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5. Platz:

Josefine Kerridge

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Erinnerungen an einen Geliebten

Schreibdebüt-Wettbewerb 2016 Runde 2

Das Urteil der Jury:

Erinnerungen an einen Geliebten ist die Beschreibung eines fast schlafwandlerischen Vorgangs: Eine Frau steht früh morgens auf, zieht sich an, geht nach draußen, gibt sich dem Rauschen der Wellen und der Erinnerung an den Geliebten hin. Das Zwielicht, der Übergang zwischen Nacht- und Tagwelt, war schon immer der Ort, an dem Geister wohnen. Wenn die Sonne aufgeht, verschwinden sie.

Dieser Text vermittelt das Gefühl eines „schmerzlichen Glücks“ - eine Qualität, die die Autoren der Romantik gesucht haben. Die Autorin erreicht die Intensität dadurch, dass Sie fast akribisch den sinnlichen Eindrücken der Erzählerin folgt und außerdem in der Gegenwartsform schreibt. Alles ist Jetzt, es wird nicht vorgegriffen oder erklärt, warum die Frau aufsteht und nach draußen geht. Als Leser folgt man einfach ihrem durch die frühe Stunde gesteigerten Erleben. Man spürt den Drang nach draußen, den Zug, der vom Meer ausgeht, die Sehnsucht. Erst, wenn die Figur ihre Erlösung erlebt – fast schon zum Ende des Textes - erfährt man, dass es um den Geliebten geht. So wird der Text nicht nur intensiv, sondern auch spannend.


Erinnerungen an einen Geliebten

Oft stehe ich noch vor den Möwen auf. Wenn die Nacht noch für wenige Momente schwarz und still ist, bis auf die Brise, die das Schilf nie schlafen lässt. Dann schlage ich behutsam meine Bettdecke zurück und strecke die Zehen nach dem flauschigen Teppich aus. Auf ihm schleiche ich zu dem Schaukelstuhl in der Ecke und streife mir meine Kleider über. Danach trete ich lautlos in den Flur, um nach meinen Sandalen zu tasten. Meine Füße schlüpfen zwischen den Riemen hinein und ich schließe mit gekonnten Bewegungen beide Schnallen, die sich wie zwei Komplizen an meine Knöchel schmiegen. Unbemerkt von der Welt, strecke ich meine Hand nach dem Knauf und drehe ihn langsam, bis ich das metallische Klicken des Schlosses vernehme. Ich öffne die Tür und schreite nach draußen in die nahende Dämmerung. Die umstehenden Häuser liegen noch im Dunkeln, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis der Tag die Nacht verdrängt und sie das Leben in sich wieder freigeben. Aber dann werde ich bereits zurück sein. Als ich meine Schritte fortsetze, registrieren meine Ohren das ihnen so wohlig vertraute Rauschen. Es klingt wie das freundliche Rufen eines alten Freundes, der einen schon aus der Entfernung erkennt und bestätigend die Hand hebt, wohl wissend, dass er derjenige ist nach dem man sucht. Und auf einmal kann ich nicht mehr warten. Von einer plötzlichen Aufregung ergriffen, laufe ich die Treppen in Richtung Strand hinunter. Klatsch, klatsch, hört man die Sohlen meiner Sandalen bei jeder Stufe peitschend gegen meine Fersen schlagen. Die schwüle Luft erwidert es mit einem Echo und trägt es auf seinen Schwingen bis es sich in ihr verliert. Ich halte inne, immer noch bedacht, niemandem außer dem Meer meine Anwesenheit preiszugeben. Ich zügele mein Tempo und ermahne mich zur Geduld. Es sind nur noch ein paar Meter. Ich erreiche die Düne und bleibe stehen. Ich streife mir die Sandalen wieder von den Füßen und meine Zehen versinken zwischen Millionen von Körnern in dem kühlen Sand, der meine Fesseln umspielt. Ich laufe weiter und spüre die sanfte Massage der Steine und Muscheln unter mir. Jetzt ist der Moment endlich da. Meine Lungen entspannen, mein Brustkorb weitet sich, und ich kann tief einatmen. Ich inhaliere die frische Meeresluft mit ihrem salzigen Geruch, bis es mich in der Nase kitzelt. Alles ist so rein, so klar und noch so unverbraucht am Morgen, kurz bevor die Sonne aufgeht. Meine Gedanken sind jetzt leer wie ein weißes Blatt Papier. Ich spüre die Hoffnung und die Liebe und in den Wellen des Meeres erkenne ich dein Gesicht. Deine gütigen Augen, die alles zu vergeben scheinen, weil sie nie angeklagt haben. Ich wünschte, du wärst noch bei mir. Aber du bist schon lange fort. Außer jeden Morgen wenn ich hierher komme. Dann fühle ich dich wieder ganz nah bei mir. Dieser Augenblick gehört nur uns und er macht dich unsterblich für mich. An diesem Ort finde ich dich, und du flüsterst mir zu, dass alles in Ordnung ist und du mich nie verlassen wirst.Doch gleich wird es wieder vorbei sein, wenn die Sonne mir meine Torheit präsentiert. Ich laufe zurück und schlüpfe wieder ins Bett. Die Seite neben mir ist leer, aber morgen Früh komme ich wieder zu dir.

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