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2. Platz:

Rami Ashour

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Samy

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Samy ist ein sechsjähriger Junge, der eine herausragende Eigenschaft hat: Er kann lachen und fröhlich sein.  Eine Bombe nimmt ihm nicht nur seine Tante, sondern auch seine Beine. Aber niemals seine Fröhlichkeit. Die Unschuld des Kindes auf der Flucht in eine bessere Zukunft, Samys Glaube an die Seelen, die zu Schmetterlingen werden und sein lautes Lachen wollen so gar nicht zu der Beschreibung des Grauens, des Schrecklichen passen, das die Erwachsenen auf der Flucht übers Meer durchleben müssen.

„Das Wichtigste im Leben ist das Leben selbst“, könnte die Prämisse dieser ebenso bedrückenden wie beeindruckenden Kurzgeschichte lauten. Rami Ashour hält den Lesern das Grauen des Krieges mithilfe der Figur des kleinen Samy schonungslos vor Augen. Mit dem Stilmittel der Kontrastierung gelingt dem Autor ein erzählerischer Kunstgriff, der den Lesern noch lange im Gedächtnis bleiben wird.


Samy

Samy ist ein glücklicher Junge. Er lacht viel, ist fröhlich, seine Eltern und seine Schwester lieben ihn, weil er mit seiner Heiterkeit die schweren Tage erträglicher macht.

Als sein Vater und Mutter ihn das erste Mal sahen, meinten sie, ein Lachen auf seinem Gesicht zu erkennen. So nannten sie ihn Basem, der in ihrer Sprache als „der, der lächelt“ gilt. Rula und Dana liebten ihren kleinen Bruder und da „Samy“ viel besser klang, wurde er seitdem so genannt. Seine Eltern besaßen ein Geschäft in der Stadt und verdienten damit einen kargen Lebensunterhalt, auch wenn die Wirtschaftslage im Lande immer schlechter wurde. Die Schwestern besuchten die Schule, während Samy mit seiner Tante in den Parks der Umgebung spielte.

Als der Bürgerkrieg begann, blieb es in ihrem Dorf ruhig. Die Fahrt in die Stadt dauerte nun länger, die vielen Kontrollen waren mühsam, doch trotz der ernsten Lage blieben sie von den Gräueln, von denen sie immer wieder hörten, verschont. Abends, wenn die Familie zusammensaß, brachte der vierjährige Samy mit seiner unschuldigen Art diese immer zum Lachen.

Einmal meinte er, dass es mit seiner Tante etwas langweilig sei, diese habe immer nur das Handy am Kopf. Mama solle ihn doch mit in die Stadt nehmen.

„Samy, es gibt leider viele schlechte Menschen in der Stadt, du musst hierbleiben“, antwortete sie ihm.

„Gib ihnen Schokolade, dann sind sie glücklich“, sagte er. „Mich macht das auch immer froh.“

Seine Mutter grinste.

„Vergiss aber nicht, mir dann auch eine mitzubringen“, sagte er und lächelte sie verschmitzt an. Dann holte er seinen Kuschelhund und meinte: „Nimm den mit, der passt gut auf dich auf.“

Eine Träne lief seiner Mutter über das Gesicht, während sie ihn fest umarmte.

Den Krieg lernte Samy am Spielplatz kennen. Eine Bombe tötete seine Tante und zerfetzte seine kleinen Beine. Tagelang bangte seine Familie im Spital um ihn, bis sie ihn schließlich wieder in die Arme nehmen konnten. Die Beine hatte man ihm weggenommen, seine Fröhlichkeit blieb. Opa organisierte einen Rollstuhl, mit dem er fleißig trainierte und bald schon durch die Gegend flitzte.

Bevor die große Reise begann, kamen viele Freunde zu Besuch. Samy war glücklich, viele Menschen um sich zu haben. Mit Opa und Oma den ganzen Tag zu spielen, mit den Cousins und Cousinen die Kuchen zu verputzen, die nun jeden Tag mitgebracht wurden. Warum bei der Verabschiedung die Tränen flossen, verstand er nicht.

„Wir machen eine große Reise“, erklärte ihm sein Vater. „Oma und Opa können leider nicht mitkommen.“

Samy überlegte kurz und meinte: „Ich kann sie ja jeden Tag anrufen.“ Beim Abschiednehmen umarmte Samy seine Großeltern und sagte: „Ich schreibe euch eine Karte, wenn wir am Meer sind. Ich bin traurig, weil ihr nicht mitkommen könnt, bin aber auch glücklich, weil ich euch schon bald wiedersehen werde.“

Die Reise dauerte viel länger als gedacht. Binnen Kurzem war der Rollstuhl von den weiten Wegen unbrauchbar geworden und so musste Vater Samy wie einen Rucksack am Rücken tragen. Von hier oben betrachtete er eine neue Welt. Die Ströme von Menschen, die ihre Wege kreuzten, konnte er mit seinen Geschichten gut unterhalten. Am Meer angekommen, wurden sie von einem groben Mann, der eine Pistole in der Hand hielt, in ein Boot gestoßen. Mit kaum Platz zum Atmen, weil Körper an Körper gepresst wurden, begann die unruhige Fahrt. Rula, die neben Samy am Rand saß, riss eine Welle ins Meer. Samy konnte hören, wie seine Schwester um Hilfe rief. Das Boot stoppte nicht, auch wenn Vater den Mann am Steuer zuerst anschrie und später immer wieder anbettelte. Als diesem das Gejammer reichte, schoss er einmal über die Köpfe der Passagiere hinweg, sodass eine erdrückende Stille herrschte. Nur das Schluchzen von Samy und das Rauschen der Wellen waren zu hören.

An Land angekommen, wurden sie in ein Lager gebracht. Täglich trafen sie Leute, die sie beschimpften, in einer Sprache, die er nicht verstand. Doch seine Fröhlichkeit, die die Menschen in seiner Umgebung zum Lachen brachte, kehrte immer wieder zurück.

Allein mit Mutter ging die Reise weiter. Vater und Dana blieben im Lager, um später nachzukommen. Samy war inzwischen sechs Jahre alt geworden, als sie den letzten Abschnitt ihrer Odyssee erreichten. Nur mehr die Fahrt mit einem Kanu entlang eines Flusses, bis hin zu einer Brücke, trennte sie von ihrem endgültigen Ziel. Während Mutter vorne paddelte, beobachtete Samy auf der Rückbank die unbekannte Landschaft, ehe er sich an sie wandte: „Du erzähltest mir einmal, wenn jemand stirbt, den man besonders gerne mag, dass dieser dann wie ein Schmetterling sanft in die Luft steigt, um über uns zu kreisen. Seit Rula oben schwebt, träume ich jeden Tag von einer wunderschönen Blumenwiese und bin glücklich, dass so ein schöner Schmetterling uns begleitet.“ Er streichelte seiner Mutter behutsam über den Rücken. Kein Ton kam aus ihrem Mund, doch er wusste, dass sie weinte. Am Horizont konnte er die Brücke erkennen. Das Lachen eines Kindes war noch in weiter Ferne zu hören.

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