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2. Platz:

Bina Kamm

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Der Duft von Daheim

Schreibdebüt-Wettbewerb-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Bina Kamms Text bezieht seine anfängliche Spannung aus der Ungewissheit: Ein Frau erwacht an einem fremden Ort und kann sich nicht erinnern, wie sie dorthin geraten ist. Ist sie ein Entführungsopfer? Wird sie gefangen gehalten? Wer ist sie, sie erkennt ja nicht mal ihr eigenes Spiegelbild. Was sich einen Moment lang wie der Auftakt zu einer Kriminalgeschichte anfühlt, entpuppt sich als tragische Zeitschleife. Die Autorin beschreibt mit dem ersten und dem letzten Satz einen vollkommenen Kreis: Sie erwachte in einem fremden Zimmer. – Am nächsten Morgen erwachte sie in einem fremden Zimmer.

Die Frau ist alt und lebt in einem Pflegeheim. Ihr Langzeitgedächtnis beschert ihr die Sehnsucht nach Urgroßmutters Zwetschgenkuchen. Doch das Kurzzeitgedächtnis lässt sie im Stich. Bina Kamm streut geschickt erst kleine und dann immer deutlichere Hinweise, die es dem Leser erlauben, die Situation zu verstehen, während die alte Frau sie niemals begreifen kann. Man erlebt dabei nicht nur einen Aha-Effekt, sondern kann sich ein kleines bisschen in ein Lebensende einfühlen, das so alltäglich und dennoch eigentlich unvorstellbar ist.


Der Duft von Daheim

Sie erwachte in einem fremden Zimmer.

Verschlafen blickte sie durch den Raum. Sie lag bekleidet in einem Bett, das nicht ihr gehörte. Der Geruch nach altem Schweiß ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Angewidert stellte sie fest, dass der Gestank von ihr selbst stammte.

Sie schlug die Bettdecke zurück und erhob sich mühsam. Sie fragte sich, wie sie hier hergekommen war.

Barfuß schlurfte sie zum Fenster und schaute hinaus. Der eingezäunte Garten mit seinen Hochbeeten, in denen die farbenprächtigsten Gerbera gepflanzt waren, war nicht der ihrige.

Verwirrt drehte sie sich um die eigene Achse. Sie sah in einen Spiegel, den sie nicht als solchen erkannte. Sich selbst beäugend überlegte sie, wer diese Frau war, die plötzlich in ihrem Zimmer stand. Ein trauriger Ausdruck zeichnete das Gesicht der Fremden. Sie zwang sich, den Blick abzuwenden, denn dieses Starren ängstigte sie.

Neben dem Spiegel hing ein Bild, auf dem sie sich als junge Frau erkannte. Die Situation wurde ihr immer unheimlicher. Ihre Hände wurden feucht, ihr Atem beschleunigte sich. Panik wollte sie übermannen. Unbehaglich knetete sie ihre Hände, als könne sie dadurch etwas Zeit gewinnen, um diese Misere zu verstehen.

Da entdeckte sie eine Zeichnung, auf der ein Mädchen in Badebekleidung einen kleinen Jungen an der Hand festhielt. Beide blickten lächelnd auf einen See, in dem sich viele Badegäste tummelten.

Sie trat näher heran, um den Schriftzug darunter zu entziffern. Sie versuchte es mehrere Male, bis sie die einzelnen Buchstaben zu sinnvollen Worten zusammengesetzt hatte.

„Pack die Badehose ein, 1950, Cornelia Froboess“, murmelte sie in den stillen Raum hinein. Sie wusste nicht, ob sie selbst diese Cornelia war. Jedoch kam ihr eine Melodie in den Sinn, die sie leise summte. Ein Gedanke formte sich, ohne dass sie ihn greifen konnte. Sie musste unwillkürlich an ihre Urgroßmutter denken - Josepha. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit Josepha gemeinsam dieses Lied gesungen hatte. Sie war selbst noch ein Kind gewesen, da hatte die Urgroßmutter ihr unter dem alten Zwetschgenbaum die tollsten Geschichten erzählt. Zusammen hatten sie dem Summen und Brummen der Wespen und Fliegen gelauscht, die sich am Fallobst bedienten. Später hatten sie Früchte gesammelt und sie hatte Josepha dabei zugeschaut, wenn sie die Zwetschgen mit ihren krummen Fingern entsteinte. Im Anschluss hatten sie das Obst auf einem Blech mit Teig verteilt. Das ganze Haus hatte nach frischer Hefe und Zwetschgen geduftet, so dass sie es kaum hatte erwarten können, ein Stück des Kuchens mit reichlich Sahne zu kosten. Dies war der Duft von Daheim. Der Mief dieses kleinen fremden Zimmers roch nicht nach ihrer Heimat.

Eine junge Frau betrat den Raum.

„Guten Tag Barbara. Sie sind ja schon aufgestanden.“

Barbara - sie erinnerte sich daran, dass sie früher so gerufen wurde. Sie hatte es vergessen.

Die Frau zog Barbara die Pantoffeln an und führte sie in einen Raum, in dem alte Menschen um einen großen Tisch herum saßen.

Barbara ließ sich auf einem freien Stuhl nieder. Keines der Gesichter kam ihr bekannt vor, doch sie ließ sich ihre Unkenntnis nicht anmerken.

Jemand stellte ihr ein Stück Erdbeerboden hin. Enttäuscht konstatierte sie, dass sie lieber Zwetschgenkuchen gegessen hätte. Wieso sie sich ausgerechnet diesen Kuchen wünschte, wusste sie nicht mehr.

Als Barbara am Abend ins Bett gebracht wurde, hatte sie die Ereignisse des Nachmittags vergessen. Der Geruch ihrer Bettdecke kam ihr seltsam fremd vor. Es war ihr zu unangenehm, das Mädchen danach zu fragen, das ihr ins Bett half. Unruhig schlief Barbara an diesem Abend ein.Am nächsten Morgen erwachte sie in einem fremden Zimmer.

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