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2. Platz:

Mona Hobelmann

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Verlaufen

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Wenn man sich verläuft, zückt man das Smartphone, sagt kurz Bescheid und bleibt in Kontakt. Angst, Sorge, Hilflosigkeit - all das ist heute nicht mehr nötig. Wirklich eine Erleichterung, oder?

Im Jahr 1980 war das noch anders. Im ersten Teil von Verlaufen vermittelt Mona Hobelmann die Intensität der Gefühle, die damals dazu gehörten. Nicht die Angst, dass man selbst verloren gehen könnte, steht dabei an erster Stelle, sondern das Mitgefühl mit der Mutter, die sich sorgt.

Der zweite Teil des Textes springt in die Gegenwart und schildert dieselbe Situation. Es braucht dafür nur wenige Worte, und das Ganze ist jetzt vollkommen schmerzlos.

Durch die schlichte Gegenüberstellung desselben Vorgangs im Jahr 1980/heute wird der emotionale Kontrast deutlich. Dazu trägt auch die grafische Gestaltung des zweiten Textteils als Messenger-Konversation bei.

Obwohl alles heute so viel einfacher ist, bleibt beim Lesen das deutliche Gefühl zurück, dass dabei vielleicht etwas Wesentliches auf der Strecke geblieben ist.


Verlaufen

Ich stand in dieser Telefonzelle und wusste, dass ich noch nie in meinem Leben so traurig und gleichzeitig so wütend gewesen war - eine Gefühlskombination, die ungleich schwerer auszuhalten war als ihre Einzelkomponenten. Als hätten sich diese in ihrer Gefühlslast potenziert, in dem Moment, in dem sie aufeinandertrafen.

Ich wusste, dass es die Not meiner Mutter war, die ich litt. Das jedoch schmälerte diese Not, diese Traurigkeit in keinster Weise, nahm ihr nichts von ihrer Berechtigung.

Natürlich, wir hatten uns „nur“ verlaufen; es war uns nichts passiert. Das wusste aber meine Mutter nicht. Deshalb konnte ich dieses „Nur“ nicht fühlen.

Ich wusste nur, dass Mama bereits seit zwei Stunden am vereinbarten Treffpunkt saß. Sie würde dasitzen und sich den Kopf zerbrechen, was uns Kindern und ihrem Mann zugestoßen sein mochte: „Haben sie sich verlaufen? Ist jemand von ihnen verletzt und sie können keine Hilfe bekommen?“

Ich sah es direkt vor mir: Immer wieder starrte Mama auf ihre Uhr. Immer wieder stand sie von ihrer Bank auf und schaute, ob sie in der Ferne nicht doch jemanden sehen konnte. Immer wieder schüttelte sie ratlos den Kopf. Und sie weinte, auch das war mir klar. Und nun wurde es auch noch dunkel ...

Auf einmal hatten wir die Zeichen nicht mehr finden können, denen wir auf unserer Wanderung auf dem Bardorfer Burgenweg den ganzen Tag gefolgt waren. Wir waren umgekehrt, um neu zu suchen, doch ohne Erfolg. Immer wieder hatten wir neue Abzweigungen ausprobiert, nichts. Mein Vater ließ sich seine Sorgen nicht anmerken. Wie konnte er auch, er, der vier Kinder im Schlepptau hatte, zwei eigene Töchter und zwei Nichten. Er wurde nur weniger gesprächig, was an sich schon besorgniserregend war. Irgendwie hatten wir Westhausen irgendwann schließlich doch gefunden, waren jedoch von einer ganz anderen Seite in den Ort gekommen als geplant. Von hier war es noch weit zum eigentlichen Treffpunkt. Zu weit. Wir waren schon viel zu lange gelaufen, waren hungrig und durstig, die Füße taten uns weh. Ich weiß auch nicht, ob mein Vater den Weg dorthin überhaupt kannte. Wahrscheinlich nicht.

Ich war so traurig, so hilflos, so machtlos. Und dann kam die Wut dazu: Hatten doch Nina, meine Schwester, und meine Cousine Christa nichts Besseres zu tun, als albern kichernd und feixend vor der Telefonzelle zu stehen und sich über meine Tränen lustig zu machen. Sie waren so viel älter als ich und hatten nichts verstanden, gar nichts! Gut, dass Sonja da war, meine gleichaltrige Cousine. Sonja verstand alles. Sie weinte auch.

Papa versuchte, Christas und Sonjas Eltern zu erreichen, damit die zu Mama fahren konnten, um ihr zu berichten, was geschehen war und uns dann abzuholen.

„Hallo Petra, hier ist Onkel Hermann. Ist dein Papa da?“

- Pause -

„Nein?“ Das durfte nicht sein! Nur unsere Cousine war am Telefon. Die konnte doch auch nicht helfen!

„Weißt du, wo Papa und Mama sind? ... Ach so, bei Hettlichs.“ Papas Stimme wurde außergewöhnlich ernst (Er kannte Mama ja schließlich auch!): „Petra, du musst mir unbedingt deren Telefonnummer geben, wir haben uns verlaufen!“ … „1427, alles klar, danke Petra!“ Petra konnte also doch helfen, wenigstens ein bisschen.

Ein neuer Anruf. Neue Hoffnung, neue Ängste. Was, wenn niemand abnähme? Konnte Papa denn nicht schneller wählen?

0 ... prrr ... 5 ... prrr ... Neun elende Zahlen lang ein viel zu langsames Drehen bis zum Anschlag und das unerträgliche Zurücksurren der Wählscheibe ...

„Hallo, Horst, Hermann Schlüter hier, ist Heinz bei dir?“

- Pause -

„Kannst du ihn schnell einmal ans Telefon holen?“

- Pause -

„Hallo, Heinz, Hermann hier …“

Was für eine Erleichterung! Eine erste zumindest.

Ich wusste: Eine halbe Stunde musste ich meine Not nun noch ertragen und Mama sowieso …
Ab hier verblasst die Erinnerung merkwürdigerweise fast komplett. Da ist keine Erinnerung an das Endlichwiedersehen mit meiner Mutter. Es gibt nur noch eine Szene von der Rückfahrt: Der rote Passat meines Onkels und meiner Tante fährt vor uns. Die Cousinen winken von der Rückbank. Mehr nicht.

Eingebrannt ist dieses Dreieck aus tiefer Traurigkeit, wahnsinniger Wut und ungläubigem, uferlosem Unverständnis. Wie konnte man in dieser Situation nicht weinen und traurig sein, sondern sich im Gegenteil sogar lustig machen? Dieses Gefühl ist immer mit dieser Erinnerung verbunden. Oder besser: Die Erinnerung ist dieses Gefühl. Wenig verblasst. Eingebrannt. Da wächst nichts drüber. Eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Farbe meines Lebens.

Verlaufen (2016)

Hermann
Hallo Mia! Wir haben uns verlaufen.
Fahr noch nicht los. Ich melde mich wieder!
18.27

Mia
Oh! Gut, dass ich Bescheid weiß. Viel Glück!
18.30

Mia
Wie sieht es bei euch aus?
19.32

Hermann
Wir haben den Weg immer noch nicht gefunden. Bis später. Kuss!
19.43

Mia
Ich drücke euch die Daumen. Wird ja schon bald dunkel! Kuss!
19.47

Hermann
Haben Westhausen gefunden! Kannst uns an der Kirche abholen.
20.52

Mia
Was für ein Glück! Mache mich sofort auf den Weg!
20.54

Eine Farbe meines Lebens würde fehlen.

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