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3. Platz:

Elena Kairos

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Nächstenliebe

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

In diesem Text prallen das Gebot der Nächstenliebe auf psychische Grausamkeit und subtile Machtausübung. Zwei junge Schwesternschülerinnen, unerfahren und ihrer dienstvorsitzenden Nonne ängstlich ergeben, machen früh morgens im Krankenhaus die Betten der Patientinnen. Eine Frau hat in der Nacht einen Fötus geboren, der jetzt tot zwischen ihren Beinen liegt. Das Bild ist schockierend, und die Angst der jungen Frau, den Schwesterschülerinnen zu zeigen, was geschehen ist, wirkt beklemmend und traurig. Grausamer jedoch zeichnet Elena Kairos die diensthabende Nonne in ihrer ruhigen, kalten Art, wenn sie befiehlt, die junge Frau in ihrem Blut und ihrer Schmach liegen zu lassen. Die Autorin siedelt diese Geschichte im Jahr 1974 an, Abtreibung ist illegal, und Frauen greifen aus Verzweiflung auf lebensgefährliche Methoden zurück. Elena Kairos zeigt nicht nur, wie es ‚damals‘ war, der Text fordert auch Antworten: Allein in ihrem Zimmer fragt die Schwesternschülerin Gott nach dem Gebot zu helfen. Von oben kommt keine Antwort, und die Stärke des Textes liegt vor allem darin, dass sie dem Leser überlassen bleibt.


Nächstenliebe

Ich begegnete Schwester Benedicta das erste Mal an einem frühen, kühlen Morgen im September 1974 als sie den langen Flur des Hospitals entlang schritt. Es roch nach Desinfektionsmittel und in Bauchnabelhöhe waren dunkle Abschabungen an den Wänden zu erkennen, genau dort, wo die Patientenliegen gewöhnlich anlehnten. Die Nonne blickte mir ausdruckslos entgegen und verschwand flugs ohne Erwiderung meines freundlichen Grußes in einem der zahlreichen Krankenzimmer. 
Erst einige Zeit später wurde mir bewusst, dass sie mich damals sicher bemerkt, aber absichtlich ignoriert hatte. Zu diesem Zeitpunkt erkannte ich nicht, dass diese bewusst gesetzte Unhöflichkeit der Beginn unserer Beziehung von Machtausübung und erwartetem Gehorsam war.

Schwesternschülerin Thekla und ich befanden uns beide im ersten Ausbildungsjahr zur Krankenschwester. Wir traten im September auf der gynäkologischen Station des Hospitals unter der Stationsleitung von Schwester Benedicta unseren ersten Frühdienst an. Sie ordnete an, Hilfe zur Körperpflege zu leisten und die Betten zu richten. Thekla und ich arbeiteten uns zügig voran, wir waren gewohnt schweigsam zusammen zu arbeiten. Ich liebte diese Stille, die Automatik der Handgriffe beim Bettenbeziehen, den ungestörten Fluss unserer Tätigkeit. Die Zeit schien still zu stehen, während die Arbeit voranschritt.

Als ich an die Tür des Krankenzimmers Nr.14 klopfte, erhielten wir keine Antwort. Vorsichtig und fast lautlos drückte ich die Türklinke herunter.

Thekla und ich betraten das im rötlichen Dämmerlicht liegende Zimmer. Im Bett lag eine sehr junge Frau mit nass geschwitzen, wirren Haaren. Sobald sie uns wahrgenommen hatte, riss sie ihre verweinten Augen angstvoll auf und zog die dezent gestreifte Zudecke mit ihren beiden Händen unter ihr Kinn hoch.

„Guten Morgen“, sagte ich. „Wir wollen Ihr Bett machen. Können Sie aufstehen?“

Die  Patientin schüttelte stumm ihren Kopf und starrte uns an.

„Wir helfen Ihnen!“ sagte Thekla und fasste sich einen der beiden unteren Zipfel der Zudecke.

„Nein, nicht!“ flüsterte die Patientin.

Thekla und ich rollten die Bettdecke von unten nach oben auf. Zuerst  wurden die Zehen der jungen Frau sichtbar, die Nägel waren dunkelorange lackiert, dann die leicht behaarten Schienbeine, zuletzt gingen ihre Knie in ihre weit gespreizten nackten Oberschenkel über. Da lag etwas zwischen ihren Beinen. Es war schleimig-weiß und blutig. Die Patientin schloss ihre Augen.

Durch die große Glasscheibe, die Flur und Schwesternzimmer verband, konnten Thekla und ich Schwester Benedicta sehen. Sie beugte sich kon-zentriert über Krankenakten und blickte nur flüchtig auf, als wir den Raum betraten.

Ich sprach sie an:

„In 14, die Patientin, da liegt etwas bei ihr unter der Decke. Sie wollte nicht aufstehen!“

Schwester Benedicta schaute Thekla und mich streng an.

„Das ist ein Abort. Die Nachtschwester hat es mir bei der Übergabe gesagt. Sie hat versucht, abzutreiben. Lassen wir sie noch eine Weile mit ihrem Kind allein. So fühlt sie, was sie getan hat. Macht euren Dienst weiter, ihr braucht euch um nichts weiter zu kümmern. Zur rechten Zeit sage ich dem diensthabenden Arzt Bescheid“.

Mit diesen Sätzen ging Schwester Benedicta aus dem Schwesternzimmer und ließ uns mit unseren Fragen allein. Wir wussten, dass sie niemals ein lautes Wort verlor und nicht nur ihre Haare, sondern auch ihre Gefühle unter ihrem schwarzen Schleier verbarg. Der Anweisung, uns um nichts zu kümmern und unseren Dienst weiter zu versehen kamen wir stillschweigend nach.

Am späten Nachmittag dieses Tages legte ich mich müde auf mein Bett in meinem kleinen Zimmer im Schwesternwohnheim. Ich wollte ein wenig dösen und beobachtete träge wie ein Sonnenstrahl durch das geöffnete Fenster das Kruzifix über der Tür berührte. Mir war, als würde ich den gekreuzigten Christus das erste Mal in meinem Leben sehen.

„Die Patientin hätte verbluten können“, dachte ich. „Schwester Benedicta wollte nicht nur die Patientin strafen, sondern auch Thekla und mich einnorden. Sie hat uns mit Genuss auflaufen lassen. Sie ist kalt und hart. Ich vertraue ihr nicht“.

Weiterhin betrachtete ich das Kreuz. „Und was ist mit Pflege, Hilfe, Heilung und Nächstenliebe?“ Von oben kam keine Antwort. Ich drehte mich um und versuchte einzuschlafen. Morgen würde ein neuer Tag unter der Leitung von Schwester Benedicta beginnen.

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