos für neue Skizzen gemacht hat. Miriam, die seit den letzten Testergebnissen wieder eine Zukunft hat, in der wieder alles möglich ist: ihre Arbeit im Atelier, das Leben mit ihrem Mann und ihren Kindern und auch diese Freundschaft, die endlich einigermaßen frei ist von Krankenhausaufenthalten und Therapien, die jedenfalls wieder frei ist für einen Ausflug wie diesen. Hannah ist froh.

Die Kamera klickt noch einmal, dann folgt eine Pause. Hannah wartet, aber Miriam paddelt nicht weiter. Hannah dreht sich langsam wieder um. Das Kanu driftet erneut ab, der Bug richtet sich auf das dunkle Ufer aus. Als Hannahs Blick Miriams Gesicht findet, gewinnt der Traum schlagartig Farbe und Kontur zurück und als die Worte fallen, weiß Hannah einen Moment lang nicht, ob sie von Miriam kommen, denn es sind dieselben Worte, die sie in diesem Augenblick denkt: „Der Krebs ist wieder da.“

Miriam sitzt leicht vornübergebeugt, die Arme auf die locker auseinanderfallenden Knie gelegt, die kleine Kamera in den Händen. Hannah weiß, was auf dem letzten Bild zu sehen ist: Hannah von hinten, wie sie auf einen leuchtenden See zuhält.

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