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5. Platz:

Angelika Lanbin

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Die Voodoo-Maske

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde 1

Das Urteil der Jury:

Angelika Lanbin gelingt ein trotz der potenziell unheilvollen Situation leichter und lockerer Text um das Spiel mit dem Feuer: Elli hat in Afrika eine Voodoo-Maske und eine Anleitung für das zugehörige Ritual erstanden. Sie hat jedoch keine Ahnung, was diese Maske angeblich bewirken soll, also tut sie zunächst nichts. Doch Alpträume quälen sie, bis sie bereit ist, das Wagnis einzugehen und das Ritual zu vollziehen – nur, damit ihr Unterbewusstsein sie endlich damit in Ruhe lässt.

Zunächst scheint die Erwartung des Grauens bestätigt, denn nach dem Vollzug des Rituals hört Elli in ihrer Wohnung eine fremde, dunkle Stimme, die nach ihr ruft.

Die Auflösung ist dann ebenso heiter wie vielversprechend: Es ist Ellis Hund, der gesprochen hat. Die Maske befähigt ihren Träger, mit Tieren zu sprechen. In diesem Fall: Ellis Haustiere, die nichts Gefährlicheres im Sinn haben als Fressen und Spielen.

Die Autorin etabliert mit dieser Szene eine Situation, die man gut als Auftakt zu einer längeren Erzählung verstehen und weiter ausspinnen könnte; sie kann aber auch ebenso gut für sich allein stehen.


Die Voodoo-Maske

Elli spähte durch die Augenschlitze der hölzernen Maske und betrachtete sich dabei im Spiegel. Sie hatte die Maske vor einigen Wochen in Westafrika von einem traditionellen Heiler erstanden, der behauptet hatte, sie habe magische Kräfte und mit der richtigen Vorgehensweise könne Elli diese Kräfte beherrschen. Das war natürlich nur ein Marketing-Trick, denn der alte Mann verriet nicht, welche besonderen Fähigkeiten dieses hölzerne Ding angeblich besitzen sollte. Trotzdem hatte Elli seine Anweisungen in ihr Notizbuch gekritzelt, das Stück Holz in ihren Rucksack gestopft und die ganze Sache vergessen, bis sie es zuhause zwischen ihrer Schmutzwäsche wiederentdeckte. Seitdem beherrschte diese Maske ihr Denken. Jede Nacht wachte sie schweißgebadet auf, weil die hässliche Fratze sie mit aufgerissenem Maul und riesigen Reißzähnen aufzufressen drohte.

Elli schauderte und legte das Holzgesicht beiseite. Was, wenn ihr Vorhaben schiefging? Kritisch beäugte Elli ihren nackten Körper im Schlafzimmerspiegel. Sie sollte sich wenigstens einen Bikini anziehen, bevor sie ins Wasser stieg. Vor ihrem geistigen Auge sah Elli ihren entblößten, leblosen Leib in der Badewanne treiben, umringt von fremden Menschen, die Fotos vom Tatort machten. Sie fröstelte bei dieser Vorstellung.

Ach, was sollte schon passieren? Dieser Voodoo-Glaube war doch nichts weiter als ein irrsinniges Hirngespinst. Der einzige Weg, um die grässlichen Albträume loszuwerden, war die Flucht nach vorn. Sie musste ihr Unterbewusstsein nur davon abbringen, sich jede Nacht mit dieser dämlichen Maske zu beschäftigen. Wenn sie den Anweisungen des alten Mannes folgen und das Ritual durchziehen würde, dann hätte der Spuk ein Ende - hoffentlich.

Elli durchstöberte den Schrank auf der Suche nach ihrem Bikini, als ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf schoss: Was, wenn die Maske mit einer halluzinogenen Droge präpariert war? Die Droge würde sich im Wasser lösen, über die Haut in ihren Körper gelangen und sie würde womöglich irgendwelchen Wahnvorstellungen erliegen.

Konnte man solche pflanzlichen Gifte riechen? Elli schnupperte an der Maske, aber sie roch nur muffig und alt. Unsinn. Elli schüttelte den Kopf. Das Ding war nur ein oller Holzkopp, nicht mehr.

Aber es konnte nicht schaden, ein Handy mit ins Bad zu nehmen. Nur für den Fall, dass sie ausrutschte und sich das Bein brach, oder so. Sie fand ihr Handy im Flur auf der Kommode neben dem Hundekorb, in dem ihr alter Dobermann-Mix Harry ein Nickerchen machte. Sie tätschelte seinen Kopf.

„Du passt auf mich auf, ja Harry?“

Harry zuckte mit den Beinen und schien zu träumen.

Elli ging ins Badezimmer und ließ Wasser ein. Dann legte sie sich in die Wanne, presste die Maske auf ihr Gesicht und tauchte unter. Prustend kam sie wieder hoch und rezitierte die Worte aus ihrem Notizbuch: „Ago latisoro eranka.“

Dreimal tauchte sie unter, dreimal kam sie wieder hoch und wiederholte die Worte. Dann hielt Elli inne und verharrte. Was nun? Sie kam sich unendlich albern vor. Die Anweisungen hatte sie ausgeführt, nun sollte die Maske ihre Magie entfalten.

Auf einmal hörte sie eine fremde, dunkle Stimme im Flur, die ihren Namen rief. Erschrocken ließ sie die Maske sinken. Die angelehnte Badezimmertür öffnete sich, Harry trottete herein, setzte sich auf das Fußhandtuch vor der Wanne und sah sie erwartungsvoll an.

„Harry, hast Du das auch gehört?“, flüsterte sie ihm zu.

Als Antwort klopfte Harry nur freundlich mit dem Schwanz gegen die Wäschetruhe.

Wäre jemand in der Wohnung, dann würde der Hund sicher nicht so entspannt dasitzen.

Vorsichtig hielt Elli sich die Maske wieder vor das Gesicht.

„Mensch, Elli-Frauchen, mir ist langweilig. Können wir nicht raus in den Garten und spielen?“, murmelte die dunkle Stimme.

Mit einem spitzen Schrei sprang Elli aus der Wanne, an Harry vorbei und rannte tropfnass ins Wohnzimmer. Ihr Blick fiel auf die Verandatür. Draußen saß Django, ihr rotgetigerter Kater, der sie durch die Glastür anstarrte. Elli hielt inne, holte tief Luft, legte sich mit zitternden Händen die Maske wieder ans Gesicht und öffnete die Verandatür.

„Na Mensch, das wird aber auch Zeit“, maulte Django mit pelziger Stimme. „Ich warte schon ewig hier draußen und habe Hunger.“

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