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1. Platz:

Tina Ludwig

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Hahnenkampf

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Eine befriedigende Rachegeschichte, voll mit starken Eindrücken: Der glänzende Truthahn, das Ticken der Uhr, der Duft der Speisen, der Akzent des Russen. Die Gänsehaut, als der haarige, fette Mann der Köchin an den Hintern fasst, die leergefressenen Servierplatten und das fleckige Tischtuch, … Man hat ein Szenario aus den 50er-Jahren vor Augen, eine gutbürgerliche Wohnung, eine Köchin mit adretter Schürze, die ein perfektes Essen zubereitet. Und dazu drei gar nicht so adrette Männer mit schlechtem Benehmen. Vielleicht sind die Männer Gangster, vielleicht nur Ausgeburten des Wirtschaftswunders. Vielleicht reagiert die Köchin spontan, als sie sich ein für alle Mal von den Männern befreit, vielleicht ist der Coup geplant.

Man erfährt es nicht, und man muss es auch nicht erfahren. Tina Ludwig gelingt ein sinnlich dichter Text, in der Verlockung und Beklemmung intensiv aufeinander prallen. Er ist voll von Konkretem, und die Spannung der Situation kann unmittelbar miterlebt werden. Dabei zieht die Autorin ein Motiv konsequent durch die Zeilen: Die Frau als Huhn, die Männer als Hähne, die wie der Truthahn im Ofen am Ende gebraten werden.


Hahnenkampf

Die Backofenuhr schnurrte, während der Truthahn bei genau 175 Grad zum Festschmaus heran garte. Das bedächtige Tick, Tack verschmolz mit ihrem gleichmäßigen Herzschlag. Regungslos beobachtete sie den Vogel durch die Scheibe hindurch. Seine Haut brutzelte sichtbar unter der Hitze und reifte mit jeder Minute weiter zur goldbraun knusprigen Perfektion. Das strenge Surren der Uhr ließ sie aufsehen. Unauffällig fuhr sie mit den feuchten Händen an der weißen Schürze entlang und strich dann vorsichtig das darunter liegende Kleid glatt. Ihre Absätze klackten auf dem Fliesenboden als sie zum Herd schritt und nach einem der Töpfe griff. Sie stöckelte zurück und öffnete die Backofentür, wobei ihr die Hitze, mit der ihr Vogel nun schon seit Stunden kämpfte, entgegenschlug und ihre Wangen rosa einfärbte.

Als sie die Mischung aus geschmolzener Butter und Weißwein gleichmäßig auf die gebackene Truthahnhaut tröpfelte, zischte diese erschrocken auf und verwandelte sich dann in ein goldbraun glänzendes Wunderwerk. Zufrieden lächelnd stellte sie den Topf zurück auf den Herd und verschloss die Backofentür für weitere 30 Minuten.

„Mmmh. Leckeres Teilchen!“ Einer der Männer grunzte lachend auf. Sie spürte die Blicke der Runde in ihrem Rücken und widerstand dem Drang sichtbar zusammenzufahren.

Sie drehte sich um, legte die Hände auf Bauchnabelhöhe ineinander und lächelte den Mann an. Er war massig. Sein fetter Kopf saß fast übergangslos auf seinem fetten Körper. Auf dem Schädel trug er kaum Haare, überall anders lächerlich viele. Die schwarze Krause hatte jede Stelle seines Körpers aufgesucht und erobert - seinen im grellen Licht der Deckenlampe glänzenden Kahlkopf hatte sie dabei achtlos seinem Schicksal überlassen.

„Danke sehr. Wenn Sie möchten, können Sie alle sich ins Esszimmer begeben, das Essen wird in einer halben Stunde serviert“, antwortete sie höflich.

„Das Essen habe ich aber gar nicht gemeint, Kleines.“ Er zwinkerte.

Am Tisch brach freudiges Gepolter los. Die leeren Weinflaschen klirrten scharf aneinander, als der hakennäsige Mann neben ihm mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und mit osteuropäischem Akzent gebrochen zu ihr sprach.

„Meint er dich, du kleines Hühnchen“, sagte er, wobei das „Hühnchen“ eher klang wie „Hihnchen“ und er selbst am lautesten über seinen Witz gackerte.

Sie spürte, dass ihr Lächeln auf dem Weg zu ihren Augen verebbte. Es lag schief auf ihrem Gesicht, als sie zum Küchentisch schritt und nach den Flaschen griff. Aus dem Augenwinkel nahm sie verschwommen wahr, wie der Pelzige seinen Arm ausstreckte. Eine Sekunde später konnte sie seine Pranke auf ihrem unteren Rücken spüren. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus und kribbelte auf ihrer tauben Kopfhaut.

„Ich wette deine Schenkelchen sind genauso schmackhaft“, sagte er jetzt. Seine Hand wanderte tiefer, seine Berührung wurde fordernder. Ihr Blick löste sich von der Tischplatte und heftete sich eindringlich an die Augen ihres Mannes, der mit verschränkten Armen an der gegenüberliegenden Seite des Tisches thronte. Er erwiderte ihren Blick nicht minder intensiv, dann grinste er.

„Die Wette gewinnst du“, sagte er schlicht.

Wieder hob alkoholgetränktes Gelächter an. Der Russe gackerte. Auch in ihrem Kopf begann es zu tosen. Für ein paar Sekunden erstarrte sie. Für ein paar Sekunden stand sie einfach nur da und gab sich dem Chaos hin.

Dann, ganz plötzlich, zog wieder Friede in ihr ein.

Sie straffte die Schultern und lächelte, kleine Fältchen umspielten ihre Augen. Als sie wieder anfing zu atmen, durchspülte sie der Duft des Truthahns so heftig, dass sie ihn fast auf der Zunge schmecken konnte.

„Sie machen es sich jetzt im Esszimmer bequem und ich kümmere mich um das Abendessen“, sagte sie freundlich, aber bestimmt.

„… und natürlich um den Nachschub“, ergänzte sie mit Blick auf die leeren Flaschen in ihren Händen und zwinkerte. Die Männer grölten und klatschten nun wieder und verließen die Küche, während sie eiligen Schrittes davon stöckelte.

Der Truthahn war außen kross und innen saftig gewesen, der Bohnenauflauf genauso schmackhaft wie der Pfirsich Pie zum Nachtisch. Wie die Heuschrecken waren sie über die Platten hergezogen und hatten nichts als kalte Reste übrig gelassen. Es war ihr bestes Werk- und ihr letztes.

Voll gefressen hingen die Männer in ihren Stühlen, die Arme baumelten leblos an ihnen herab. Die Weingläser hatten sie zügigen Schluckes geleert, der Wodka floss in ihren Adern und durchtränkte das fleckige Tischtuch. Jetzt ließen die im Mörser sorgfältig zerstößelten Schlaftabletten auch sie endlich erstarren.

Sie gab ihrem Mann einen seichten Kuss auf die Stirn und trat zurück. Mit einem beherzten Ruck ließ sie das rote Ende des Streichholzes an der Reibefläche entlang schnellen. Der Zündkopf flammte zischend auf.

„Wer ist jetzt das Hühnchen?“, fragte sie höflich.

Wenn die Haut der Männer den perfekten Goldbraunton erreicht haben würde, wäre sie schon über alle Berge.

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