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5. Platz:

Andrea Schmidt

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Stille

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 1

Das Urteil der Jury:

In Ihrer Beschreibung „Stille“ entführt die Autorin Andrea Schmidt die Leser an einen Ort, der für sie seit ihrer Kindheit eng verbunden ist mit den Begriffen Stille, Gewahrsein und Lebendigkeit. Detailreichtum, sprachliche Genauigkeit und Bildhaftigkeit wecken Sinneseindrücke und Emotionen der Leser.

Andrea Schmidt ist ein intensives Portrait des Gartens ihrer Urgroßeltern gelungen, das in der Erinnerung unsterblich bleibt und dessen Einfluss bis in die Gegenwart reicht: Heute Nachmittag war ich wieder dort. Es ist Mai, die Natur ist prachtvoll erblüht. Nichts muss sein. Es ist so einfach.

Es ist der Autorin hervorragend gelungen Orte und Gegenstände mithilfe der Genauigkeit, die sie in die Sprache legt, spürbar und erlebbar zu machen. Eine Eigenschaft, die in dieser Form keiner anderen Kunstrichtung, sondern vor allem der Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten innewohnt und deren Regeln Andrea Schmidt gekonnt beherrscht. 


Stille

Der Weg führt an einem alten Fachwerkhaus vorbei, dessen untere Fenster nahezu ebenerdig eingebaut sind. Als meine Uroma dort wohnte, konnte sie aus dem Fenster lehnend die Hühner füttern. Manchmal reichte sie uns dicke, mit Butter und Zucker bestrichene Kniften nach draußen. An der rechten Ecke des Hauses führte eine Hühnerleiter nach oben. Es gab ein Schwein, das neben dem Plumpsklo wohnte. Als Kind hat es mich viel Überwindung gekostet, dieses Örtchen zu besuchen. Eine schwache Lampe wies den Weg in die Dunkelheit. Noch heute ist mir der beißende Geruch in der Nase. Es war ein Abenteuer und gleichzeitig schaurig-schön.

Wenige Meter weiter mündet der Weg in eine Wiese, auf der die Kühe weiden. Hier wachsen Gänseblümchen, Butter- und Schlüsselblumen inmitten blühender Gräser. Daneben gibt es einen kleinen Pfad, der zu einem verwunschenen Ort führt. Alte Buchen, Eichen, Pappeln und Birken umsäumen dieses Paradies. Hier, am Ende der kleinen Welt, ist ein Tor, das sich quietschend öffnet und den Blick freigibt.

Der Garten ist leicht abfallend und mündet in einem Siepen, durch das ein kleines Bächlein fließt. Im unteren Teil gibt es eine Holzhütte, die mit ihrer kleinen Veranda und den alten Rosenranken sehr einladend aussieht.

Nicht weit entfernt, unter einer uralten Eiche, steht der gemauerte Ofen. Die gusseiserne Ofenplatte ist derart ausgestattet, dass man darauf kochen, aber auch ein Dreh-Waffeleisen einhängen kann.

Auf der anliegenden Steinterrasse stehen zwei rotgestrichene, ausrangierte Schultische mit stabilen Holzplatten. Darum gruppieren sich rote Holzstühle und eine rotlackierte Bank.

Als ich ein Kind war, gab es in diesem Garten frischen Rhabarber, dessen Spitzen wir in Zucker tauchten und genüsslich aßen. Wir ernteten Erdbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren und Brombeeren, sowie Kartoffeln, Kohl, Möhren und Salate. Im Sommer zog der Duft der Holunderblüten über die Wiese, manches Mal verarbeiteten wir sie zu Sirup.

In dem kleinen Bächlein tummelten sich Kaulquappen, die mein Bruder oft in kleinen Gläsern einsammelte und einige Meter später, an einer breiteren Stelle, wieder zu Wasser ließ. Wir schaukelten unter den großen Bäumen in den Himmel und machten Rückwärtspusselköppe die Wiese hinunter.

Viele Jahre später, als ich aus Berlin in meine Heimat zurückzog, habe ich eine Hängematte zwischen die Bäume gehängt, einen kleinen Vorrat in der Hütte angelegt, und dort meine freie Zeit verbracht: Dort, am Ende meiner kleinen Welt, auf der Veranda sitzend, lauschend in die Stille, staunend. Während die großen Bäume die heißen Tage abmilderten, legte sich am Abend ein zarter Friede über den Ort.

Hier, im Garten meiner Urgroßeltern, bin ich zuhause. Die Wolken ziehen, der Wind zieht auf, ein kurzer Schauer erfrischt, die Pappeln wiegen sich im Wind. Vögel zwitschern, Insekten schwirren in der Luft - mir scheint, als würden sich die Geräusche aus der Stille erheben und wieder dorthin zurück gehen. Ich spüre weiches Gras unter den Füßen, rieche den Duft des frisch aufgegossenen Kaffees, höre das Gluckern beim Wasser-Schöpfen. Es ist so lebendig hier.

In der Hütte gibt es einen kleinen Küchenschrank. Daneben steht die alte Holzbank mit aufklappbaren Sitzbänken. Darin sind noch Frisbeescheibe und Boules-Kugeln zu finden, die Schaukeln der Kindheit, Werkzeug und im Winter die Hängematte. Davor steht ein kleiner Holztisch, der früher mit einer Karodecke, passend zu den Vorhängen, bedeckt war.

Im Winter ist die Hütte mit einem Gasofen zu heizen. Die Fenster ermöglichen den Blick auf Schnee und Eiszapfen an den knorrigen Bäumen, der kleine Schreibplatz wirkt wie eine geheimnisvolle Zustimmung.

Hier habe ich mit meiner Familie einen wesentlichen Teil der Kindheit verbracht. Manchmal kamen die Großeltern und winkten schon von weitem. Dann Freundinnen und Freunde, es gab Feste, Zeltwochenenden mit Trommeln und Qi Gong, schlichte Tage, in denen sich der Abendnebel senkte. Und zumeist war es ein Ort, an dem Dasein genügt.

Ich habe meine Verliebten zu dem Zauberort eingeladen - so als ob die Stille meine Ratgeberin und Zeugin wäre. Und sie war es. Konnte jemand das Verweilen inmitten dieser kleinen Hügel nicht ertragen, war es zu wenig inspirierend, zu langweilig, war dieser Mensch auch für mich nicht richtig. Und so sind die Stille und ich immer tiefer zusammengewachsen.

Bis ich eines Tages wusste: die Stille ist mein Zuhause. Sie ist Gewahrsein und Lebendigkeit zugleich.

Heute Nachmittag war ich wieder dort. Es ist Mai, die Natur ist prachtvoll erblüht. Nichts muss sein. Es ist so einfach. 

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