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3. Platz:

Birgit Hörner

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Zauberworte

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Von der suggestiven Macht und der Kraft der Worte, die einen Autor, der eine Schreibbarriere überwunden hat, plötzlich befallen und der erbarmungslos in einen Abgrund immer neuer Worte und Einfälle gerissen wird, erzählt Birgit Hörners Geschichte „Zauberworte“. Egal nach welchem Wort der Autor auch greift – es öffnet neue Türen und lässt Welten entstehen, in denen der Autor sich nicht wohl fühlt. Auf hoher See wird ihm schlecht, er schwankt, greift nach einem anderen Wort, das immer neue Assoziationen heraufbeschwört. "Kanonendonner, Segelschiffe. Raubeinige Piraten“. Bis es ihm am Ende gelingt, das Zauberwort zu treffen und seine Geschichte, sein Buch zu schreiben. Er liegt neben seiner Jugendliebe Haut an Haut und erinnert sich an Omas Kuchen.

Birgit Hörner spielt in ihrer Kurzgeschichte rasant mit der Sprache, deren Regeln sie gekonnt beherrscht und zeigt, dass Schreiben unmittelbar mit dem eigenen Leben verbunden ist. Als Autor findet man die schönste aller Welten eigentlich nur in sich selbst. Vorausgesetzt man trifft das richtige Zauberwort.


Zauberworte

Auf einmal waren sie da. Ganz plötzlich. Zauberworte. Majestätisch, feurig, beglückend. Wochenlang hatte er keinen Satz zustande gebracht. Jedes einzelne Wort wieder gelöscht. Und jetzt? Unfassbar!

Egal, welches Wort er berührte. Sofort wurde er von einem Strudel erfasst, an verschiedene Orte geschleudert. Wie von Zauberhand.

Zauberworte, zahlreich wie Staubpartikel in der Sonne, flimmerten vor seinen Augen. Flüsterten ihm zu, betörten, verführten ihn.

Nimm mich! Nein, mich! Mit mir schreibst du die Geschichte deines Lebens! Sei kein Narr, nimm mich!

>p>Erbitterte Kämpfe um Aufmerksamkeit. Wahllos schnappte er sich eins.

Kanonendonner, Segelschiffe. Raubeinige Piraten. Geruch von Schweiß, der in der Nase brennt. Gesänge über Helden, Schätze, kostbare Juwelen, Jungfrauen und klirrende Säbelkämpfe. Tosendes Meer, Salz auf der Zunge. Gischt und Wellen, - klatsch ..., klatsch ..., klatsch ..., gegen Felsen, an die Schiffswand. Er schwankte, ihm wurde schlecht.

Nein, nicht diese Geschichte. Er griff nach einem anderen Wort.

Vogelorchester, Nebelwälder, überquellende Gärten. Hier prall leuchtende Bromelien, dort grazile Orchideen in zartrosa, indisch-purpur und lachsfarben. Er konnte sich nicht satt sehen. Schweiß und Schmutz klebten auf seiner Haut. Dampfende Luft raubte ihm den Atem. Tausende Tautropfen glitzerten auf dem Blattwerk der Wurzelfeigen. Ein Jaguar, elegant, muskulös, zum Nackenbiss bereit.

Sollte er eine Geschichte schreiben, die an diesem unwirklichen Ort beginnen würde? Es kribbelte, es pochte ihm in den Fingern.

Aber es sollte doch ein Jugendbuch werden.

Er schnappte sich Worte der Liebe, der Freundschaft, der höchsten Gefühle. Raunend umrankten sie ihn. Zogen ihn in den Bann, wurden lüstern, erregten ihn, allzu sehr. Nein, er war nicht in der richtigen Stimmung, nicht heute.

Er erblickte das Wort Apfelbaum, unschuldig, unaufgeregt, langweilig.

Und dennoch. Augenblicklich versank er in Erinnerungen an Ottendorf. Er und seine drei Brüder. Sie hatten das kleine Dorf unsicher gemacht. Sommer, Schwimmen im Weiher. Er hatte sich in Anita verliebt. Er war fünfzehn. Dann Herbst, Apfelernte, warmer Apfelkuchen mit Zimt. Oma machte den besten.

„Du alter Narr“, schimpfte er mit sich, „was sollen Jugendliche mit dieser eingestaubten Geschichte? Musste da nicht etwas Außergewöhnliches her?“

Kreuzkümmel, Kurkuma, starker Kaffee, Knoblauch. Herrliche Düfte kitzelten seine Nase.

Istanbul! Urlaub mit Anna. Sie hatten sich in den verwinkelten, Gassen verlaufen. Er beschützte Anna.

Menschenmassen, buntes Treiben auf dem Kapal? Çar??, dem großen Basar. Gold, Porzellan, Schmuck, bunte Kaftane, Auslagen mit Nüssen, Gewürzen, grüner, schwarzer, goldener Tee. Händler, diskutierten laut vor kleinen Läden, zu blechernen Klängen aus alten Radios.  Der Muezzin. Ruf zum Gebet. Straßenlärm.

Stoff für einen Krimi?

Vielleicht für eine Verfolgungsjagd. Ein Toter im Bosporus.

„Gar nicht schlecht“, dachte unser Schriftsteller, „aber vielleicht geht es ja noch besser?“

Da! Gellende Schreie. Sie drangen durch Mark und Bein. Er hörte sein Herz klopfen. Poch ... poch poch. Poch ... poch poch. Poch ... poch poch. Rasender Puls, Angstschweiß. Messerstiche, Blut, noch mehr Blut, eine Tote, grausam verstümmelt. Gestank, Verwesung. Fast erbrach er sich.

Mit dem Ärmel, - wusch -, weg mit diesen Zauberworten! Horrorworten!

Sie verschwanden. An ihre Stelle traten neue, ebenso kraftvoll.

Liebliche Laute, weich und kristallklar. Schrille Töne und solche, die sein Herz zu Eis gefrieren ließen.
Wusch!

Wieder Farben. Duftendes Mattorange, feuchtes Gelbgrün, schillerndes Muschelsilber.

Der Schriftsteller musste die Augen schließen.

Er blinzelte. Sofort brannten sich skurrile Fantasiewesen in seine Netzhaut. Bizarre Gestalten, Fabeltiere, Drachen und mehrköpfige Monster. Glutrote Augen. Elfen, Feen, Druiden und Hexen. Er sah sie zu Werke gehen, lachte und erschauerte zugleich. Er musste jetzt zupacken, loslegen, endlich schreiben. Die Zauberworte würden seinen Kopf sonst zum Platzen bringen. Aber welches Wort? Welches nur? Die einen schoben sich vor die anderen, verdrängten einander. Sie schrien sich an, führten einen erbitterten Kampf um Leben und Tod. Der Geschichtenschreiber hob die Hände zum Kopf, presste die Augen zu, drückte sich die Daumen in die Ohren. Das war zu viel. Sein Kopf dröhnte ...

... Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen, ein Hauch von Zimt, stieg ihm in die Nase. Omas Kuchen.

Dann, wie von selbst. Seine Finger flogen über die Tastatur. Ohne Kontrolle. Gepeitscht von seinen Eindrücken, füllte er Seite um Seite. Er schrieb bis zur Erschöpfung. S e i n e Zauberworte, s e i n e Geschichte, s e i n Buch.

Er war zurück in Ottendorf. Hitzeflimmern, Mückentanz. Schmetterlinge im Bauch.

Er lag am gleißenden Weiher. Neben seiner Jugendliebe. Haut an Haut.

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