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4. Platz:

Sabine Hurni

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Das Bild

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Das Bild beschreibt die Entwicklung einer jungen Malerin von der mechanisch arbeitenden Kunsthandwerkerin hin zur autonomen Künstlerin. Das Handwerk braucht sie, weil sie von den regionalen Motiven, die sie malt, leben muss. Die Kunst ist das, was geschieht, wenn sie der Muse folgt und die Kontrolle aufgibt. Wenn es ums Handwerk geht, malt sie das Bekannte, und immer statische Orte. Als die Kunst sie überfällt, gerät alles in Bewegung: der Pinselstrich, das Motiv, das Fühlen und Denken. Sie beobachtet eine Frau, die ihr Rätsel aufgibt, und malt sie, ohne auch nur einmal auf die Leinwand zu schauen, wie im Rausch.

Was fürs Malen gilt, gilt für jede andere Kunst - also auch fürs Schreiben - und die Autorin beschreibt den Durchbruch einer Erkenntnis: Handwerk ist gut zum Geld verdienen. Es reicht jedoch nicht, um mit einer Kunst glücklich zu werden. Dazu braucht es Momente der Inspiration, die nicht danach fragen, ob sich ein Werk verkaufen lässt.


Das Bild

Noemi klappte den Campingstuhl auseinander, stellte die Staffelei auf und breitete ihre Malfarben aus. Mit einem schmatzenden Geräusch drückte sie einige Farben auf die Farbpalette. Seit dem Kunststudium hatte sie sich täglich morgens auf diese Wiese gesetzt und das Landvogteischloss von Baden gemalt. Es verkaufte sich gut. Noemi hatte auch andere Motive im Angebot, doch die Touristen wollten das Landvogteischloss am Flusslauf der Limmat haben. Noemi hatte dies nie ganz nachvollziehen können, doch es war ihr egal, sie musste von den Erträgen leben, die ihr kleiner Kunstmarktstand einbrachte.

Jetzt, in der Morgensonne, erstrahlte das Schloss in einem mystischen Licht, das Noemi besonders gut gefiel. Monoton rauschend zog die Limmat an ihr vorbei. Sie liebte diesen Fluss, der sie ruhig und gleichzeitig konzentriert arbeiten ließ.

„Vielleicht verkaufen sich die Landvogteischloss-Bilder so gut, weil sie dieses Flussgefühl in sich tragen“, überlegte Noemi und blickte für einen Moment über die rechte Schulter, um das Wasser zu sehen. Als sie sich gerade wieder dem Bild zuwenden wollte, stutzte sie. Am anderen Ufer sah sie eine Frau in rotem Kleid, die dunklen Haare locker im Nacken zusammengebunden. Die Limmat war an dieser Stelle zu breit, um das Gesicht der Frau zu erkennen. Die Frau hielt einen Hut in den Händen, lief suchend hin und her, bückte sich, legte etwas in den Hut. Immer wieder lief sie sternförmig hin und her, ließ sich hinab und hob etwas auf. Noemi sah sich um.

„Was die Frau wohl sammelt?“ Die gelben Johanniskrautblüten oder Blättchen des Wiesensalbeis? Zu gerne hätte Noemi der Frau am anderen Ufer über die Schulter geschaut. Das rote Kleid leuchtete auf der Wiese wie ein Farbtupfer auf Noemis Leinwand. Noemi schob ihre Leinwand kurzerhand zum Fluss hin, drehte ihren Stuhl und begann zu malen. Ihr Blick ruhte auf der Frau. Ein paar Schritte nach rechts, bücken, aufstehen, bücken, strecken, suchen, Schritte nach links. In ruhigen Bewegungen, fast wie in Trance, suchte die Frau das Gras ab.

„Wie alt die Frau wohl ist?“ Vermutlich etwas älter als sie selber, doch die Geschmeidigkeit in ihren Bewegungen ließen sie jung wirken. Der Pinsel wanderte wie von Geisterhand gesteuert über die Leinwand. Noemis Blick war auf die Frau gerichtet. Sie beobachtete die Bewegungen, fing sie mit ihrem Pinsel auf und malte ohne ein einziges Mal auf die Leinwand zu sehen. Fast, als wäre der Pinsel direkt mit Noemis Augen verbunden.

Die Frau am anderen Ufer zog Noemis Aufmerksamkeit immer mehr in Bann. Ihr Pinsel arbeitete flink. Da waren nur noch die Frau, ihr Hut, der Pinsel, die Farben und Noemi, die Beobachterin. Ihr Lehrer an der Kunstschule hatte mal gesagt, dass sie nicht den Stein malen sollten. Sie mussten zum Stein werden, den sie malten. Damals hatte sie den Satz nicht verstanden. Jetzt aber merkte sie, wie sie sich Strich um Strich der Frau näherte. Sie spürte ihre Kraft, sie empfand dieselbe Ruhe und fühlte sich genauso geschmeidig. Sie die Malerin, und die Frau am anderen Ufer waren plötzlich eins. Mit einer Leichtigkeit, die sie so noch nie erlebt hatte, flog ihr Pinsel über die Leinwand. 

Da blieb die Frau plötzlich stehen. Noemi stutzte. Ihr Pinsel hielt inne, ihr Atem stockte und die Zeit stand für einen Moment still. Die Frau winkte Noemi zu.

„Meint sie mich?“, fuhr es ihr durch den Kopf. Noemis Wangen röteten sich leicht. Sie fühlte sich ertappt. Jetzt winkte die Frau nochmals, und setzte, zu Noemis grenzenloser Verwunderung, den Hut auf den Kopf. Nichts fiel runter, der Hut war leer.

„Spinn ich?“, fuhr es Noemi durch den Kopf. „Was hat die denn jetzt die ganze Zeit gesammelt!“ Sie blickte der Frau nach, die sich im roten Kleid langsam entfernte.

Als sie ganz aus Noemis Blickfeld verschwunden war, senkte Noemi den Kopf und betrachtete ihr Bild. Lange verharrten ihre Augen auf der farbigen Leinwand, ihr Herz klopfte erregt. Fast eine Stunde lang hatte sie gemalt und den Blick nie auf die Leinwand gerichtet. Auf dem grünen Hintergrund war ein Wirrwarr an Pinselstrichen. Skizzenartig die Frau, ein Bild voller Kraft und Ausdruck. Nicht gegenständlich wie Noemis Landvogteischlossbilder sondern frei, wild und stark. Es war kein Bild, das sie auf dem Kunstmark den Touristen verkaufen konnte. Nein, es war ein Bild, das aus einer Tiefe ihres Herzens heraus entstanden war und sie fast zu Tränen rührte. Noemi konnte sich keinen Reim machen, was die Frau im roten Kleid wohl gesammelt haben mochte. Aber spielte es eine Rolle? Mit einem Mal wurde Noemi klar, dass Malerei nichts mit Perfektion und wahrheitsgetreuem Abbilden zu tun hatte. Sie musste ihren Bildern einen eigenen Charakter geben, ihnen Leben einhauchen und ihnen eine Kraft geben, die für den Betrachter spürbar war. Die Frau hatte Noemi etwas entlockt. Sie hatte ihre Inspiration beflügelt. Etwas Besseres hätte ihr an diesem Dienstagmorgen nicht passieren können. Glücklich packte Noemi ihre Malutensilien zusammen, legte das feuchte Bild auf den vollgepackten Fahrradanhänger und fuhr ins Stadtzentrum um ihren Kunstmarktstand zu öffnen

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