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2. Platz:

Tina Pfeifer

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Das Schnitzel

Schreibdebüt-Wettbewerb 2017 Runde II

Das Urteil der Jury:

Eine Geschichte über die Doppelmoral einer erzkatholischen Mutter und die Auflehnung ihrer Tochter: Im Wirtshaus bestellt die Tochter – am Karfreitag! – mehr Fleisch als sie essen kann, um die Mutter zu ärgern. Als sie die erboste Mutter mit ihren eigenen fleischlichen Verfehlungen konfrontiert, steht diese endlich zu ihrem Begehren und bestellt ebenfalls Schnitzel. Tina Pfeifer zeichnet ihre Figuren mit einem scharfen, parodistischen Ton. Dabei setzt sie eine leichte Dialektfärbung in den Dialogen präzise dosiert ein, sodass man die Sprechenden wirklich zu hören meint. Aus kleinen Details entsteht ein umfassendes Bild: Der dicke Daumen des Wirts im Spinat, das Klappen der Speisekarte, die zotigen Sprüche vom Nebentisch, die von Brühe durchweichte Serviette. Die Autorin zeigt: Es braucht nicht viele Details, um einen Ort und die Figuren zum Leben zu erwecken – es braucht nur die richtigen Details.


Das Schnitzel

„Ein Schnitzel, bitte, und ein großes Bier“, sagte Karina und erfreute sich am entsetzten Blick ihrer Mutter, die Spinat mit Spiegelei und ein Glas Wasser bestellt hatte. Karina hatte zwar keinen großen Hunger, aber allein wegen dieses Blickes ihrer Mutter würde sie das Schnitzel komplett aufessen.
„Karina“, keuchte ihre Mutter, während der Wirt mit dem Notieren der georderten Speisen beschäftigt war, „das geht doch nicht, heute ist Karfreitag!“ Erregt rieb sie das silberne Kreuz, das um ihren Hals hing, zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Du siehst doch, dass ich kann“, meinte Karina schnippisch.
„Sonst noch was?“ Der aufgedunsene Wirt sah vom Block auf und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
„Streichen Sie das Schnitzel“, sagte Karinas Mutter scharf.
„Nein, tun sie das nicht“, fuhr Karina sofort dazwischen. Der Wirt sah von der weißhaarigen Dame, die das Kreuz mittlerweile fast erwürgte, zu der jungen, blonden Frau, die sich lässig durch die Haare strich.
„Also einmal Spinat mit Spiegelei und ein Glas Wasser für die Dame, und ein Schnitzel und ein großes Bier für die junge Frau“, fasste der Wirt zusammen.
„Nein!“, zischte die Mutter.
„Stimmt, bringens mir vorher noch eine Fleischstrudelsuppe, dann passts.“ Karina klappte geräuschvoll die Speisekarte zu und blickte in die schmalen Augen ihrer Mutter, die sie mit ihrem Blick fixiert hatte, wie die Wirtshauskatze die Maus, die gerade aus der Küche gehuscht war. Der Wirt griff mit seinen dicken Fingern nach der Karte und ging, so schnell ihn seine stämmigen Beine trugen, in die Küche.
„Du bist unmöglich!“, mahnte die Mutter.
„Mama, ich bin 31 Jahre alt – ich kann essen, was ich will“, fauchte Karina zurück. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Außerdem bin ich aus der Kirche ausgetreten.“ Die Mutter umklammerte das Kreuz mit der ganzen Hand, als könnte sie den Herrgott auf diese Weise davor bewahren, mitzuhören.
„Du bist was?“, flüsterte sie aufgeregt, ihre Stimme überschlug sich dabei.
„Aus der Kirche ausgetreten bin ich“, wiederholte Karina. Die Mutter bekreuzigte sich.
„Du lieber Himmel“, stammelte sie, sämtliche Farbe war ihr aus dem Gesicht entwichen.
„Mach kein Drama draus“, blieb Karina unberührt.
„Kein Drama? Du hast ein Glück, dass dein Vater nicht mehr lebt, sonst…“
„Sonst was? Hätte er von der Kirche weniger Gehalt bekommen, weil seine heimliche Tochter von der verbotenen Geliebten keine Kirchensteuer mehr einzahlt?“
„Fleischstrudelsuppe?“, der Wirt hielt eine dampfende Tasse, deren Inhalt über den Tassenrand schwappte und die Serviette am Unterteller einweichte.
„Für mich, bitte“, sagte Karina, „und bringens doch einen Schnaps für meine Mutter, ihr ist nicht gut.“
Die Mutter schnappte nach Luft.
„Jawohl, gnä’ Frau“, murmelte der korpulente Wirt beinahe unverständlich und drehte sich schwankend um. Karina nahm den Löffel, der am Unterteller in der ausgeschwappten Suppe schwamm und versuchte, ihre Mutter zu ignorieren, deren Kopf die Farbe des weinroten, karierten Tischtuchs angenommen hatte. Schon beim ersten Bissen zog sich Karinas Zunge wie eine Rosine zusammen – die Suppe war vollkommen versalzen.
„Du weißt, Karina, wenn wir nicht im Wirtshaus wären – ich hätt dir schon längst eine geprackt für Dein Benehmen.“ Die Mutter überartikulierte jede Silbe im Flüsterton, damit der Tochter auch ja nichts entging. Trotzig zerteilte Karina den Fleischstrudel mit dem Löffel.
„Wollns eine Birne, ein Zirberl oder eine geile Nuss?“, rief der Wirt von der Theke und deutete auf die Schnapsflaschen.
„Ich glaub, die geile Nuss würd‘ meiner Mutter gut tun“, antwortete Karina lautstark, was die männliche Stammtischrunde im Eck mit lautem Lachen goutierte.
„Karina“, tönte die Mutter streng.
„Was denn? Bei der Pilgerreise im Herbst hast du ja auch nicht nur das heilige Wasser aus der Quelle getrunken, was man so hört.“ Karina schob die Suppe zur Seite, legte die Ellbogen auf den Tisch und lehnte sich vor, wie ein Polizist beim Verhör. Die Mutter rutschte unruhig auf ihrem Sessel hin und her.
„Was? Was hört man? Wer sagt was?“, stieß sie stakkatoartig hervor.
„Eine geile Nuss, bittesehr.“
„Noch besser wären zwei!“, rief einer von der Stammtischrunde, woraufhin der ganze Tisch johlte.
„Geh Burschen, reißts euch zam“, beschwichtigte der Wirt und ließ Mutter und Tochter wieder allein.
„Dass die Blumen am Grab vom Papa noch frisch waren, als der Jungscharleiter mit der geilen, alten Meixner im Gebüsch verschwunden ist, hört man. Dass es der neue Pfarrer nicht einmal bis zum Altar geschafft hat, bevor ihn die geile, alte Meixner entheiligt hat, hört man. Dass sich der Jesus am Kreuz eine lange Hose und einen Pullover angezogen hat, als Schutz vor der geilen, alten Meixner, hört man.“
Karinas Mutter blickte bleich ihre Tochter an.
„So, einmal Schnitzel und einmal Spinat“, verkündete der Wirt, den Daumen seiner linken Hand tief in den Spinat gedrückt.
„Nehmens das wieder mit“, sagte die Mutter ruhig, ihren Blick auf die Tochter gerichtet, „ich nehm auch ein Schnitzel.“

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