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1. Preis

Linda Eriksson

für "Katastrophen"

Urteil der Jury:

Yegor kehrt dreißig Jahre nach Tschernobyl nach Prypjat zurück, in das Krankenhaus, in dem seine Frau und sein Kind gestorben sind. Der Text beginnt mit einer Idylle, wird zur persönlichen Tragödie und weitet sich zur kollektiven Katastrophe. Linda Eriksson erzeugt dabei eine Intensität und emotionale Dichte, die man auf so engem Raum nicht oft findet. Erst nach und nach erschließt sich beim Lesen, in was für einem Szenario wir uns eigentlich bewegen. Die Tragweite wird deutlich, wenn man sieht, wie leichtfertig die Jugendlichen mit dem Thema Tschernobyl umgehen – für sie ist es zunächst nicht mehr als ein Game-Szenario. Doch sie werden stiller, zeigen Mitgefühl, als sie Yegor begegnen und seine Geschichte hören. Die Autorin macht deutlich: Solange man eine Katastrophe als Großphänomen betrachtet, bleibt sie abstrakt. Erst, wenn wir ihr im Einzelschicksal begegnen, wird sie greifbar und real. Katastrophen entwickelt dabei eine ähnlich irreal-beklemmende Qualität, wie der im Text zitierte Roman- und Filmklassiker Stalker.

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2. Preis

Tina Pfeifer

für "Das Schnitzel"

Urteil der Jury:

Eine Geschichte über die Doppelmoral einer erzkatholischen Mutter und die Auflehnung ihrer Tochter: Im Wirtshaus bestellt die Tochter – am Karfreitag! – mehr Fleisch als sie essen kann, um die Mutter zu ärgern. Als sie die erboste Mutter mit ihren eigenen fleischlichen Verfehlungen konfrontiert, steht diese endlich zu ihrem Begehren und bestellt ebenfalls Schnitzel. Tina Pfeifer zeichnet ihre Figuren mit einem scharfen, parodistischen Ton. Dabei setzt sie eine leichte Dialektfärbung in den Dialogen präzise dosiert ein, sodass man die Sprechenden wirklich zu hören meint. Aus kleinen Details entsteht ein umfassendes Bild: Der dicke Daumen des Wirts im Spinat, das Klappen der Speisekarte, die zotigen Sprüche vom Nebentisch, die von Brühe durchweichte Serviette. Die Autorin zeigt: Es braucht nicht viele Details, um einen Ort und die Figuren zum Leben zu erwecken – es braucht nur die richtigen Details.

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3. Preis

Frauke Wiese

für "Das Ei"

Urteil der Jury:

Frauke Wiese erzählt mit angenehmer Leichtigkeit von den Beziehungen in einer Familie. Durch die Perspektive des Kindes nimmt man das Geschehen unbefangen wahr, es wird nicht oder anders gewertet, als ein Erwachsener es werten würde. Für das Kind ist dieser Tag ein Glückstag – das wird im ersten Satz so festgeschrieben. Es muss nicht mit zum Friseur, es darf beim Eierfärben helfen. Die Oma und Tante Änne hingegen dürften diesen Tag anders erleben: Beim Friseur werden Omas Locken verbrannt und Tante Änne erstickt beinahe an einem Ei. Während die Oma in ihrer Empörung die Not anderer nicht wahrnimmt und die Tante ihre Gier zu verheimlichen versucht, konzentriert sich das Kind darauf, in aller Seelenruhe die Tante zu retten. Das hat eine feine Komik und etwas Entlarvendes, das aber an keiner Stelle ins Bösartige kippt. Alles in allem bleibt es ein Glückstag, und die Autorin zeichnet ihre Figuren mit Wohlwollen.

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4. Preis

Frauke Kurzawski

für "Feierabend"

Urteil der Jury:

In dieser Geschichte wird eine kleinbürgerliche Idealfamilie dem Beziehungs-Tohuwabohu ein Stockwerk weiter oben gegenübergestellt. Aus der Sicht eines streng patriarchalen Familienoberhaupts erleben wir die Leidenschaft eines Paars, das sich streitet, (vielleicht) fremdgeht, sich wieder versöhnt. Oben ist Chaos, unten ist Ordnung. Natürlich ist uns der Patriarch gleich nicht sympathisch. Frauke Kurzawski präsentiert ihn als ewig Gestrigen, der Frau und Kind unterdrückt. Der Twist ins Komische am Ende des Textes braucht einen Perspektivwechsel. Erst aus Sicht der Nachbarn erkennen wir: Das Verhalten des Familienvaters ist nicht einfach altmodisch, es ist pathologisch; seine Frau und sein Kind sind lediglich Schaufensterpuppen. Oben ist Leben, unten ist Leblosigkeit. So lässt die Autorin den Leser fühlen: Leblos wäre dieses Leben auch dann, wenn Frau und Kind Menschen wären.

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5. Preis

Maria Tekin

für "Der Holzlöffel"

Urteil der Jury:

Perspektivfigur dieser Geschichte ist ein Mädchen, das von der Mutter nicht selten so geschlagen wird, dass der Holzlöffel zerbricht. Das Kind stellt die Taten der Mutter nicht bewusst in Frage, es leidet nur darunter. Wie nur Kinder es können, konzentriert das Mädchen sich jedoch nicht auf den Schmerz, sondern auf das Schöne: die seidige Oberfläche und die Maserung des zerbrochenen Löffels. Es bastelt ein Bettchen für ein Puppenstubenkind daraus und schenkt es der Mutter zu Weihnachten. Maria Tekin bringt hier ganz beiläufig etwas Subversives in den Text. Die Geste der Tochter ist ebenso Liebesbeweis wie der sehnliche Wunsch nach der Liebe der Mutter, ebenso Rache wie Lehre. So erschafft die Autorin auf engstem Raum eine symbolisch aufgeladene Geschichte. Das Kind gibt der Mutter den Löffel zurück, und jetzt ist er das, was er eigentlich sein sollte – ein Zeichen für Liebe und Fürsorge.

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