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1. Platz:

Mika Berg

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Top Secret

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Top Secret ist auf den ersten Blick ein naiv anmutender Text über einen kindlichen Ich-Erzähler, der der rätselhaften Herkunft seines Vaters auf den Grund zu gehen versucht. Die Anmutung ist fröhlich und lebensbejahend. Dennoch steckt der Text voller Hinweise, die ein ernstes Thema entfalten: Wir befinden uns in Köln, der Sohn hat eine dunklere Hautfarbe als seine Halbgeschwister, der Vater spricht nicht gut Deutsch. Die Eltern wollen die Kinder nicht belasten und schweigen darum über die Herkunft des Vaters - weshalb die Kinder ihre eigenen Theorien spinnen. Vielleicht ist er ein Kojote? Aus dem Meer gekommen? …? Das sind keine willkürlichen Ideen; der Kojote spricht auf afrikanische Trickster-Mythen an, eine Flucht übers Meer wird impliziert, ...

Worauf die Kinder sich schließlich einigen: Der Vater ist ein Alien. Ein Fremder. Für die Kinder ist das nicht beängstigend - es ist ein spannendes Rätsel.

Der Text besticht durch seine Leichtfüßigkeit und seinen Optimismus. Er ist realistisch und politisch aktuell, ohne auch nur einen Moment lang aus der kindlichen Perspektive zu fallen oder zu moralisieren. Eine reife Leistung.


Top Secret

Meine Geschwister und ich lieben Geheimnisse. Das ist auch gut so, denn in unserer Familie gibt es jede Menge davon. Ein besonders geheimes Geheimnis hat mit Papa und seiner Heimat zu tun. Aber auch mit mir, weil ich sein leiblicher Sohn bin. Mit meinen Geschwistern ist er eigentlich nur befreundet.

Ich bin der Jüngste und habe Papa’s geniale Haare geerbt. Sie stehen nach allen Seiten vom Kopf ab. Deshalb muss ich mich nie kämmen. Wenn mein Bruder Frederik mich ärgern will, sagt er „Schaumrübe“ zu mir. Er bewegt dann eine Hand über dem Kopf und gibt ein zischendes Geräusch von sich, als ob er sich Haare aufsprüht und ich renne sofort zum Kühlschrank und komme mit dem Ziegenkäse zurück um zu beweisen, wie käsebleich seine Haut ist.

Wir leben in Köln. Nur mein Vater ist nicht von hier. Das merkt man daran, dass er nicht gut deutsch spricht. Manchmal ist das peinlich. Mama sagte, dass er seine Heimat nicht freiwillig verlassen hat. Genaueres wollte sie uns erst später erzählen, angeblich um uns nicht zu belasten. Aber wir hatten unsere eigenen Vermutungen.

„Papa ist ein Kojote“, sagte meine Schwester Isabel, „er ist der Sohn des Kojotenkönigs, der von einer Elster hierher verschleppt wurde.“

„Nein, Papa stammt aus dem Meer. Wie hätte er sonst Mama treffen sollen?“, sagte Frederik. Er schwört darauf, dass meine Mutter eine verwunschene Meerjungfrau ist. Sie trägt nämlich riesige Perlenohrringe und liegt stundenlang in der Badewanne, außerdem hat sie viel längeres Haar als andere Mütter. Aber ich befürchte, sie ist nur ein verzauberter Krebs.

„Quatsch, Papa stammt aus dem Urwald, er schleicht nachts durchs Haus und kann brüllen wie ein Tiger“, sagte Viktoria. „Eigentlich brüllt doch nur Mama“, sagte ich.

„Das ist bei Tigern so“, erklärte Viktoria.

„Ein Tiger hat Streifen“, warf Frederik ein „Papa ist nur gestreift, wenn er sein blauweißes Sweatshirt trägt.“

Egal wie lange wir diskutierten, wir kamen zu keinem Ergebnis. Dann hatte Isabel die Idee mit dem Globus. Sie behauptete, dass wir ein Kribbeln in den Fingern spüren könnten, wenn wir Papa’s Heimatland berühren würden. Aber bei meinen Geschwistern kribbelten die Fingerspitzen nie und bei mir kribbelte es dauernd. Keiner von uns wusste, was das zu bedeuten hatte. Kam Papa von überall her oder von nirgends?

Eines Tages rief mir ein Junge auf der Straße hinterher: „Dein Vater ist ein Bimbo, dein Vater ist ein Bimbo und du bist auch ein Bimbo“.

Obwohl es gemein klang, nahm ich mir vor, diesem Hinweis nachzugehen. Ich verbrachte viele Stunden alleine im Wohnzimmer mit dem Globus. Dann fand ich die Lösung: Papa ist ein Außerirdischer. Auf dem Globus war Bimbonien jedenfalls nicht zu finden und Bimboland gab es auch nicht.

Je mehr Fakten ich zusammentrug, um so klarer wurde mir, dass Papa wegen Treibstoffmangel mit seinem Raumschiff auf der Erde notlanden musste. Bestimmt wollte er bald mit uns zusammen zurückzufliegen und mit einem Laserschwert sein Land befreien. „Mein Vater ist ein Held und in meinen Adern fließt auch außerirdisches Heldenblut“, dachte ich. Ich fühlte mich sehr stolz und nahm mir vor, Papa beim Abendessen ein Zeichen zu geben, dass ich sein Geheimnis gelüftet hatte.

Als wir am Tisch saßen, sah ich ihm in die Augen und sagte: „Miep, Miep“. Das war der einzige Satz, den ich fehlerfrei auf außerirdisch sagen konnte, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeutete. Aber ich hatte im Fernsehen gesehen, dass Außerirdische so miteinander sprachen.

Sie hüpften auf und ab und wackelten mit den kurzen Antennen auf ihrem Kopf. „Miep“ konnte in keinem Fall eine Beleidigung sein. Um eine Antenne anzudeuten und um zu beweisen, dass ich wusste, was hier vorging, hielt ich meine Gabel neben das rechte Ohr.

Papa sah mich verdutzt an. Dann lachte er und antwortete mir mit: „Miep, Miep“. Ich war begeistert. Erstens hatte ich das Außerirdische korrekt ausgesprochen und zweitens hatte ich etwas Lustiges gesagt, denn mein Vater lachte. Das kam selten vor. Ich wiederholte das „Miep, Miep“ und drehte die Gabel neben meinem Ohr hin und her. Papa nahm auch seine Gabel. Er begann, sich damit in den Haaren zu kratzen und dehnte sein nächstes „Miep“ lange aus.

Am Tisch war es still geworden. Frederik hatte sogar aufgehört zu kauen. Seine Backe sah so dick aus wie von einem Eichhörnchen im Herbst. Alle waren sprachlos, weil ich mit acht Jahren akzentfrei außerirdisch sprach. Natürlich werde ich niemandem erzählen, dass ich nicht weiß, was „Miep, Miep“ bedeutet. Geheimnisse haben in unserer Familie schließlich eine lange Tradition.

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