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4. Platz:

Charlie Sternennacht

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Hades 9/11

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Die Autorin steigt mit einer Flussreise in den Hades, das griechische Totenreich in den Text ein. Die Erzählerin ist dabei, zu sterben. Das tut zunächst nicht weh, und alles ist sehr idyllisch und ähnelt bekannten Nahtoderfahrungen. Die Idylle kippt jedoch, als die Erzählerin sich zu erinnern beginnt, was geschehen ist: Die Anschläge vom 11. September. Jetzt sind da Schmerz, Feuer, Lärm, Kerosingestank und Notarztsirenen. Die Erzählerin wird gerettet und kehrt ins Leben zurück. Sie hat jedoch ihr Baby verloren.

Das Besondere an diesem Text ist die Art, wie Charlie Sternennacht Realität und Fantasie ineinanderfließen lässt. Das Erleben der Anschläge wirkt ebenso surreal, wie die Flussfahrt ins Totenreich, und man spürt: Weder das Sterben noch ein Ereignis wie 9/11 sind mit rationalem Verstand zu fassen. Es braucht eine Umsetzung in teils irreale Bilder, um der Erfahrung überhaupt nahe zu kommen.


Hades 9/11

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich auf dem Weg in den Hades, die Unterwelt. Anders als erwartet war der Acheron allerdings kein seelengetränktes, stinkendes Abwasser und Charon ähnelte eher meiner Freundin Micha als einem alten, greisen Dämon. Dieses zarte Wesen saß nun vor mir. Während wir zusammen den von saftig grünen Laubbäumen gesäumten Flusslauf entlang ruderten, kamen wir dem nahe, was Sportler wohl unter dem ultimativen Flow verstehen müssen. Das Wasser funkelte, als hätte Zeus selbst Diamantenstaub darüber gestreut und die Sonne wie einen überdimensionalen Spot optimal positioniert. Idyllisch. Aber irgendetwas störte mich. Mir fehlten die Klagerufe der Toten, die mangels ritueller Bestattung keinen Obolus für ihre Beförderung dabei hatten, oder auch die derer, die in den Fluss gestoßen worden waren. Stattdessen zwitscherten die Jungvögel und verkündeten die frohe Botschaft des warmen Frühlings. Frühling? Moment, in wenigen Tagen war Herbstanfang! Zweifel an der Echtheit dieser Szene trieben mich um, doch wagte ich nicht Fragen zu stellen. Zu schön war es hier, zu wohlig fühlte ich mich.

Dabei hatte dieser Dienstag begonnen wie fast jeder andere Tag unter der Woche: Der Wecker klingelte um 05:30 Uhr, einmal drauf drücken, 9 Minuten später meldete er sich erneut und während mein Mann Wolf sich nochmal umdrehte, stand ich auf. Nach gut 45 Minuten im Bad tanzte ich frisch geduscht und bestens gelaunt in die Küche, schaltete das Radio an und setzte einen Tee auf. Im Vorbeigehen hatte ich einen Blick aufs Thermometer geworfen: 9°C. Es sollte heute sonnig werden. 06:30 Uhr, perfekt. Mir blieben also noch 20 Minuten, bis ich los musste ...

Schließlich siegte doch die Neugier. Gerade als ich tief Luft holte, um mich zu erkundigen wie ich zu dieser arkadischen Ruderpartie gekommen bin, drehte sich das eben noch so liebliche Geschöpf um und versetzte mir einen Stich in den Bauch. Jetzt hatte ich meinen Höllensalat. Es regnete Staub und Asche. Ich vernahm berstendes Glas. Teilweise kam es mir so vor, als könne ich es unter der immensen Hitze schmelzen hören, während der Gesang ächzender Stahlträger die wenige verbleibende Luft erfüllte. Menschen schrien, kreischten in der nackten Angst um ihr Leben. Andere beteten. Und dann dieser unerträgliche Gestank ... war das Kerosin? Irgendwo, ganz weit weg, versuchte ein Martinshorn Rettung zu versprechen. Der Boden unter mir knarzte, wackelte, ich hatte das Gefühl zu fallen. Hektische Stimmen. Schmerz erfüllte meinen Körper. Mein Bauch krampfte und ich fühlte mich, als würden mir unzählige Nadeln durch die Haut gestochen. Dann: Stille. Ich öffnete die Augen und sah in drei Gesichter: Zwei Sanitäter und ein Notarzt. Doch nicht die Hölle. Gott sei Dank!

Der Augenblick der Erleichterung hielt leider nicht lange an. Meine Retter teilten mir mit, dass wir auf dem Weg ins Krankenhaus seien: Für den Augenblick konnten sie meinen Kreislauf stabilisieren. Der Notarzt vermutete jedoch, ich würde in den Bauchraum bluten. Genaueres könne man aber erst nach entsprechenden Untersuchungen in der Klinik sagen. Während sie mir viele Fragen stellten, hörte ich aus dem Fahrerhaus das Radio. Die Nachrichten überschlugen sich mit Meldungen aus New York, Arlington und Shanksville. Um 08:46 Uhr Ortszeit war das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers eingeschlagen. 17 Minuten später das zweite in den Südturm. Genau da bin ich im Büro besinnungslos geworden. Ich fiel neben dem großen Fernseher im Eingangsbereich einfach um. „Baby!“ schoss es mir durch den Kopf.

Einige Stunden später erwachte ich aus der Narkose und hatte die traurige Gewissheit alleine zu sein. Als man mich vom Aufwachraum in mein Stationszimmer brachte, setzte sich Wolf an meine Seite. Er empfand genau so. Ich legte meine linke Hand auf meinen Unterleib, wie ich es in den letzten Wochen sooft getan hatte. Unsere gemeinsame Zukunft zu dritt lag in Scherben.

Auch dieses Jahr wird es einen 11. September geben. Wolf und ich werden, wie die Angehörigen der Anschlagsopfer, trauern und nach all den Jahren noch immer versuchen, unser persönliches 9/11 zu verarbeiten.

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