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4. Platz:

Asta Birgitta Heesen

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Lied für Hilde

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Der Autorin gelingt in „Ein Lied für Hilde“ eine detailreiche und tiefgehende Figurencharakterisierung. Aus der Sicht des Kindes, das die Ich-Erzählerin in den 70er Jahren, zwischen Mainzelmännchen und ZDF-Hitparade war, erscheint Oma Hilde seltsam ambivalent. Zwar gibt es bei ihr die leckeren Reibeplätzchen mit Rübensirup, die aber nie ohne Beigeschmack bleiben. Als das fünfjährige Kind Hakenkreuze nachzeichnet, versetzen diese der Mutter einen gewaltigen Schock. Oma Hilde hingegen bleibt erstaunlich ruhig. Es sind die feinen Nuancen und Zwischentöne wie der Geruch von 4711 und feiner Fa-Seife, der zwischen den schweren Möbeln hängt, die zeigen, wie vielschichtig ein Charakter in einer Geschichte sein kann. Diese Eigenschaft, mithilfe einer Figur im Text das Unausgesprochene zwischen den Zeilen sichtbar werden zu lassen, zeichnet die Erzählung von Asta-Birgitta Heesen in besonderer Weise aus.


Lied für Hilde

Manchmal lauerte Oma Hilde mir nach der Schule im Treppenhaus auf. Sie hatte ihre köstlichen Reibekuchen für mich gebacken. Nur für mich, mein Bruder war ihr zu wild und meine Schwester zu klein. Während ich die knusprigen Puffer in mich reinstopfte und den Geschmack von Kartoffeln und Rübensirup auf der Zunge spürte, sah sie mir aus kleinen, wimpernlosen Augen dabei zu. Ihr Haar trug sie wie eine griechische Witwe: blauschwarze Wellen mit einem silbernem Streifen am Ansatz. Wenn er zwei Finger breit geworden war, verschwand dieser Streifen für ein paar Wochen. Sie kleidete sich mit schlichten, unförmigen Röcken, fessellose Beine steckten in hellen Nylonstrümpfen, bestrumpfte Zehen lugten aus offenen Hausschuhen.

Ich kaute und schluckte. Während ich mir die fettigen Finger ableckte, dachte ich an meinen armen Bruder und an meine arme Schwester, die nichts davon bekommen sollten und an meine arme Mutter, die nie lernen würde, solche Reibeplätzchen zu machen. In meinem Bauch wuchs ein fester Klumpen.

Später dachte ich mir Ausreden aus, wenn meine Oma mir wieder auflauerte. Murmelte „Diät“ oder „Magenvirus“ und huschte, zu Boden blickend, an ihr vorbei. Ich spürte ihren enttäuschten Blick in meinem Nacken.

Ich besuchte meine Oma gerne, ihre kleinen dunklen Räume waren vollgestopft mit zu großen, schweren Möbeln und es duftete nach 4711 und grüner Fa-Seife. An den Wänden und auf Ablagen naive Bilder von Engeln und der Heiligen Maria neben der schaurigen Skulptur des gekreuzigten Jesus. Dazu ausgekochte Jagdtrophäen von Rehböcken. Ab Sendebeginn lief das ZDF und das Wenige, was meine Oma von der Welt wissen wollte, ließ sie sich von der Drehscheibe, Wim Thoelke oder Dieter Thomas Heck erklären.

Einmal, ich muss fünf Jahre alt gewesen sein, hatte ich irgendwo ein Hakenkreuz gesehen. Ich malte Dutzende davon mit größter Sorgfalt auf mein Malpapier. Meine Mutter sog scharf die Luft durch ihre Zähne, als ich ihr mein Werk zeigte. Ich spürte, dass ich auf etwas Großes gestoßen war.

Ihre Erklärung mit ernstem Gesicht bestand vor allem aus „ganz, ganz schlimm“, „Hitler“ und „Krieg“.

Ich war begeistert von der Wirkung meiner Zeichnungen und wollte herausfinden, wie meine Oma darauf reagieren würde. Sie blieb enttäuschend unbeeindruckt. Ich versuchte, ihr auf die Sprünge zu helfen, wiederholte die Erklärungen meiner Mutter. Da sagte sie ohne Ironie, mit feierlichem Ernst: „Bei Hitler war nicht alles schlecht. Ohne ihn gäbe es keine Autobahn!“

Wenn meine Eltern gemeinsam ausgingen, passte meine Oma auf uns auf. Das bedeutete länger aufbleiben und fernsehen. Mainzelmännchen und vielleicht die ZDF-Hitparade.

Sie betrachtete uns, wie wir fröhlich unsere Limo schlürften. „Eine Mutter bleibt bei ihren Kindern“, sagte sie und schüttelte finster ihren Kopf.

Zwar kamen meine Eltern jedes Mal gesund zurück. Aber in jenen Nächten erwachte ich immer mit rasendem Herzen.

Unsere große Wohnung lag verlassen in dunkelgrauer Stille. Im Schlafzimmer meiner Eltern gähnte mich das leere und riesige Ehebett an. Der schwache Duft nach meiner Mutter und die Kuhle im Kopfkissen meines Vaters ließen mich winzig klein fühlen. Ich habe es nie geschafft, mich in den Schlaf zu weinen.

Einmal beschloss ich in einer solchen Nacht, ins Bett meiner Oma zu kriechen. Ich betrachtete sie, nachdem ich zuvor die schwere Schiebetür aus Glas geöffnet hatte und die große Treppe hinuntergeschlichen war. Diese schlafende Frau dort im Bett war mir so fremd. Ich verließ das Zimmer auf Zehenspitzen.

An Heiligabend besuchte unsere ganze Familie meine Oma. Es gab Plätzchen und Limo und Sekt. Hilde setzte sich an ihr verstimmtes Klavier und spielte pathetisch und schleppend. Sie bekam rote Bäckchen und feuchte Augen und strahlte. Ihr zittriger Sopran brachte uns zum Kichern. Nachdem wir alle schon längst nicht mehr unter einem Dach lebten, lag sie in einem Bett im Pflegeheim. Wir hatten uns seit Jahren nicht mehr gesehen und es wurde Zeit, sie zu besuchen. Ihr Haar trug sie jetzt länger und schneeweiß, ihr Gesicht war durch die Medikamente und das Liegen größer geworden und sie sprach nicht mehr. Ihre unruhigen Augen folgten mir durch den Raum - zuerst misstrauisch zusammengekniffen, schließlich erhellte sich ihr Blick. Ich legte meine Hand in ihre, sie drückte mit kühlem und trockenem Griff zu.

Ich wusste nicht, was ich erzählen sollte. Nervös und zu laut beschrieb ich plappernd mein Leben mit Mann und Kind. Ihr wimpernloser Blick ruhte auf mir und langsam fielen ihre Augen zu. Ich wollte mich hastig verabschieden und suchte nach Ausreden.

Ich weiß nicht, wieso, aber ein plötzlicher Impuls ließ mich alte Kinderlieder anstimmen, die ich damals häufig mit meinem kleinen Sohn sang. Sofort blickten mich ihre Augen hellwach an, ein kindliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie stimmte summend mit ihrem zittrigen Sopran in die Melodie ein und unser Gesang tastete sich wackelig durch den Raum. Es war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

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