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5. Platz:

Birgit Seeber

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Schwesternglück

Schreibdebüt-Wettbewerb 2015 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Die Ich-Erzählerin dieser Kurzgeschichte wird von den Eltern dazu verdonnert, ihre nervige kleine Schwester Catrin mit zu einer Silvester-Party zu nehmen. Alles in ihr sträubt sich dagegen, und entsprechend giftig verhält sie sich Eltern und Schwester gegenüber. An der Oberfläche ist dieses Sträuben zunächst nur Alters- und Situationsgerecht. Doch dahinter schwelt noch etwas anderes, das am Anfang angedeutet und auf dem Höhepunkt der Erzählung offenbart wird: Die Erzählerin erlebt immer wieder prophetische Träume, von denen sie jedoch noch nie jemandem zu erzählen gewagt hat, aus Angst, für verrückt gehalten zu werden. Der Traum, der diesmal ihre Ängste weckt, ist grausam: Catrin, die sich über ein Balkongeländer beugt und abstürzt.

Als sich dann auf der Silvester-Party genau diese Situation zu entfalten beginnt, brechen bei der Erzählerin alle Dämme, der Wende- und Höhepunkt der Erzählung ist erreicht. In diesem Moment laufen alle Fäden zusammen und verweben sich zu etwas Neuem: Die Erzählerin greift ein, rettet ihre Schwester und ändert somit den Verlauf des vorhergesehenen Geschehens. Sie spürt erstmals, wie sehr sie ihre nervige kleine Schwester liebt. Sie erzählt erstmals von ihrer Gabe, und entgegen ihrer Befürchtung ausgelacht zu werden, erntet sie Bewunderung.

Die Erzählung ist dicht gepackt mit Spannung, inneren und äußeren Konflikten und emotionalen Momenten, so wie es in einer Jugenderzählung in einem Unterhaltungsgenre unbedingt sein sollte.


Schwesternglück

Heute ist Silvester. Wir sitzen am Frühstückstisch und mir wurde soeben mitgeteilt, dass ich Catrin, meine zehnjährige nervige Schwester, zur Party am Abend mitnehmen muss.

Augenblicklich lasse ich mein Nutellabrötchen fallen. Es schlägt hart auf den Teller auf. Meine Eltern senden sofort ihren „du bist die große Schwester und hast Verantwortung“-Blick an mich. Das ist so mies. Die erste Silvesterparty mit Freunden und dann soll ich Catrin mitschleppen. Was sollen die anderen von mir denken, wenn ich mit der Nervensäge auftauche? Dabei hatte ich es mir schon so toll vorgestellt. Ganz besonders wegen Thomas. Die Gelegenheit bekomme ich nie wieder ...

Fast alle Mädchen in meiner Klasse haben schon einen Freund. Die Verstockten und Heimchen nicht mitgezählt. Ja, und ich. Mit 15 Jahren bin ich noch alleine.

Wütend nehme ich meinen Teller, stehe auf und überlasse mein Frühstück unserer Cockerspanieldame Betty, die sich sofort darauf stürzt und alles verschlingt.

Mein Vater zieht es angesichts der Lage vor, mich nicht zu schelten, dass ich Betty schon wieder zwischendurch füttere.

Toll, Silvester spiele ich das Kindermädchen! Catrin würde wie ein Luchs aufpassen und mir ständig am Rockzipfel hängen.

Und falls ich Thomas endlich küssen will, dann wissen es meine Eltern gleich am nächsten Tag. Allen Mut fasse ich zusammen, suche den Blickkontakt zu meinen Eltern und starte einen Befreiungsversuch.

„Könnte Catrin denn nicht zu Oma und Opa gehen?“

Catrin schaut mich enttäuscht an.

„Nein, du nimmst deine Schwester mit. Basta und kein Wort mehr darüber!“, entgegnet meine Mutter. Sie kann so herzlos sein. Dabei wird sie sich ja bestens mit Papa amüsieren.

Ich könnte heulen und alle und alles in Stücke reißen.

Catrin kommt angerannt, nimmt mich an die Hand und bombardiert mich mit Fragen:

„Was soll ich anziehen? Darf ich mich auch schminken? Wann geht es los?“

„Gar nicht. Ich gehe nicht hin. Basta!“

Meine Mutter steht nun auch auf, nimmt mich in den Arm.

„Es wird auch mit deiner Schwester schön!“

Wenn sie nur wüsste, denke ich.

Denn eigentlich habe ich Angst um Catrin. Wegen diesen ...

Doch davon kann ich keinem erzählen. Sie würden alle nur den Kopf schütteln und sagen, dass meine Fantasie wieder mit mir durchgeht.

Bis zum Mittag überlege ich, was ich machen soll, während meine Mutter ihren berühmten Nudelsalat für unsere Party zubereitet.

Keiner kann solch einen tollen Nudelsalat wie meine Mutter machen. Der ist gigantisch lecker. Aber den könnten wir auch heute Abend hier vor der Glotze essen, und dazu gibt es die Flasche Sekt und Salzstangen, die Papa mir gekauft hat.

Doch dann würde ich Thomas nicht sehen und er ... Nein, das möchte ich auch nicht. Dann lieber mit Nervensäge im Schlepptau zu Party.

Nach dem Mittag ringe ich mich durch, schnappe Betty und laufe zu Silke. Bei ihr findet heute Abend die Silvesterparty statt. Über die Hälfte der Klasse wird da sein.

Etwas stammelnd berichte ich von dem neuen Partygast, der Nervensäge. Doch zu meiner großen Verwunderung findet Silke es gar nicht schlimm, wenn ich sie mitbringe. Diese Antwort hätte ich ja nicht erwartet. Meine Laune bessert sich augenblicklich, sodass ich mit Hundedame Betty noch eine große Runde spazieren gehe. Ein bisschen freue ich mich nun doch auf heute Abend.

Wieder zu Hause dusche ich lange, schaue die abperlenden Tropfen an und überlege immer wieder, was ich nur anziehen soll. Noch mit dem Handtuch umschlungen stehe ich im Bad und betrachte mein Gesicht. Wie schminke ich mich, dass es Thomas gefällt?

Die Badezimmertür fliegt auf. Catrin stürmt herein und zerrt an mir.

„Hör sofort auf, kleine Nervensäge“, kreische ich. „Kann man denn nicht mal in Ruhe hier duschen!“ Sie rennt wieder raus. Die Tür fällt laut ins Schloss. Ihre kleinen Schritte verhallen. Ich verlasse nun auch das Bad und möchte in mein Zimmer gehen.

Die Blicke meiner Eltern, die ich beim Vorbeigehen erhasche, sind ziemlich zornig. Eigentlich möchte ich nur noch schnell ins Zimmer. Einen kurzen Moment Ruhe genießen.

„Catrin freut sich so. Ist doch ganz normal, dass sie so reagiert!“, kann ich meine Mutter in einem ruhigen Ton deutlich sagen hören.

„Ja, ja. Ihr habt sie heute Abend auch nicht auf den Hals“, entgegne ich und schließe schnell die Tür hinter mir, um nicht noch mehr solcher Sätze hören zu müssen und mir den Blick meines Vaters zu ersparen.

Warum habe ich keinen großen Bruder? Das wäre so cool. Dann könnte ich mit auf seine Partys. Doch schon plagen mich wieder die Probleme. Was ziehe ich nur an? Schließlich will ich Thomas gefallen. So stehe ich vor dem Schrank, unendlich lange, weiß immer noch nicht, welche Klamotte es sein soll. Schon in einer Stunde werden Anke und Martina vorbeikommen, um mich abzuholen. Die Tür fliegt auf, Catrin stürmt herein. Ihre Ungeduld ist kaum mehr zu ertragen. Ich mache ihr mit einer sehr deutlichen Geste verständlich, dass sie mich noch einen Moment in Ruhe lassen soll.

Damit meine Mutter nicht ausrastet, stecke ich meinen schwarzen Minirock in die Tasche und ziehe erst einmal meine schwarze Jeans über die Feinstrumpfhose. Dazu den engen, knallroten Pullover. Schnell noch Farbe ins Gesicht, alles zusammengepackt, und es klingelt. Perfektes Timing. Unterwegs gibt es Gesprächsstoff ohne Ende.

Catrin strahlt und hört gespannt zu, was mir gar nicht passt. Angekommen in der Heinrich-Heine-Straße 77 drücke ich Silke als erstes den Nudelsalat in die Hände, verschwinde im Bad und ersetze die enge Hose durch den noch viel engeren Rock. Als mich die Jungs sehen, spüre ich ihre wohlwollenden Blicke. Catrin guckt mich mit ihren großen Augen an. „Du siehst schön aus, Annett. “ Das hat sie noch nie zu mir gesagt.

Ich strahle zurück, bis ich auf einmal rot werde. Soeben ist Thomas angekommen. Verlegen drehe ich mich um. So darf er mich nicht sehen. Das ist so was von peinlich. Er setzt sich zu den Jungs und das emsige Gequatsche der Runde geht weiter. Er wird es nicht mitbekommen haben. Sehr gut.

Ich gehe zu den Mädels, schenke mir ein Glas Sekt ein und tue so, als ob nichts gewesen wäre. So nach und nach tauen alle auf. Besonders meine Schwester. Sie schnattert wie verrückt mit jedem, lacht, und das Verblüffendste ist, dass keiner von ihr genervt ist. Eher das Gegenteil ist der Fall. Als ob sie schon immer zu uns gehört. Wir tanzen alle miteinander und haben Spaß. Und … ich tanze mit Thomas. Die Stimmung ist super und das alte Jahr nur noch eine Stunde alt. Draußen auf den Straßen knallt es immer mehr und immer lauter. Ich bin bester Laune. Die Party ist einfach toll. Bis ...

Ja, was dann passiert übertrifft alles, ist so schrecklich und doch so schön. Niemals hätte ich gedacht, dass es geschieht. Und ... dass es mir passiert. Wenn ich das jemanden erzähle, es klingt so unglaublich. Eigentlich gibt es das nur im Film oder einem modernen Märchen: Catrin springt auf, rennt hinaus auf den Balkon, wo Torsten und Anke stehen.

Die beiden haben sich heute Abend gefunden und knutschen, vergessen die Welt um sich herum. Sie küssen sich intensiv und voll mit Zunge. Die Balkontür ist zwar angelehnt, aber offen.

Wie vom Blitz getroffen renne ich hinterher, schmeiße beinahe noch den Tisch um. In diesem Moment ist es mir auch egal. Ebenso, wie es mir egal ist, was Thomas über mich denkt. Oder die anderen.

Ich reiße die Balkontür förmlich auf, stürme hinaus und schnappe mir Catrin, die sich auf Zehenspitzen stehend gerade über das Geländer beugen will.

Anke und Torsten starren mich an. Sie verstehen gar nichts mehr. Ich aber. Meine Schwester Catrin drücke ich ganz fest an mich, und dann breche ich in Tränen aus. Jetzt kommen auch die anderen zum Balkon, sehen uns fragend an. Keiner sagt etwas. Wir stehen so einige Sekunden. Oder Minuten? Ich verharre mit Catrin im Arm noch einen Augenblick. „Was ist denn?“, fragt sie verwundert. Noch fester drücke ich sie an mich. Thomas gibt sich einen Ruck, unterbricht die Stille und fragt, was los ist und warum ich weine. Ich atme tief durch. Auch wenn sie mich für durchgeknallt halten, ich werde es ihnen jetzt erzählen. Wir gehen alle zurück ins Wohnzimmer, entfliehen der Kälte auf dem Balkon und setzten uns zurück auf unsere Plätze.

„Wisst ihr“, beginne ich, „angefangen hat es mit dem Kurzkontrollenheft in Mathe bei Frau Kunze.“ Ich schaue in die Runde und kann das Grinsen und ein „Klar verstehen wir“ deutlich in den Gesichtern lesen. Alle wissen, wovon ich spreche. Denn jeder kennt Frau Kunze. „Ich habe geträumt, dass ich mein Kurzkontrollenheft in Mathe vergessen habe und dadurch ein Punkt Abzug bekomme, der zur Eins fehlt. Das war der erste Traum. Und weil ich einen Tag später tatsächlich dieses verdammte Heft vergesssen hab, wurde mir ein Punkt abgezogen. Versteht ihr? Dieser eine Punkt hat zur Eins gefehlt. Ich hätte die einzigste Eins gehabt in der Klasse.“ „Das war eine blöde Arbeit“, pflichtet Silke bei. „Du hattest die einzige gute Note.“ „Ja, und mein Vater hat natürlich eine passende Antwort gehabt - nur gut, dass dein Kopf angewachsen ist.“ Über diese Antwort habe ich mich zu Hause noch umso mehr geärgert. Catrin grinst. Sie kennt ja diese Antworten zu Genüge.

„Dann“, erzähle ich weiter, „war alles vergessen. Bis zum zweiten Traum. Ich träumte von einem Kino in einer größeren Stadt. Es befand sich in einem Neubauwohngebiet. Die Schaukästen waren rot angestrichen und riesig. Ein Plakat in dem letzten Schaukasten sah ich besonders deutlich, weil es schwarz-weiß war mit einer roten Figur. Der wunderschönen Hauptfigur. Und dann passierte es. Wir hatten doch die Klassenfahrt vor den Weihnachtsferien.“ Wieder schaue ich in die Runde. Alle stimmen mir nickend zu. „Es ging nach Jena“, wirft Rita ein. „Ja, genau“, gebe ich zurück. „Zuerst haben wir das Planetarium besucht, und danach hatten wir noch Zeit zum Stadtbummel, also sind wir in Richtung Stadtmitte gelaufen. Wir sind auch an einem Gebäude vorbei gekommen, das mir irgendwie bekannt erschien. Die Jungs sind zuerst darauf zugelaufen, und der Rest folgte damals. Wisst ihr noch?“ Wieder ein einstimmiges Nicken. „Doch als ich dann vor diesem Schaukasten stand, dasselbe Poster im Aushang sah, verschlug es mir förmlich den Atem. Jetzt wusste ich, woher ich dieses Gebäude kannte. Aus meinem zweiten Traum, vor zwei Wochen!“ Schnell trinke ich einen Schluck aus meinen Glas, da ich sehe, wie gespannt alle zuhören.

„Nach dem zweiten Traum begann ich echt an mir zu zweifeln. So etwas gibt es nur im Film oder passiert nur anderen. Nicht mir. Doch was ich dann in meinem dritten Traum erlebte, war schrecklich, und heute Morgen begann er, wahr zu werden. Denn …“ Alle schauen mich äußerst gespannt an. Catrin reißt ihre blauen Augen noch weiter auf. „Ich hatte geträumt, dass ich meine kleine nervige Schwester Catrin mit zur Party nehmen muss. Und genau so war es.“

Catrin kuschelt sich ganz fest an mich. Ich halte ihre Hand. Genieße ihre kleine Wärme. „Als meine Eltern mir heute Morgen gesagt haben, dass ich Catrin mitnehmen muss, ging es mir eiskalt den Rücken runter. Und ich hatte Angst und hoffte ganz stark, dass es nicht wahr wird.“ Silke schaut mich mit großen Augen an und alle warten geduldig, dass ich weitererzähle. „Denn ich habe geträumt ...“, kurz muss ich an mich halten, weil ich merke, dass mir eine Träne die Wange herunterläuft, „... dass Catrin auf den Balkon rennt, sich über das Geländer beugt und herunterfällt.“

Die nächste Träne bahnt sich ihren Weg. Und es ist mir egal, dass es alle sehen. Catrin drückt mich ganz fest und zum ersten Mal merke ich, wie wichtig sie mir ist.

„Wahnsinn!“

„Super!“

„Echt Spitze!“

Ich bekomme von jedem eine solch positive Reaktion. Damit hätte ich niemals gerechnet. Und ... keiner hält mich für abgedreht oder Irre. Ganz im Gegenteil. Ich werde um meine Erfahrungen beneidet.

Für mich bleibt dieses Silvester in ganz besonderer Erinnerung, weil alles tatsächlich so geschehen ist. Ich habe Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt und die Erkenntnis gewonnen, wie froh ich bin, dass ich Catrin habe.

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