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1. Platz:

Stephan Geschke

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Das letzte Wort

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

In eindrucksvollen Bildern erzählt Stephan Geschke von der Unfähigkeit eines Sohnes Worte für das Sterben des Vaters und die Endgültigkeit des damit verbundenen Abschieds zu finden. Denn wie soll ein Mensch etwas beschreiben, für das er nicht einmal stumme Gedanken zulassen möchte? In dem sterilen Krankenzimmer wird Sprache durch den Rhythmus der Beatmungsmaschine ersetzt, der den Raum wie das bedrohliche Zischen eines Raubtieres erfüllt. Am Ende nimmt der Sohn das letzte, das unausgesprochene Wort mit in sein Leben und macht auf diesem Wege den Vater in der Erinnerung unsterblich.

Stephan Geschkes literarisch gelungene und ansprechende Kurzgeschichte zum Thema „Abschied und Sterben“ vermittelt den Lesern am Ende die hoffnungsvolle Botschaft, dass die Erinnerung an den geliebten Menschen auch nach dem Tode weiterleben wird.


Das letzte Wort

Ich zittere nicht, und atme ganz ruhig. Wie entrückt setze ich einen Fuß vor den anderen, bis ich so nahe an der Tür stehe, dass sich meine nervösen Augen in ihr spiegeln. Sie ist abstoßend in ihrer weißen Makellosigkeit und könnte nicht endgültiger wirken, würden hinter ihr die Ozeane der Welt tosend in einen tiefschwarzen Abgrund stürzen. Irgendetwas in mir nimmt alles, was es findet, vielleicht auch Mut, zusammen und stemmt die Türklinke nach unten. Ich trete in ein kleines, enges Zimmer einer anderen Welt. Innen ist es warm und stickig wie auf einem Dachboden im Hochsommer. Es riecht steril, so intensiv, dass ich es auf der Zunge fühle, und der Rhythmus der Beatmungsmaschine erfüllt den Raum wie das bedrohliche Zischen eines Raubtieres, in dessen Revier ich eingedrungen bin. Er liegt ganz still da, die Augen geschlossen, und sie sind das einzige, was man unter der monströsen Apparatur auf seinem Gesicht erkennen kann. Hoffnung keimt in mir auf. Dass er schläft oder bewusstlos ist. Dass ich nicht tun muss, was ich tun soll. Dass ich einfach so umdrehen darf. In diesem Moment öffnet er seine Augen. Und ich schließe meine, als ob ich meinen Mut so halten könnte. Langsam, wie gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfend, trete ich auf meinen gewohnten Platz links neben dem Bett, obwohl ich heute allein bin und die Wahl hätte. Er schaut mich kurz an und dann zur Decke, seine Augen sind klar und ich weiß, dass er nicht möchte, dass ich immer noch komme und ihn so sehe. Trotzdem, und weil ich mir nicht anders zu helfen weiß, nehme ich seine Hand.

Ich halte seine Hand ganz fest, weil ich fast von seinen Schultern rutsche, so schnell läuft er, durch den Sand und dann den kleinen Holzsteg hinauf. Mit seinen starken Armen setzt er mich wie eine Puppe auf die sonnenheiße Holzbank vor der Strandwachtstation und wendet sich dann dem braungebrannten Mann im weißen T-Shirt zu, der gerade aus der Tür tritt. Ich höre nur „ … in eine Muschel getreten...“, der Rest geht in meinem eigenen Schluchzen unter. Tränen laufen mir über die Wangen, weil mein linker Fuß brennt wie Kaminfeuer und ich noch nie so viel meines eigenen Blutes sehen musste, obwohl ich schon groß bin und ewig auf der Welt, beinahe acht Jahre lang. Kurz darauf kommt er zurück und kitzelt mich aufmunternd am Ohr, das macht er immer. „Denk dran, wie schön es gleich sein wird, wenn der Schmerz nachlässt“, sagt er und zwinkert mir zu. „Wenn es dir richtig schlecht geht, dann kannst du dich später immer daran erinnern, wenn es vorbei ist, und dann geht es dir wieder gut.“ Er lächelt. Der Mann in Weiß wäscht meinen Fuß mit etwas Wasser ab, die Kühle tut gut, und bald darauf ziert ein schneeweißes großes Pflaster die eben noch dunkelrote Hacke. Es kullern auch keine Tränen mehr. „Was sagt man zu dem netten Herrn für die schnelle Hilfe?“, werde ich mit gespieltem Ernst gefragt, und während ich kurz nach dem richtigen Wort suche, greife ich unbewusst wieder nach seiner Hand.
Ganz vorsichtig lasse ich seine blasse Hand wieder los. Das Beatmungsgerät macht irgendein aufdringliches Geräusch, das aber sofort wieder verstummt und vermutlich nichts zu bedeuten hat. Mir aber wird klar, dass der Moment gekommen ist, unausweichlich und unpassend wie ein Elefant im Zimmer. Nun muss ich etwas sagen. Etwas Angemessenes. Etwas Abschließendes. Ich setze an, aber komme nicht weit, bringe keinen Ton heraus und merke, wie mir warme Tränen über die Wangen laufen. Nicht aus Mitleid für ihn oder mich selbst, sondern aus Wut, unbändiger Wut wie brodelnder Säure, die mir jemand direkt in den Bauch gespritzt hat. Wut auf das alles hier, auf meine Schwäche, auf das ruhige und mitleidlose Piepsen der Geräte, auf die Ärztin, die jung und unpassend hübsch war und eigentlich ein alter, streng blickender Professor hätte sein müssen, wie in den Filmen. Und die keine Hilfe geboten hat, wie man das überhaupt schaffen soll, wie soll sich ein Mensch denn verabschieden und Worte für etwas finden, für das er nicht einmal stumme Gedanken zulassen möchte? In meinem Kopf gehe ich sie durch, die Worte, eines nach dem anderen, immer schneller und verzweifelter wie ein Ertrinkender, bis ich bei einem lande, nur einem einzigen Wort, das muss doch zu schaffen sein. Aber ich schaffe es nicht, das wird mir klar, als ich ihm ein letztes Mal direkt in die Augen blicke. Und dann drehe ich mich um und gehe, hastig und mit angehaltenem Atem, bis ich wieder vor der Tür stehe und die schrille Melodie der Geräte erstirbt, sobald sie ins Schloss gefallen ist. Mir wird klar, dass es das war, dass es vorbei ist, dass ich versagt habe, das allererste Mal in meinem Leben. Doch das Wort ist noch da, irgendwo da drinnen, und so greife ich es und nehme es mit, durch den Gang, über den Parkplatz, mit ins Auto und nach Hause.

Dies alles ist nun ein Teil von mir. Ich trage das letzte Wort sorgsam bei mir, in der U-Bahn, an der Kinokasse und an seinem Grab, sicher und tief in meiner Brust wie einen hart erfochtenen Schatz. Manchmal hole ich es heraus, drehe und betrachte es von allen Seiten, bevor ich es wieder sicher verschließe. Dann finde ich Trost, einfach weil es noch da ist, und unser Gespräch unvollendet bleibt, so unvollendet wie jedes Leben.

[ Für Erich Geschke, 1934 - 2016]

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