X

Infos anfordern

Kostenlos und unverbindlich!
Frau Herr
Bitte füllen Sie alle Pflichtfelder aus.

1. Preis

Tina Ludwig

für "Hahnenkampf"

Urteil der Jury:

Eine befriedigende Rachegeschichte, voll mit starken Eindrücken: Der glänzende Truthahn, das Ticken der Uhr, der Duft der Speisen, der Akzent des Russen. Die Gänsehaut, als der haarige, fette Mann der Köchin an den Hintern fasst, die leergefressenen Servierplatten und das fleckige Tischtuch, … Man hat ein Szenario aus den 50er-Jahren vor Augen, eine gutbürgerliche Wohnung, eine Köchin mit adretter Schürze, die ein perfektes Essen zubereitet. Und dazu drei gar nicht so adrette Männer mit schlechtem Benehmen. Vielleicht sind die Männer Gangster, vielleicht nur Ausgeburten des Wirtschaftswunders. Vielleicht reagiert die Köchin spontan, als sie sich ein für alle Mal von den Männern befreit, vielleicht ist der Coup geplant.

Man erfährt es nicht, und man muss es auch nicht erfahren. Tina Ludwig gelingt ein sinnlich dichter Text, in der Verlockung und Beklemmung intensiv aufeinander prallen. Er ist voll von Konkretem, und die Spannung der Situation kann unmittelbar miterlebt werden. Dabei zieht die Autorin ein Motiv konsequent durch die Zeilen: Die Frau als Huhn, die Männer als Hähne, die wie der Truthahn im Ofen am Ende gebraten werden.

Lesen Sie hier die prämierte Geschichte

2. Preis

Bina Kamm

für "Der Duft von Daheim"

Urteil der Jury:

Bina Kamms Text bezieht seine anfängliche Spannung aus der Ungewissheit: Ein Frau erwacht an einem fremden Ort und kann sich nicht erinnern, wie sie dorthin geraten ist. Ist sie ein Entführungsopfer? Wird sie gefangen gehalten? Wer ist sie, sie erkennt ja nicht mal ihr eigenes Spiegelbild. Was sich einen Moment lang wie der Auftakt zu einer Kriminalgeschichte anfühlt, entpuppt sich als tragische Zeitschleife. Die Autorin beschreibt mit dem ersten und dem letzten Satz einen vollkommenen Kreis: Sie erwachte in einem fremden Zimmer. – Am nächsten Morgen erwachte sie in einem fremden Zimmer.

Die Frau ist alt und lebt in einem Pflegeheim. Ihr Langzeitgedächtnis beschert ihr die Sehnsucht nach Urgroßmutters Zwetschgenkuchen. Doch das Kurzzeitgedächtnis lässt sie im Stich. Bina Kamm streut geschickt erst kleine und dann immer deutlichere Hinweise, die es dem Leser erlauben, die Situation zu verstehen, während die alte Frau sie niemals begreifen kann. Man erlebt dabei nicht nur einen Aha-Effekt, sondern kann sich ein kleines bisschen in ein Lebensende einfühlen, das so alltäglich und dennoch eigentlich unvorstellbar ist.

Lesen Sie hier die prämierte Geschichte

3. Preis

Elena Kairos

für "Nächstenliebe"

Urteil der Jury:

In diesem Text prallen das Gebot der Nächstenliebe auf psychische Grausamkeit und subtile Machtausübung. Zwei junge Schwesternschülerinnen, unerfahren und ihrer dienstvorsitzenden Nonne ängstlich ergeben, machen früh morgens im Krankenhaus die Betten der Patientinnen. Eine Frau hat in der Nacht einen Fötus geboren, der jetzt tot zwischen ihren Beinen liegt. Das Bild ist schockierend, und die Angst der jungen Frau, den Schwesterschülerinnen zu zeigen, was geschehen ist, wirkt beklemmend und traurig. Grausamer jedoch zeichnet Elena Kairos die diensthabende Nonne in ihrer ruhigen, kalten Art, wenn sie befiehlt, die junge Frau in ihrem Blut und ihrer Schmach liegen zu lassen. Die Autorin siedelt diese Geschichte im Jahr 1974 an, Abtreibung ist illegal, und Frauen greifen aus Verzweiflung auf lebensgefährliche Methoden zurück. Elena Kairos zeigt nicht nur, wie es ‚damals‘ war, der Text fordert auch Antworten: Allein in ihrem Zimmer fragt die Schwesternschülerin Gott nach dem Gebot zu helfen. Von oben kommt keine Antwort, und die Stärke des Textes liegt vor allem darin, dass sie dem Leser überlassen bleibt.

Lesen Sie hier die prämierte Geschichte

4. Preis

Charlie Sternennacht

für "Hades 9/11"

Urteil der Jury:

Die Autorin steigt mit einer Flussreise in den Hades, das griechische Totenreich in den Text ein. Die Erzählerin ist dabei, zu sterben. Das tut zunächst nicht weh, und alles ist sehr idyllisch und ähnelt bekannten Nahtoderfahrungen. Die Idylle kippt jedoch, als die Erzählerin sich zu erinnern beginnt, was geschehen ist: Die Anschläge vom 11. September. Jetzt sind da Schmerz, Feuer, Lärm, Kerosingestank und Notarztsirenen. Die Erzählerin wird gerettet und kehrt ins Leben zurück. Sie hat jedoch ihr Baby verloren.

Das Besondere an diesem Text ist die Art, wie Charlie Sternennacht Realität und Fantasie ineinanderfließen lässt. Das Erleben der Anschläge wirkt ebenso surreal, wie die Flussfahrt ins Totenreich, und man spürt: Weder das Sterben noch ein Ereignis wie 9/11 sind mit rationalem Verstand zu fassen. Es braucht eine Umsetzung in teils irreale Bilder, um der Erfahrung überhaupt nahe zu kommen.

Lesen Sie hier die prämierte Geschichte

5. Preis

Angelika Lanbin

für "Die Voodoo-Maske"

Urteil der Jury:

Angelika Lanbin gelingt ein trotz der potenziell unheilvollen Situation leichter und lockerer Text um das Spiel mit dem Feuer: Elli hat in Afrika eine Voodoo-Maske und eine Anleitung für das zugehörige Ritual erstanden. Sie hat jedoch keine Ahnung, was diese Maske angeblich bewirken soll, also tut sie zunächst nichts. Doch Alpträume quälen sie, bis sie bereit ist, das Wagnis einzugehen und das Ritual zu vollziehen – nur, damit ihr Unterbewusstsein sie endlich damit in Ruhe lässt.

Zunächst scheint die Erwartung des Grauens bestätigt, denn nach dem Vollzug des Rituals hört Elli in ihrer Wohnung eine fremde, dunkle Stimme, die nach ihr ruft.

Die Auflösung ist dann ebenso heiter wie vielversprechend: Es ist Ellis Hund, der gesprochen hat. Die Maske befähigt ihren Träger, mit Tieren zu sprechen. In diesem Fall: Ellis Haustiere, die nichts Gefährlicheres im Sinn haben als Fressen und Spielen.

Die Autorin etabliert mit dieser Szene eine Situation, die man gut als Auftakt zu einer längeren Erzählung verstehen und weiter ausspinnen könnte; sie kann aber auch ebenso gut für sich allein stehen.

Lesen Sie hier die prämierte Geschichte