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1. Platz:

Linda Eriksson

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Katastrophen

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde ll

Das Urteil der Jury:

Yegor kehrt dreißig Jahre nach Tschernobyl nach Prypjat zurück, in das Krankenhaus, in dem seine Frau und sein Kind gestorben sind. Der Text beginnt mit einer Idylle, wird zur persönlichen Tragödie und weitet sich zur kollektiven Katastrophe. Linda Eriksson erzeugt dabei eine Intensität und emotionale Dichte, die man auf so engem Raum nicht oft findet. Erst nach und nach erschließt sich beim Lesen, in was für einem Szenario wir uns eigentlich bewegen. Die Tragweite wird deutlich, wenn man sieht, wie leichtfertig die Jugendlichen mit dem Thema Tschernobyl umgehen – für sie ist es zunächst nicht mehr als ein Game-Szenario. Doch sie werden stiller, zeigen Mitgefühl, als sie Yegor begegnen und seine Geschichte hören. Die Autorin macht deutlich: Solange man eine Katastrophe als Großphänomen betrachtet, bleibt sie abstrakt. Erst, wenn wir ihr im Einzelschicksal begegnen, wird sie greifbar und real. Katastrophen entwickelt dabei eine ähnlich irreal-beklemmende Qualität, wie der im Text zitierte Roman- und Filmklassiker Stalker.


Katastrophen

Yegor hat ihren alten Picknickplatz am Fluss gefunden. Die Bäume sind größer, das Gras höher. Er schließt die Augen, konzentriert sich auf das leise Glucksen des Flusses, das Zirpen der Grillen, das vielstimmige Vogelkonzert.

Hier hatte er Wera an einem ungewöhnlich schönen und warmen Apriltag den Antrag gemacht, und ihr strahlendes Gesicht war ein deutlicheres „ja“, als Worte es je hätten sein können. Ein Jahr später waren sie verheiratet, und er erlebte das glücklichste Jahr seines Lebens. Das folgende Jahr fing noch schöner an, doch genau zwei Jahre nach seinem Antrag, verblutete Wera bei der Geburt ihres Kindes. Der winzige Anton überlebte seine Mutter nur um wenige Stunden und Yegor blieb allein zurück.

Baustellenlärm reißt ihn aus seinen Gedanken. Er öffnet die Augen und sieht in der Ferne den riesigen Sarkophag wie ein monströses Geschwür aufragen. Seufzend wendet er sich ab, schleppt sich zum Auto zurück und fährt in Richtung Stadt. Vor dem Krankenhaus hält er an, zwischen Büschen, die hier überall aus dem Asphalt gebrochen sind. Wie ein alter Mann schlurft er zur Notaufnahme, wo er vor gut dreißig Jahren mit der weinenden Wera vorgefahren ist, bei der die Wehen viel zu früh eingesetzt hatten. Der Kummer greift nach ihm, beißt tief in sein Fleisch, treibt ihm die Tränen in die Augen. Er kann nicht weitergehen.

Da schwingt die Tür der Notaufnahme auf und eine Gruppe junger Menschen rennt kichernd und kreischend aus dem Gebäude.

„Ha, wie geil, wie geil!“

„Ja krass Mann, exakt wie in Stalker.“

Yegor ist entsetzt. Natürlich hat er davon gehört, dass es Filme und Spiele – Spiele! – mit der Katastrophe als Hintergrund gibt. Er hat das nie verstanden, und jetzt steigt Zorn in ihm auf. Er spuckt vor den jungen Leuten aus. „Pfui, schämt Euch!“

„Hau ab, Alter!“

„Hier haben Menschen gelebt, hier sind Menschen gestorben. Dies war ein Krankenhaus, das ist keine verdammte Videospielkulisse. Verschwindet! Ihr habt doch keine Ahnung! Ihr habt keine ...“, seine Stimme bricht, er bricht in sich zusammen und schluchzt hemmungslos.

Ein blondes Mädchen tritt aus der Gruppe, kniet neben ihm nieder, tätschelt ihm unbeholfen die Schulter. Leise fragt sie: „Du warst dabei?“ Ungeschickt versucht sie, ihm aufzuhelfen. Ein Junge kommt dazu und hilft, ihn zu einer verwitterten, grün überwucherten Bank zu bringen. Ein anderes Mädchen reicht ihm eine Flasche Wasser. Die Blonde fragt wieder: „Du warst dabei?“ In ihrer Stimme schwingt aufrichtiges Interesse, nicht Neugier. „Bitte – kannst du uns erzählen, wie es wirklich war?“ Der Rest der Gruppe ist nähergekommen, steht um sie herum, einige setzen sich auf den Boden vor die Bank und sehen ihn erwartungsvoll an.

Und Yegor erzählt seine Geschichte. Von seinem Glück, seiner Liebe, der guten Arbeit im Kraftwerk und der großartigen Zukunft – und dem Tag der Katastrophe. Und dass es für ihn immer seine private Katastrophe war, nie der GAU, von dem er angesichts seines Verlustes zunächst nichts mitbekommen hatte. Wie er seiner toten Frau sein totes Baby in die Arme gelegt hat. Wie er sich in tiefer, zeitloser Dunkelheit gefangen sah, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und ein maskierter Soldat ihn herauszerrte und er mit anderen Menschen in aller Eile aus dem Krankenhaus gescheucht wurde, zu den Bussen. Wie er in Kiew gelandet ist und glaubte, in spätestens einer Woche wieder zurück nach Prypjat fahren zu können. Und dass dann über 30 Jahre daraus geworden sind, zu groß war seine Angst, aber nun ist es egal.

Er erzählt, dass er nicht weiß, was mit Wera und Anton passiert ist, niemand konnte es ihm sagen. Seit damals plagen ihn Alpträume, dass die beiden im Keller des Krankenhauses liegen und ..., dass er es jetzt nicht mehr ausgehalten hat und nachsehen muss. Doch jetzt, wo er hier vor dem Krankenhaus sitzt, kann er es nicht betreten, nicht allein. „Sollen wir mit dir gehen?“, fragt die Blonde. Stumm nickt er, die jungen Leute helfen ihm auf und schweigend begleiten sie ihn hinein. Auf Anhieb findet er den Weg. Ihm stockt der Atem, die Betten stehen noch da, das große und die winzige Babywanne, doch alles ist nackt und kahl, leblos. Die Blonde drückt seine Hand und beginnt leise zu summen. Hallelujah, er hat das oft im Radio gehört. Die anderen jungen Leute stimmen ein, mit ihren klaren Stimmen singen sie und bei der Zeile, Baby, I’ve been here before, I’ve seen this room and I’ve walked this floor, ist er nicht der Einzige, der weint. Als der letzte Ton des Liedes verklingt, flüstert er: „Auf Wiedersehen, Wera, auf Wiedersehen, Anton!“.

Er verabschiedet er sich von den jungen Leuten, die nun still und nachdenklich wirken, steigt ins Auto und fährt zurück zum Picknickplatz am Fluss. Er lässt den Wagen ausrollen, steigt mühsam aus, der Schmerz wuchert nun überall in seinem Körper. Er denkt an jenen Frühlingstag vor vielen Jahren, und setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als er zum Ufer hinuntergeht und weitergeht, immer weitergeht, bis die Fluten über ihm zusammenschlagen.

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