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3. Platz:

Gudrun Hopert

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Contante

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Contante erzählt vom Verlust der unbeschwerten, spendablen und geliebten Tante Anne aus der Großstadt. Als sie stirbt, ist die Erzählerin erst sechs Jahre alt. Sie beobachtet die trauernden Erwachsenen, schnappt Gespräche auf, macht sich einen Reim darauf. Die Wut der Erzählerin findet Billigung beim Opa, und die Oma ist da, um die Traurigkeit aufzufangen. Doch sie ist nicht bunt und fröhlich, wie die Tante, ihr entströmt die Aura von Küche und Arbeit, und die Tante einer Freundin hat eine Frisur wie ein Rauhaardackel und klobige Schnürschuhe. Ab jetzt ist nicht nur die Tante unwiederbringlich fort, sondern mit ihr auch die kindliche Unbeschwertheit. An ihre Stelle tritt die Erkenntnis, dass Menschen sterben - und damit die Angst.

Die Autorin bearbeitet ein universelles Thema, indem sie tief ins Individuelle eindringt. Sie erklärt nichts, sie zeigt einfach. Der Text lebt von einer genauen Beobachtung des Konkreten, vom Visuellen und andern sinnlichen Eindrücken. Diese Eindrücke haben für die Erzählerin eine starke persönliche Bedeutung, weshalb dieser Text auf kurzer Strecke  Welthaltigkeit entfaltet: Auf gerade mal drei Seiten entsteht eine ganze ländliche Familie samt ihren Marotten, Beziehungen und ihrer Nachbarschaft.


Contante

Ganz und gar großstädtisch in ihrem Kostüm, mit hoch frisierten Haaren, stand sie auf Pfennigabsätzen im groben Kies unseres Hofes. Tante Annes tiefes Lachen kollerte mir entgegen und ihre rot bemalten Lippen schoben sich über kräftigen Zahnreihen auseinander. Lachfältchen von Augen und Mund kräuselten sich an der markanten Nase.

„Mein wildes Lederhosenmädchen!“ Sie zog mich in ihre Arme und der Duft von Veilchen hüllte mich ein. Mit ihren lackierten Fingernägeln kraulte sie über meine Kopfhaut, eine schaurig schöne Gänsehaut durchflutete meinen Körper. Ich genoss ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und strolchte vergnügt ums Auto herum. Tante Anne ließ den Kofferraumdeckel aufschwingen und beugte sich in ihrem engen Rock in die Tiefe hinab. Ihren hin und her schwenkenden Rock-Po vor Augen hörte ich es knistern und rascheln. Stofftiere, Bücher und Spielzeug beförderte sie bei jedem ihrer Besuche zu Tage und beschenkte meine Schwestern und mich großzügig.

Diese wunderbaren Stippvisiten, die viel zu selten unser dörfliches Leben unterbrachen, sollte es nie wieder geben. Zum ersten Mal in meinem sechsjährigen Leben tat sich ein unerklärlicher Abgrund auf. Jemand, den ich liebte, verschwand im Nirgendwo, kehrte nicht zurück. Tante Anne war tot.

Meine Mutter steckte ihre Nasenspitze in ein fadenscheiniges Taschentuch von Opa und schniefte.

„Anne hat alles mit großer Contenance ertragen“, sagte sie zu Oma.

Oma saß auf dem Sofa und schüttelte bekümmert ihren grauen Dutt mit dem silbernen Haarnetz. Mit einem Tuch, benetzt mit Klosterfrau Melissengeist, betupfte sie ihre Stirn, manchmal auch meine. Ich lag zusammengerollt wie ein einsames Katzenkind neben ihr und drückte mein Gesicht in ihren Küchenschürzenschoß. Meinen ausgeweinten Schnodder wischte ich in den Geruch von Sellerie und Zwiebeln.

Ich löste mich aus der tränenschweren Traurigkeit und schlich die Treppe hinunter. Hinter unserem Haus stieg ich die Stufen zum Hühnergehege hinauf, öffnete die Tür und schlüpfte hinein. Das Federvieh beanspruchte einen kleinen Berg für sich, den Hühnerberg. Dort warf ich mich ins hohe Gras, wühlte mir eine Kuhle, kniff die Augen zusammen und blinzelte in den Wolkenhimmel. Eine warme Schäfchenwolke wünschte ich Tante Anne. Sie sollte es gut haben.

Die Hühner trippelten friedlich um mich herum, lüfteten ihr Gefieder und pickten mich frech in die nackten Arme und Beine. Ab und zu ließen sie einen Klacks fallen und gackerten erleichtert. Ihr gedämpftes Gewusel und der Geruch nach Wiese und Heu beruhigten mich. Ich nickte ein und das fremde Dings-Wort summte in meinen Ohren: .Conteranse oder Contante? Rund und weich hatte es meine Mutter ausgesprochen. Genauso rollte es durch meinen Kopf, tröstete mich und vertrieb die Trauerklöße in meinem  Bauch. Das musste etwas ganz Besonderes bedeuten, so besonders wie Tante Anne gewesen war.

„Huhu!“

Ich stützte mich schläfrig auf meine Unterarme und entdeckte Leni. Sie war auf die niedrige Stützmauer geklettert und klammerte sich von außen am Hühnerdraht fest. Herein kommen durfte sie nicht. Ihre Mutter wollte keine Hühnerkacke in der Waschmaschine. Sie drückte ihre Stupsnase und die gespitzten Lippen durch die Drahtlöcher.

Ich sagte: „Tante Anne ist gestorben - mit Contante.“

Sie starrte mich verständnislos an.

„Mit großer Contante“, betonte ich.

Durch ihren drahtumkränzten Mund nuschelte sie:

„Kenn ich, hat meine Tante auch.“

Ihre Tante, mit der Frisur wie ein Rauhaardackel und den klobigen Schnürschuhen, konnte so etwas nicht haben. Auf keinen Fall! Ich sprang auf die Beine, stürzte durch verstört auffliegende Hühner zum Zaun und rüttelte heftig daran. Leni ließ erschrocken los, Mund und Nase ratschten aus dem Drahtgeflecht und sie fiel hinterrücks von der Mauer. Auf der Nase bildeten sich Blut Tröpfchen und auf ihrem Mund war noch das Muster vom Maschendraht zu erkennen. Sie rappelte sich hoch, legte beide Hände auf den Hintern und lief weinend fort.

Binnen kurzem würde Frau Süsskind, Lenis Mutter, auftauchen und ein Mordsgezeter veranstalten. Ich flitzte in den Schuppen und klomm Stufe für Stufe die Leiter zum Hühnerhaus hoch. Wie ein überdimensioniertes Vogelhaus hing es unter dem schräg abfallenden Schuppendach. Durch die Öffnung an der Seite hangelte ich mich in das miefige Halbdunkel hinein und schloss die Luke hinter mir. Die anwesenden Hühner nahmen meine Ankunft gelassen auf und betrachteten mich mit ihren pergamentfarbenen Augen.

Durch das schlierige Fensterkreuz neben der Hühnerleiter erspähte ich die magere Gestalt meines Opas. Er stand an der Stelle, wo Leni heruntergefallen war und schaute, so schien es, mir direkt in die Augen. Mit einem sachten Kopfnicken, die Hände auf dem Rücken seines verschlissenen Alltagshemdes verschränkt, drehte er sich um und schlurfte mit nach vorne gebeugten Schultern davon.

Eine schreckliche Ahnung überrollte mich und mein Herz knüllte sich schmerzhaft zusammen. Was, wenn mein Opa in einer Schäfchenwolke verschwand?

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